Griechenland

Ein Sommer von der Hand in den Mund

Wie die Daten der Statistik Austria zeigen, wurden von Österreichern in den Monaten Juli bis September vor 2020 rund 250.000 Urlaubsreisen nach Griechenland durchgeführt. Wobei diese Destination bereits seit Jahren den vierten Platz der beliebtesten Auslandsreisedestinationen, hinter Italien, Kroatien und Deutschland, behaupten konnte. Ein Livebericht von Peter Laimer aus Kreta in COVID-19 Zeiten.

Es ist Juli 2020 und wir bzw. eine befreundete Familie haben beschlossen, die bereits zu Beginn des Jahres gebuchte Urlaubsreise nach Kreta/Paleochora (zum achten Mal) anzutreten. Schon das Gespräch mit dem Taxifahrer, der uns zum Flughafen Wien brachte, ließ allerdings erahnen, was uns am Flughafen Wien nicht erwartet: Viele Reisewillige, die sich eine Urlaubsreise außerhalb der österreichischen Grenzen gönnen. Bereits der erste Blick ins Flughafengebäude offenbarte: COVID-19 zeigt für den Reiseverkehr Wirkung und zumindest in diesem Sommer scheint die Sorge vor Auslandsreisen größer zu sein, als das Bedürfnis, außerhalb der Grenzen Österreichs zu urlauben.

Schon im Warteraum des Abflug-Gates zeigte sich, dass der Flieger nur halbvoll zu sein scheint, was sich dann – nachdem alle ihre Sitze eingenommen hatten – auch bewahrheitete. Der Flug selbst verlief planmäßig und unspektakulär, auch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes fiel leichter, als zu Beginn vermutet.

Bei der Ankunft am Flughafen Chania wurde aber klar: Es wird nicht so sein, wie im Vorjahr. Denn der Flughafen präsentierte sich leer, Geschäfte und Gates waren teils geschlossen bzw. kaum frequentiert, das gleiche Bild auch vor dem Flughafengebäude. 

QR-Code, Quarantäe & MNS

So wie alle ab 01. Juli 2020 in Griechenland ankommenden Gäste mussten auch wir vorab ein Formular zum Erhalt eines QR-Codes mit allerlei Informationen ausfüllen, welches Einreisebedingung ist und letztlich auch dazu dient, Kriterien für einen gegebenenfalls durchzuführenden Corona-Test vor Ort festzulegen. So war es dann auch, wobei sich rd. die Hälfte der Fluggäste – kein Wunder, wir waren zu dem Zeitpunkt die einzigen ankommenden Gäste – einem Test unterziehen und sich anschließend 24 Stunden im reservierten Hotel in Quarantäne begeben mussten. Auch uns traf es, wobei – nachdem keine Rückmeldung seitens der griechischen Gesundheitsbehörden erfolgte – der Aufenthalt nach der kurzen Quarantäne ungetrübt fortgesetzt werden konnte. 

Wie uns der Taxifahrer – so wie wir mit Mund-Nasen-Schutz ausgestattet – auf unserer Fahrt nach Paleochora erzählte, sind aktuell die meisten von Pauschaltouristen frequentierten Hotels im Norden Kretas geschlossen, haben doch die großen Reiseveranstalter bereits im Frühjahr viele Reisen abgesagt. 

Besser könnte es da im Laufe des Sommers kleineren Orten im Süden der Insel gehen, hofft man dort auf Individualtourist bzw. langjährige Stammgäste, die trotz der widrigen Umstände anreisen. Stammgäste, die schon über Jahre oder gar Jahrzehnte kommen, sind weniger ängstlich und kommen eher meist trotz schwieriger Umstände in die über Jahre bekannte und aus deren Sicht sichere Destination; man weiß aus jahrelanger Erfahrung, worauf man sich einlässt. Und das ist letztlich dem individuellen Sicherheitsgefühl zuträglich.

Die Sorgenfalten werden größer 

Wenngleich eine geringe Anzahl von Touristen vor Ort unserem Urlaubsverständnis durchaus zuträglich ist, ist das Ausbleiben der Gäste für die griechische Tourismuswirtschaft folgenschwer. „Es ist eine Katastrophe“, brachte ein befreundeter Restaurantbesitzer die Situation auf den Punkt, denn der Umsatz liege drei Viertel unter jenem des Vorjahres, jegliche im Winter getätigten Investitionen sind damit bei weitem nicht abdeckbar, ganz zu schweigen von den laufenden Personal- bzw. Betriebskosten. Aus seiner Sicht sei die in Mittel- und Nordeuropa beworbene „Stay in your own country Strategie“ zwar grundsätzlich verständlich, aber der lokalen griechischen (Tourismus)Wirtschaft nicht dienlich, noch hinzufügend, dass die Zahl der mit Corona infizierten Personen – zu Beginn des Sommers – deutlich unter jener vieler mittel- und nordeuropäischer Länder liege.

Abgesehen von den Hotel- und Restaurantbesitzern bzw. den damit in Zusammenhang stehenden Berufsgruppen (wie Köche, Kellner, Reinigungspersonal usw.), trifft es auch die vielen Kleinhändler, die selbst in guten Saisonen von der Hand in den Mund leben und ihren im Winter produzierten Schmuck diesjährig erst recht mangels Kunden nicht verkaufen können. Viele Familienbetriebe haben zumeist zwar eine zweite Einkommensquelle, z.B. die Produktion von Oliven, doch auch letztere scheint im Jahr 2019 witterungsbedingt schlechter als im Durchschnitt der Jahre davor ausgefallen zu sein, die sinkenden Preise am Markt tun das Ihrige dazu, die Wirtschaftlichkeit dieser zusätzlichen Einnahmequelle in Frage zu stellen. 

Besonders bedeutend scheint dieser Tage der fast stündliche Blick auf das Handy zu sein, vor allem auf die Webseite des örtlichen Flughafens, um zu erfahren, wie viele Flugzeuge aus welchen Ländern ankommen. Dennoch lässt sich auch erkennen, dass die Griechen durchaus mit einer gewissen Sorge die Ankunft der Gäste aus dem Norden betrachten, kommen diese doch aus Ländern, deren COVID-19- Fallzahlen deutlich über dem griechischen Niveau liegen. 

Wie in nord- und mitteleuropäischen Ländern wird auch in Griechenland der inländische Gast beworben, doch hängt die Tourismuswirtschaft zu mehr als 80 % von Gästen aus dem Ausland ab. Schon die für Griechenland so wichtige Vorsaison fiel ins Wasser, das zu erwartende Ausbleiben ausländischer Gäste im Sommer 2020 wird die Bilanz noch weiter negativ belasten. 

Eine schmale Gratwanderung

Eine ohnedies seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 angeschlagene griechische Wirtschaft manövriert somit neuerlich in ein Negativwachstum, denn der Tourismus spielt in Griechenland wirtschaftlich eine nicht unbedeutende Rolle. Laut der Bank of Greece betrugen die Einnahmen durch ausländische Gäste im Jahr 2019 rd. 18 Mrd. Euro, das sind gemessen an den gesamten Dienstleistungsexporten (40 Mrd.) rd. die Hälfte. Der Großteil der Einnahmen – nämlich rd. zehn Milliarden – wird im dritten Quartal und damit im Sommer generiert. 

Es ist sicherlich eine Gratwanderung, einerseits die Reisetätigkeit nach Griechenland zu forcieren und sich damit andererseits gegebenfalls mehr Corona-positive Personen ins Land zu holen. Diesbezüglich geht es wohl allen touristischen Destinationen gleich, Risiko und Nutzen entsprechend abzuwägen. In jedem Fall ist die Europäische Union gefordert, eine gemeinsame und für alle tragbare Lösung, was die zu setzenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betrifft, zu finden. Dabei gilt aber auch sicher zu stellen, dass der freie Personenverkehr, als eine der vier Grundfreiheiten der EU, auch weiterhin hochgehalten wird. Ähnlich wie beim Thema Migration, von dieser Griechenland in besonderer Weise betroffen ist, bedarf es einer mit allen EU-Ländern akkordierten Vorgangsweise, denn weder das COVID-19 Virus noch die mit Migration einhergehenden Herausforderungen machen Urlaub.   

Dr. Peter Laimer ist Tourismusexperte der Statistik Austria; er besucht seit Jahren das südwestliche Kreta und hat große Teile der Küste bzw. des angrenzenden Bergmassivs durchwandert.

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