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REDbook – „El sombrero está en llamas“

Die Sommersaison 2022 wird eine gute, vermelden sowohl die heimischen Tourismus-Dienstleister wie die Reisebranche mit ihrem wieder bestens bestückten internationalen Bauchladen. Während das Angebot mit der Nachfrage korreliert, Reisebeschränkungen und Masken-Tragepflicht aktuell auch kein Thema sind, sorgt der sich mittlerweile pandemisch ausbreitende Arbeitskräftemangel quer durch fast alle Wirtschaftsbereiche und besonders stark in der touristischen Leistungskette für immer tiefere Sorgenfalten.

Die Reisebranche jubelt. Airlines vermelden stark steigende Buchungseingänge und volle Flieger und Flughäfen demzufolge eine immer höhere Frequenz. So liegt der Flughafen Wien gemessen am Flugaufkommen von 2019 aktuell bei 80 % Auslastung, im Sommer – also in ein paar Wochen – sollen es bereits 90 % gegenüber Vorkrisen-Niveau sein. Dieser für die von der Coronakrise besonders hart getroffenen Reisebranche erfreulichen Perspektive folgt auch der heimische Tourismus. Wenngleich man nach zwei „geliehenen“ Jahren im dritten Sommer mit Corona – die Pandemie ist bekanntlich noch nicht vorbei – und der (vorläufigen) Rückkehr zur uneingeschränkten Reisefreiheit die Sommergäste wieder mehr mit Meer teilen muss.

Wie es zudem eine Frage des Preises sein wird, so auch die realistische Einschätzung des Präsidenten der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), Walter Veit. Weil halt zu der altbekannten Tatsache, dass Urlaub in Österreich im Vergleich zum All Inclusive Sommerspaß etwa an der türkischen Riviera von jeher die teurere Urlaubsvariante ist, und dieser Unterschied wird durch den Verfall der türkischen Lira – im Gegensatz zu vielen anderen beliebten mediterranen Sommerzielen sind die Preise für einen Türkei-Urlaub um lediglich drei Prozent gestiegen – nun noch deutlicher. Dazu kommt, dass die Teuerungswelle besonders im Energie- und Lebensmittelbereich wie ein traditionell höheres (EU) Lohnniveau Preisanpassungen in den heimischen Betrieben fast unausweichlich machen. Alles also auch eine Frage der Leistbarkeit, wieviel Geld kann der Konsument für Ferien in Österreichs Bergen und an den wunderschönen Seen letztlich ausgeben. Dennoch, Österreich sells, Urlaub von Tirol bis Kärnten – die traditionell beliebtesten Sommerziele deutscher Gäste aber auch aus anderen Quellmärkten – liegt hoch im Kurs. Demzufolge ist das Erreichen des Vorjahresergebnisses von rd. fünf Mio. Gästen als genannte Zielsetzung möglicherweise doch eine zu vorsichtige.

Weil, und diese Komponente ist ein Schuh, der, ob Incoming oder Outgoing, alle Touristiker, Hotelliers, Gastronomen, Touristiboards, Reiseveranstalter, Reisebüros usw. gleichermaßen immer stärker drückt: Der immer eklatanter werdende Arbeitskräftemangel macht sich mittlerweile in einer Angebotsreduzierung bzw. im Qualitätsverlust bemerkbar. Kolportierte 25.000 Mitarbeiter fehlen österreichweit in den Hotel- und Unterkunftsbetrieben, Flughafen-Dienstleister wie Swissport (weltweiter Marktführer für Bodenabfertigung und Luftfracht) rekrutiert 30.000 Mitarbeiter, gerade in diesem Marktsegment wie auch bei den Sicherheitsdienstleistern rächt sich nun der während der Coronakrise durchgeführte aber halt auch wenig vorausschauende massive Stellenabbau bzw. macht sich jetzt, wie es das Handelsblatt formuliert, die schlechte Bezahlung bemerkbar.

Auch Fluglinien, die aktuell über einen wahren Buchungsboom jubeln, pfeifen mitarbeiterseitig aus dem letzten Loch. So hat etwa die Lufthansa Group, zu der auch Austrian Airlines gehören, coronabedingt jede vierte Stelle gestrichen und hat damit auch gleich die stets hochgehalte Service – und Qualitätsfokussierung im Sinne des Passagiers mitverabschiedet. Wer in den letzten Wochen beispielsweise versucht hat, etwa bei der Austrian Serviceline kürzer als eine Stunde in der Wartschleife zu hängen und dann erfolgreich seines Problems „bedient“ wurde, darf sich glücklich schätzen. Denn mehrheitlich bleiben diese Anrufe unangenommen und hinterlassen einen verärgerten und mit seinem Anliegen alleine gelassenen Kunden, den man aber für sein Ticket – Stichwort Teuerung – entsprechend zahlen lässt. Und dass Airlines wie Easyjet auf ihre mittlerweile große Personalnot mit verringertem Sitzplatzangebot und der somit möglichen Crew-Reduzierung reagieren, macht nicht nur das Personal-Dilemma in dieser Branche transparent, sondern wirft auch die Frage der Sicherheit an Bord aber auch am Boden auf.

Wer weiß, vielleicht übernehmen ja bald Bord-Bots das Service über den Wolken. Die sich in Ermangelung von echten Serviceleistungen und der nicht mehr notwendigen Interaktion von Mensch zu Mensch rein auf das Austeilen von Nichts – mehr gibt’s ja schon lange nicht mehr - beschränken und dem Passagier gegebenenfalls gegen Einwurf von ein paar Münzen das „frische“ Weckerl mit stereotypem Lächeln aufs Klapptischchen legen.

Not macht halt erfinderisch, so sagt man. Aber nicht alle Erfindungen sind auch gute (Not)Lösungen. Wie jene von der Tiroler Landesregierung an die Tirol Werbung herangetragene Aufgabe, in EU-Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit – vorrangig in Spanien oder Portugal – nach Mitarbeitern zu suchen. „Das Werben um Mitarbeiter wird auch eine Aufgabe der Tirol Werbung sein“, so der Tiroler Landeshauptmann und Tourismusreferent Günther Platter (Quelle KURIER). Ja eh, wir leben ja schließlich in einem „geeinten“ Europa und bezahlen mit Euro, also kann auch ein lapidarer Sprach- und Kulturunterschied keine wirkliche Barriere in der Dienstleistung darstellen. Oder wie es Tirols Tourismus-Spartenobmann Mario Gerber sagt: „Es wird künftig keine Selbstverständlichkeit mehr sein, dass Mitarbeiter Deutsch sprechen, die englische Sprache muss im Tourismus akzeptiert werden,“ (Zitat KURIER). Daran ist grundsätzlich nichts falsch, hätte aber gerade in einem Tourismusland wie Österreich immer schon und somit auch für den österreichischen Mitarbeiter – halt in guten Zeiten, als man noch reichlich über Personal verfügte, sich aber über echte Internationalisierung und Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter keine großen Gedanken gemacht hat – gelten müssen.

Jetzt da der Hut brennt, allerdings vom ausländischen Gast zu erwarten, dass er einerseits zumindest radebrechend des Englischen mächtig ist, um sich bei José sein Wiener Schnitzerl mit Händ und Füß zu bestellen, und dieser ihm dann hoffentlich keine Paella serviert, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Vielmehr aber ist dieses Experiment, gerade wenn man sich das Mascherl bester Gastlichkeit, Ursprünglichkeit und Authentizität umhängt, gefährlich. Weil nämlich nicht mehr drinnen ist, was weltweit auf der Urlaubspackung Österreich draufsteht und damit Service ganz schnell nicht mehr our success ist. Oder wie José sagen würde: El sombrero está en llamas. Dann brennt nämlich nicht nur der Tiroler Hut lichterloh!

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