traveller

REDbook – Es bleibt unbegreiflich!

Es gibt Tage im Leben eines jeden Menschen, die vergisst man nicht und weiß auch noch viele Jahre später ganz genau, was man an diesem Tag wann und wo gemacht hat. Und es sind nicht immer fröhliche Ereignisse, die sich fest ins Gedächtnis einbrennen. Der 26. Mai 1991 ist so ein unendlich trauriger Tag, der nicht nur in meiner Erinnerung einen ewigen Fixplatz hat. Die Tragödie, die sich an diesem Tag über dem Dschungel von Thailand ereignet, und bei dem 223 Menschen jäh aus dem Leben gerissen wurden, jährt sich heuer bereits zum dreißigsten Mal. Für die Verunglückten werden im Rahmen einer Heiligen Messe im Wiener Stephansdom 223 Kerzen hell leuchten. 

Es ist fünf Uhr morgens, als mich der Radio-Wecker mit den Ö3 Nachrichten – so wie er das halt immer tut, wenn ich Frühdienst habe und um 06:30 Uhr am Airport sein muss – aus dem Bett holt. Weil ich aber als geborener Frühaufsteher sowieso immer schon weit vor dem unbeschwerten Weckruf der Ö3-Morgenmannschaft munter bin, ist das, was ich heute zum Aufwachen zu hören bekomme, leider keine im Halbschlaf wahrgenommene Meldung. Unbeschwert, das ist rasch klar, ist heute und auch die nächsten Tage und Wochen nichts. Die Nachricht vom Absturz der LAUDA AIR Boeing „Mozart“ und damit einer österreichischen Airline, ist bittere Realität, und dennoch hört sich diese Schlagzeile wie aus einem fernen Universum kommend, völlig absurd und irreal an. Das kann nur ein Irrtum sein, so etwas passiert einer österreichischen Fluglinie nicht, denke ich mir in der Hoffnung, mich verhört zu haben. Auch wenn mir mein Bauch längst anderes sagt …

Nun gab es 1991 ja noch kein Internet, also so, wie wir es heute kennen. Das kam erst zehn Jahre später und auch Handys – was wir heute gebrauchsüblich darunter verstehen – gingen 1991 mit den ersten GSM-fähigen und sauteuren Motorola-Prügeln gerade erst an den Start. Es gab also nur den ORF Teletext und mit jedem geschriebenen Wort, das ich dort auf der Startseite las, nahm das Unfassbare traurige Gestalt an. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht – ich war damals als Cargo Senior Agent bei Austrian Airlines tätig – dass ich aus der Frachtabteilung bald mitten drinnen in dieser Katastrophe, die ganz Österreich in tiefe Trauer stürzte, sein werde. Nun hatten wir in der Fracht von unserer grundsätzlichen Arbeit her – außer ein Fluggast brauchte für seinen Vierbeiner, der unbedingt mit in den Urlaub musste, noch rasch einen passenden Transportkäfig oder Taucher für die Mitnahme ihrer Sauerstoffflasche die fachgerechte Verpackung inklusive Gefahrengutzertifikat – selten bis gar keinen direkten Passagierkontakt. Unsere Kunden waren mehrheitlich Spediteure, diplomatische Vertretungen und natürlich Fluglinien, für die Austrian als GSA die Abwicklung des zu transportierenden Frachtgutes übernahm. Wir waren zwar ein Teil der Station Wien, aber dennoch fast immer nur „unter uns“ und damit auch was das LAUDA AIR Unglück betraf, im Gegensatz zu den Kollegen der Station Wien, nicht unmittelbar in den für solche Krisensituationen festgeschriebenen und automatisch einsetzenden Ablauf involviert. Niemand sagte uns, was wir sagen sollten/durften/mussten, auch dann nicht, als unser „Einsatz“ zeitverzögert erfolgte und Anfragen von Betroffenen damit durchaus in den Bereich des Möglichen rückten. Als nämlich über den Zeitraum von einigen Wochen die Überführungen der Verunglückten aus Thailand erfolgten und sich in der eigens vom Flughafen Wien in einem von der Öffentlichkeit abgeschirmten Bereich aufgestellte Zelthalle die Reihen mit den Särgen der Verstorbenen füllten. Von hier wurde dann die letzte Weiterreise – viele der Verstorbenen waren Tiroler – von uns, den Cargoleuten, abgewickelt, was dann mit der Übermittlung der notwendigen Daten über die Ankunft auch den einen oder anderen telefonischen Kontakt mit Hinterbliebenen mit sich brachte.

Diese Gespräche wie auch das völlig irreale Bild in der Zelthalle habe ich bis heute im Kopf. Die Unbegreiflichkeit dieses Unglücks ist auch 30 Jahre später um nichts kleiner geworden. Damals wie heute denke ich mir, dass der schlimmste Abschied sicher jener ist, wenn man einen Menschen zum letzten Mal sieht, das aber nicht weiß. Vielleicht wird man ja irgendwie und irgendwann mit derartigen Schicksalsschlägen fertig, vergessen kann man sie mit Sicherheit nie.

Im Gedenken an 223 geliebte Menschen, die am 26. Mai 1991 beim Absturz der „Mozart“ ums Leben kamen, findet am 26. Mai 2021 um 19:00 Uhr im Wiener Stephansdom eine Heilige Messe statt. Jeder, der an dieser Gedenkstunde teilnehmen möchte, ist herzlich willkommen.

Alle aktuellen Informationen zu Gottesdiensten und kirchlichen Aktivitäten finden Sie hier

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter

Mit nur einem Klick zur Anmeldung für Newsletter und E-Paper. Immer up2date in der Touristik mit dem traveller.

Anzeige

Aktuelles E-Paper

Anzeige
Anzeige