traveller

REDbook – Reisebüros am Scheideweg?

Wann der Mensch zum echten Reisenden wurde, wann er also nicht bloß aus reinem Überlebenstrieb und zur Erhaltung der ganzen Sippe seinen gewohnten Lebensraum zwecks Wasser- und Nahrungssuche oder auch um Naturkatastrophen auszuweichen, verließ, ist nicht belegt. Irgendwann muss ihn aber wohl der Drang, die Welt außerhalb seiner geschützten „Höhle“ aus reiner Neugierde zu entdecken, überkommen sein und das große Reisen aus Spaß an der Freud nahm seinen Lauf.

Anfangs noch eher wagemutigeren Abenteurern und Pilgern im Auftrag Gottes, dann höheren Schichten und einer betuchteren Klientel vorbehalten, ist es wohl Thomas Cook zu verdanken, dass Reisen heute zur schönsten Freizeitbeschäftigung des Menschen und damit zu einem mächtigen und wichtigen Wertschöpfungsfaktor für die Weltwirtschaft wurde.

Als Thomas Cook am 05. Juli 1841 570 Passagiere mit der damals neumodischen Dampf-Eisenbahn von Leicester ins 17 Kilometer entfernte Loughbourogh brachte, konnte der gelernte Schreiner nicht ahnen, welchen geschichtsträchtigen Meilenstein er damit legte. Denn mit seinem Reisepaket – die Bahnfahrt, alkoholfreie Getränke und Bespaßung inklusive – war die Pauschalreise erfunden, und damit der Grundstein für einen Weltkonzern gelegt, der 177 Jahre später im eigenen finanziellen Fiasko unterging. Das kollektive weltweite Reisefieber brachte das Geschäft bald richtig zum brummen. Thomas Cook eröffnete 1845 im englischen Leicester das allererste Reisebüro – die Basis für das Geschäftsmodell, das zum unerlässlichen Kompetenzzentrum für alle Formen von Urlaubs- und Geschäftsreisen – weit über die klassische Pauschalreise hinaus.

Verlässlich, persönlich und sicher – dafür stehen Reisebüros von jeher und haben sich gerade in Krisen- und Katastrophenzeiten für den Kunden stets als besonders wertvoll erwiesen. So auch jetzt, da die Corona-Pandemie Reisen seit nunmehr einem Jahr verunmöglicht, standen und stehen die Reisebüros für ihre Kunden wie ein Fels in der Brandung, haben alles auf Heller und Pfennig rückerstattet und laufen jetzt – da sie bei nahezu Null Einnahmen seit Monaten nur mehr von der Hand in den Mund leben – selbst Gefahr, auf der Strecken zu bleiben. Denn, was bis jetzt eher noch schleichend passierte und – das muss leider gesagt werden – nicht wirklich ernst genommen wurde, nimmt durch die Corona-Pandemie fast ungebremst Fahrt auf. Mr.C beschleunigt die Digitalisierung des klassischen Reisebüros, und glaubt man dem Daten- und Analyseunternehmen GlobalData, steht der Reiseeinzelhandel und damit auch der stationäre Reisebürovertrieb gerade am Scheideweg. Weil sich coronabedingt das Konsum- und Kaufverhalten verändert und immer mehr in den Onlinebereich wandert.

Schauen wir nur in den Textilhandel, da ist man als Reisebüroinhaber dann „eh noch gut bedient“. Was nicht viel heißen mag, weil der Fortbestand der stationären Reisebüros mit den stetig steigenden Onlinebuchungen ja schon seit einigen Jahren die Rute im Fenster hat, und, so Johanna Bonhill-Smith, Travel & Tourism Analyst bei GlobalData, „der Erfolg in 2021 größtenteils von einem guten Cash-Flow abhängen wird“. Genau da hat aber klassische Reisebüro, wie man so schön sagt, die A-Karte, weil einerseits die Kostenstruktur gegenüber den OTAs mit ihren Asset-Light-Geschäftsmodellen eine völlig andere ist und dann noch das Loch in der Kassa „dank“ Corona und dem konsumentenfreundlichen Verständnis der Reisebüros immer größer wird. 

„Fehlende Einnahmen und eine hohe Rückerstattungsquote setzen den Reisebüros massiv zu, dazu hohe Fixkosten wie Mieten etwa in Einkaufscentern, lassen die Liquidität der stationären Reisebüros im Vergleich zu den OTAs weiter schrumpfen,“ so Bonhill-Smith. Schließungen waren im letzten Jahr dann oft schon die letzte Konsequenz, bei weiter anhaltender Perspektivenlosigkeit und dem „Europäischen Regierung-Reiseverständnis“ werden wohl noch weitere dauerhaft dicht machen müssen. So drehte etwa STA Travel im August 2020 in mehr als 50 britischen Büros endgültig das Licht ab, auch das britische Flight Center schloss von gesamt 740 Büros 421 und TUI UK hat zu den bereits 2020 geschlossenen 166 Filialen im noch jungen 2021er Jahr weitere 48 dicht gemacht. Wie viele von den noch verbliebenen 314 Büros mit dem markanten Smiley am Portal in UK letztlich übrig bleiben, wird man angesichts der Ansage, das Reisegeschäft weiter digitalisieren zu wollen, sehen.

Gut, wir sind nicht Großbritannien, die Online-Affinität beim Reisen buchen hält sich im kleinen Österreich (noch) in Grenzen. Ignorieren sollte man die Zeichen der Zeit deswegen aber nicht, denn auch bei uns wird die Reisebürodichte nach Corona eine lichtere sein und OTAs verstärkt die Lücken füllen.

Wie sich Kunden- und Kaufverhalten verändern, verändert sich auch die Reisebranche, was beim Blick auf die Vielfalt, die aus der ersten Pauschalreise anno 1841 entstand, deutlich wird: Von typischen Ladengeschäften bis zu Online-Händlern, von standardisierten Pauschalreiseangeboten bis zu maßgeschneiderten, dynamischen Produkten, vom Volumensgeschäft und Massentourismus bis zu nachhaltigeren und individuelleren Reiseformen, von der einfachen Buchung bis zur Verwaltung komplexer Reiserichtlinien von Großunternehmen, es gibt eigentlich nichts mehr, was es nicht gibt in der riesigen Angebots-Palette. Reisebüros und Reiseveranstalter bleiben auch nach Corona zentraler und unerlässlicher Faktor für den Vertrieb und die Förderung von Reisen und Tourismus, sowohl im B2B als auch im B2C-Segment und damit ein unverzichtbarer und Bestandteil der großen touristischen Wertschöpfungskette. In dem das Reisebüro mehr denn je für den Kunden einen Fixplatz haben muss.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter

Mit nur einem Klick zur Anmeldung für Newsletter und E-Paper. Immer up2date in der Touristik mit dem traveller.

Anzeige

Aktuelles E-Paper

Touristik Telefonbuch 2019

Anzeige
Anzeige