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REDbook – Es sind gerade mal 30 Jahre Zeit!

„Die Erde ist in keinem guten Zustand“, sagte Leonore Gewessler anlässlich des Tags der Erde am 22. April im KURIER Interview und damit hat die österreichische Klimaministerin auch völlig Recht. Nur ist diese vermeintliche Erkenntnis leider ein schon ziemlich abgetragener Hut. Verantwortlich für die schlechte Verfassung ist alleine und schon lange der Mensch, der sich die fast schon unheilbare Krankheit des Planeten auf dem er lebt, seit Jahren plattitüdenhaft schönredet. Einmal im Jahr, von Nord bis Ost und West bis Süd, medienwirksam das Licht abzudrehen ist für die schwer geschundene Mutter Erde nichts weiter als ein wirkungsloses Petzzuckerl.

Schnallen wir’s jetzt nicht endlich, wird’s bald ziemlich finster sein. Weil uns dann nämlich die Natur, diese gewaltige, unbeeinflussbare Kraft – auch wenn der Mensch von jeher meint, gescheiter zu sein, und den Planeten links überholen zu können – das Licht abdreht. Und zwar für immer, und die Anzeichen, dass sich die Erde nicht mehr lange sekkieren lässt, sind deutlich und sollten längst auch dem kleinsten Geist auffallen. Mit ernster Miene, theatralischer Inszenierung und leeren Stehsätzen in der politischen Dauerschleife lassen sich keine Meter (mehr) machen, dieses Blabla von Verantwortung den nächsten Generationen gegenüber, dieses „wenn wir nicht jetzt endlich handeln, ist es bald zu spät“, ist purer, nicht mehr auszuhaltender Spott und Hohn.

Corona, so verrückt das auch erscheinen mag, hat uns hier gerade einen Trumpf in die Hand gespielt. Ist ja jetzt alles – das wirtschaftliche wie das gesellschaftliche Leben – quasi auf null gestellt. Und so schlimm und teuer der wirtschaftliche Wiederaufbau auch ist und noch nächste Generationen tief in die Tasche greifen lassen wird, der aus dem Ruder laufende, unkontrollierte, skrupellose und rein profitorientierte Raubbau an der Natur ist mit Sicherheit teurer. Geht er doch – wenn auch schleichend und oft gut kaschiert, auf unser aller Lebenskonto.

Nehmen wir nur den globalen Tourismus als Beispiel. Ich weiß schon, jetzt diese von der Pandemie schwerst getroffene Branche, in der kaum ein Stein am anderen bleiben wird und selbst die klügsten Köpfe nicht vorhersagen können, was und wer am Ende, der ein Anfang ist, letztlich übrigbleiben werden, an den Pranger zu stellen, kommt zum schlechtesten Zeitpunkt. Und dennoch kann gerade die schönste Branche der Welt hier Wesentliches bewirken und wie schon oft in Krisen- und Katastrophenzeiten eine Vorreiterrolle einnehmen. Denn eigentlich sollte für alle in der touristischen Leistungskette klar sein, dass man touristisch schon längst an einem Point of no return angekommen ist. Dass es keinen Weg zurück in den Massentourismus-Wahnsinn geben darf. Fürs Klima, für die Umwelt, für die Natur, für uns alle.

Hören wir bitte auf, aus jedem Dorf mit noch so kleinem touristischem Potenzial ein Disneyland machen zu wollen.

Hören wir bitte auf, kleine Flughäfen zu Hubs machen zu wollen, weil die großen Drehkreuze aus allen Slot-Nähten platzen.

Hören wir bitte auf, unattraktive Mega-Shoppingscenter mit noch unattraktiverer Systemgastronomie an den Stadträndern zu den „neuen“ gesellschaftlichen Kommunikationstreffpunkten zu machen, die außer mit dem PKW nur mit dem PKW erreichbar sind.

Hören wir bitte auf, Billigflugtickets und Billig-Pauschalreiseangebote in den Markt zu stellen, mit denen ganze Familien um dreimal Nichts Metropolen überschwemmen und dabei bis auf Fastfood dort kaum Wertschöpfung, dafür viel CO2-Emissionen erzeugt.

Hören wir bitte auf, die Weltmeere mit schwimmenden Hochhäusern zuzupflastern und den maritimen Lebensraum auf eine Briefmarke zu reduzieren. Denn Wasser und damit die Weltmeere, dieser NOCH halbwegs artenreiche Lebensraum, ist schließlich der Ursprung allen Lebens.

Halten wir’s dafür auf Reisen und überall in unserem Leben einfach mit „weniger ist mehr“. Mehr Meer, mehr Natur, mehr Leben = mehr Überleben. Machen wir doch den Ortskern wieder zum Mittelpunkt der urbanen Gesellschaft, zum sozialen Treffpunkt und den Wirten „Zur Post“ oder „Zum goldenen Hirschen“ wieder zum lebendigen Socializing-Hotspot.

Nur, wie das Rad zurückzudrehen, wenn Profitgier mit einer globalen entscheidungsschwachen und da und dort korrupten Politik sich die Schmerzen unserer Welt schönreden und die Verantwortung weit weg schieben. Weil man ja sowieso längst der Nachhaltigkeit und dem Umweltschutz im politischen Übereinkommen und in der Unternehmensstruktur einen fixen Platz einräumt, weil man Müll trennt und Wasser nicht mehr aus der Plastikflasche trinkt. Na bumm, über so viel „liebevolle“ Unterstützung für den dahinsiechenden Patienten wird die Erde sicher erleichternd aufatmen. Ob allerdings so viel Engagement zur Genesung reicht, darf angezweifelt werden.

Diese Tatenlosigkeit alleine nur auf die Politik zu schieben – obwohl dort natürlich die Haupt- und Letztverantwortung liegt – reicht nicht und wäre auch viel zu einfach gedacht. Denn der Klimawandel und die schon ziemlich gravierenden Auswirkungen auf Natur, Tier und Mensch geht uns ALLE an und ist keine Erfindung phantasiebegabter Drehbuchschreiber, die die Apokalypse in gewaltigen Bildern überzeichnen. Der Klimawandel ist Realität, der, wenn wir nicht ALLE und über alle Branchen hinweg endlich wirklich nachhaltig entgegenwirken, es bald, in den nächsten 30 Jahren schon, ziemlich finster sein wird. Denn laut der Schweizer Rückversicherungs-Gesellschaft Swiss Re droht ohne drastischem Gegensteuern in eben diesem kurzen Zeitraum ein Temperaturanstieg um mehr als drei Grad. Sie meinen, das ist zu verkraften? Sie meinen, das hält die Welt schon aus? Nein, das tut sich nicht mehr und die „Rache“ der Natur zeigt sich dann an einer schrumpfenden Weltwirtschaft: Minus 18 % gesamt, minus 24 % in China, minus zehn Prozent in den USA und minus elf Prozent in der EU. Dagegen nimmt sich Corona wie ein leichter Schnupfen aus. Botschaft verstanden?

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