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REDbook – Göttliche Synergienfindung

Dass Kirchen und Kathedralen als Orte des Gebets, der inneren Einkehr, der Begegnung mit dem, was der Mensch, der Gläubige, seinen Gott nennt und – gerade in schlechten Zeiten – als Orte der Zuflucht gelten, ist eine jahrtausendealte Tradition und gehört wie das Tabernakel zu jedem noch so kleinen Kirchlein dazu. Das wussten die Menschen bereits in der Antike und im Alten Testament und flüchteten, wenn‘s draußen in der weiten Welt mal wieder Kampf und Krieg gab – also dauernd – schutzsuchend in den sakralen Raum, woraus sich im späten Römischen Reich das auch heute noch gültige Kirchenasyl entwickelte. Heute sind Kirchen und Kathedralen vor allem touristisch hochfrequentierte Orte und gelten aufgrund ihrer Mächtigkeit und ihrer architektonischen wie künstlerischen Besonderheiten als Fixpunkte in jedem Sightseeingprogramm.

Von Touristenmassen, die im Citytour-Marathon von einer Sehenswürigkeit zur anderen hetzen, die zwischen der Wiener Stephanskirche mit Meister Pilgrams Fenstergucker, der außergewöhnlichen Apsis in der möglicherweise ältesten Wiener Kirche, der Peterskirche oder Wiens erster Pfarre, der am Gebiet des ehemaligen römischen Militärlagers Vindobona liegenden Ruprechtskirche oft wenig ehrfürchtig, dafür umso lauter, gerne nur spärlich bekleidet, mitunter auch eisschleckend und Fast Food essend im Konvoi ihre Bildungsreise absolvieren, kann ja gerade keine Rede sein. In Wiens berühmten Kirchen ist wieder die in sakralen Bauten grundsätzlich wohnende Stille eingekehrt, was an sich nicht verkehrt ist. Auch wenn natürlich der Stadt Wien, den Cityhotels, der Gastronomie, den Fiakern, wenn der langen touristischen direkten und indirekten Leistungskette die „Kundschaft“ fast schon wie das Atmen zum Leben fehlt und das Loch im Börsel immer größer wird, weil ein kleiner Virus meint, die weltweite Touristenkarawane abrupt stoppen zu müssen, für die erzdiözeslichen „Betriebe“ bedeutet die Besucher-Zwangspause doch auch ein Stückweit den Weg zurück zum Ursprung.

So beginnt man auch dort und da die Bremse für die Zeit „danach“ zu ziehen, denn die Reiseströme sind ja nicht auf ewig versiegt, sie werden wieder kommen, möglicherweise dichter und größer als zuvor. Der Salzburger Dom bereitet sich bereits darauf vor und wird ab 2021 einen sogenannten Domerhaltungsbeitrag von den Touristen einheben. Beten bleibt weiterhin kostenlos, wie die Erzdiözese Salzburg explizit betont. Mit dem touristischen Eintrittsgeld steht der unter Denkmalschutz stehende und zum UNESCO Welterbe „Historisches Zentrum der Stadt Salzburg“ zählende Barockbau aber nicht alleine da. Ein Obolus fürs Kirche schauen ist in vielen berühmten Sakralbauten längst opportun. Italiens Kirchen wie die berühmte Basilika Santa Croce in Florenz, der Dom von Orvieto, die Kathedrale in Pisa, Roms und Venedigs wichtigste Kirchen und natürlich die weltberühmten Uffizien gibt’s nicht umsonst zu sehen. Ebenso Londons St. Paul’s Cathedral, Cordobas gigantische Mezquite oder Barcelonas Sagrada Familia, die Liste der Gotteshäuser, die einen Blick aufs Allerheiligste nur gegen Einwurf einer Münze gewähren ist europaumspannend und in Anbetracht der riesigen „Vorcorona“ Reisekarawane verständlich. Wenn, und darauf weisen vor allem Kunstexperten von Rang hin, aus dem touristischen Kleingeld kein gewinnbringendes Geschäftsmodell gemacht, sondern das eingenommene Geld zur Erhaltung der Kunstschätze und Bauwerke zweckgebunden verwendet wird. Kirchen dürfen ihre alte Funktion als religiöse Stätten nicht verlieren, wie es beispielsweise der Florentiner Kunstexperte Antonio Paolucci anmerkt und müssen mit ihren wichtigen Kunstschätzen für alle offen stehen. Es muss also ein Miteinander werden – Schutz vor Massentourismus und dennoch offene Kirchentüren für alle Menschen. Dem Salzburger Beispiel wird man im Wiener Stephansdom übrigens nicht folgen, weil hier Teile – etwa die Katakomben und die Türme (aktuell aufgrund von Corona gesperrt) sowieso längst nur mit bezahlten Führungen zu besichtigen sind. Für den Rest des Steffls, so Dompfarrer Faber im KURIER, sind derzeit keine Änderungen geplant.

Apropos offene Kirchentüre: Joseph Farrugia, Pfarrer der Wiener Votivkirche und damit „Hausherr“ eines der bedeutendsten neugotischen Sakralbauwerke und im „Zweitberuf“ Tourismus-Seelsorger der Erzdiözese Wien, öffnete Anfang Oktober für die Studenten der Wiener Universität die Kirche. Er stattete gemeinsam mit der Uni Wien Gottes „Wohnzimmer“ mit Heizstrahlern und WLAN aus und machte damit sein großes Kirchenschiff zum coronatauglichen Hörsaal. Die Kirche als multifunktionaler Ort der Begegnung also, was Pfarrer Farrugia in seiner Votivkirche ermöglicht, kommt moderner Synergienfindung gleich. In diesem Fall sogar mit göttlichem Beistand.

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