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REDbook – Quo vadis Tourismus?

Barcelona, Dubrovnik, Venedig, Berlin, Wien – es ist einfach ein Wahnsinn, in welchem Tempo heute Städte von einer riesigen Reisekarawane überrollt werden, die längst auch vor kleineren, touristisch noch weniger verbrauchten Örtchen und Inselchen abseits des touristischen Mainstreams nicht Halt macht.  Die im Eilzugtempo von einem europäischen Hotspot zum nächsten zieht und unter Wertschöpfung gerade einmal den Kauf einer Flasche Wasser und vielleicht – wenn’s gut kommt – noch eines bunten Kühlschrankmagneten als Mitbringsel für Daheim versteht. Sie merken schon, wovon die Rede ist: Von Overtourism und den touristischen Unheilsbringern, die Städte wie die Heuschrecken überschwemmen und den Einheimischen ihren Lebensraum vergällen. Doch das war vor Corona, denn jetzt, da sie nicht mehr da sind und wohl auch in dieser Dichte nicht so rasch wiederkommen werden, werden sie allerorts schmerzlich vermisst und die bunten Kühlschrankmagneten damit zu Ladenhütern.

Vor lauter Menschen sieht man das Kolosseum und den Trevi Brunnen nicht. Menschenmassen aller Kulturen und Hautfarben schieben sich vom Quirinal über die Spanische Treppe bis zur Piazza del Popolo, über die Via del Corso und Via Condotti bis zur Piazza Navona und auch der Schiefe Turm von Pisa lässt seine volle Schräglage in Anbetracht der touristischen Völkerwanderung, die sich Handystick schwingend über die Piazza dei Miracoli schiebt, nur erahnen. Diese „Weltenbummler“ nennen das Sightseeing, wovon ein Selfie so schräg wie der berühmte Turm zeugt, die antiken Bauwerke und historischen Sehenswürdigkeiten sind dabei nur perfekt ins Bild passende Statisten. Geraten zu bildgerechten Nebensächlichkeiten, die man im Dauerlauf durch Rom, Barcelona, Venedig und viele weitere Metropolen mitnimmt, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Mehr als sieben Millionen Besucher (Stand 2018) zählte alleine das größte je im antiken Raum erbaute Amphitheater jährlich, eine Nebensaison gibt’s für das imposante Bauwerk dabei keine. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie es hier in der Hochsaison zugeht, wenn in Civitavecchia täglich bis zu 17 Kreuzfahrtschiffe anlegen und sich tausende von Gästen Richtung Rom zum „Selfie-Sightseeing“ aufmachen. Da möchte man kein Römer sein, man möchte aber auch kein Venezianer oder Barcelonier sein, denn Rom und das Kolosseum stehen nur als Beispiel vieler Extreme, die der Tourismus erzeugt.

"Erzeugte" muss es jetzt korrekt heißen, denn seit sich Mr. C von Barcelona bis Dubrovnik, von Venedig bis Berlin, von Wien bis Hallstatt unter die Touristen mischte, ist Schluss mit der großen Sightseeing-Reiselust. Overtourism also over und aus? Ein Weilchen wohl schon, denn bis die internationale Reisetätigkeit und damit die volle Erreichbarkeit der beliebten Metropolen wieder gänzlich hergestellt ist, wird es ebenso dauern, wie auch die Menschen wieder Vertrauen in einen unbeschwerten Städtetrip erlangen müssen.

Eine triste Perspektive für alle im Tourismus Beschäftigten, vor allem aber für jene Bevölkerungsschichten, für die das touristische Geschäft – meist ein sehr kleines Groschengeschäft – die Existenzgrundlage bildet. Aber eigentlich kann heute kein Land mehr, egal wie groß und wirtschaftlich stabil, auf die Einnahmequelle aus der touristischen Leistungskette verzichten. Und genau dieser lukrative und weltweit am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig hat jetzt durch Corona eine Vollbremsung hingelegt und niemand weiß, wann er wieder so richtig Fahrt aufnehmen wird.

Die Anzahl der grenzüberschreitenden Reisen ist heute zehnmal so hoch wie noch vor 50 Jahren und mit knapp 1,5 Mrd. internationalen Ankünften erreichte das weltweite Tourismusaufkommen in 2019 ein "all time high"-Ergebnis. Alleine nur am Beispiel von Paris – die Seine-Metropole war nach 2018 auch 2019 mit rd. 19. Mio. internationalen Touristen die meistbesuchte Stadt der Welt – wird bei etwas mehr als 2,14 Mio. Einwohnern die ganze Dimension einer Entwicklung deutlich, die, wenn sie in dieser Dynamik weitergegangen wäre, wohl zum Herzstillstand des gesamten touristischen Systems geführt hätte. Darüber sind sich auch wirklich kluge Köpfe einig, denn wenn der Schaden an Natur und Umwelt – auch ausgelöst durch touristischen Raubbau – irreparabel wird und den Menschen in ihrer Heimat der Lebensraum genommen wird, muss man längst die Frage stellen: Quo vadis Tourismus?

Nutzen wir also jetzt die Zwangspause und ergreifen die Chance, Tourismus nachhaltig und ökologisch verträglich neu zu denken. Vernünftige zukunftweisende Ansätze gibt es reichlich, wir müssen nur endlich anfangen, sie umzusetzen. Verabschieden wir uns vom Billigtourismus, wie wir ihn bis dato kannten. Denn sonst sägen wir an dem Ast, auf dem wir alle sitzen.

Zahlen Quelle: https://de.statista.com

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