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REDbook – Die Ratlosigkeit der Reisebestimmungen

Vor der Pizzeria Croce del Sud in Lignano Sabbiadoro bildet sich täglich eine Menschenschlange, die weit in die Fußgängerzone hineinreicht. Dicht gedrängt stehen Familien mit Kindern vor dem Lokal, in dem man keinen Sitzplatz reservieren kann, das aber durch die Qualität der Küche und Goodies wie Limoncello und Süßigkeiten auf Kosten des Hauses, bei italienischen, deutschen und österreichischen Touristen magische Anziehungskraft ausübt, die offenbar größer ist als die Furcht, sich im Gedränge mit der Delta-Variante anzustecken.

Ab Freitag könnte der Andrang kleiner sein: In Innenräumen verlangt die italienische Regierung ab 06. August einen 3-G-Nachweis und zwar von allen ab 12 Jahren. Für Geimpfte kein Problem, doch vor allem für die zum Großteil noch nicht geimpften Kinder und Jugendlichen heißt es, alle 48 Stunden testen. Bislang galt das nur für die Einreise, für die allerdings auch schon Kinder ab sechs Jahren ein negatives Testergebnis vorlegen mussten. Der neue 3-G-Nachweis, der mitten in der Reisesaison kommt, gilt auch für Hotels und ihre Indoor-Einrichtungen. Wer also im Hotel in Innenräumen frühstücken, zu Mittag oder zu Abend essen möchte, muss die 3-G-Regel erfüllen.

Anders als in Österreich gibt es die Testmöglichkeit nicht an jeder Straßenecke, sondern nur an ganz wenigen Stellen kostenlos. Für rund 25 Euro pro Antigen-Test machen ihn auch die Apotheken und niedergelassene Ärzte, was das Reisebudget schon deutlich belastet. Aber zunächst muss man für die Einreise nach Italien das Europäische Digitale Passagier-Lokalisierungsformular ausfüllen, für das der YouTube-Kanal „Jesolo Magazine“ sogar ein Erklärungsvideo ins Netz gestellt hat, weil es sehr kompliziert ist und ältere Menschen mit wenig digitaler Erfahrung schlichtweg überfordert. Denn die zur Einreise notwendigen Angaben dürften eher dem bürokratischen Gehirn eines römischen Beamten entsprungen sein, als den epidemischen Anforderungen zur Vermeidung von Covid-19. So will die Behörde nicht nur die Heimat- und die Urlaubsadresse wissen, sondern um welche Uhrzeit und bei welchem Grenzübergang man nach Italien einreist. Angesichts der kilometerlangen Staus eine hellseherische Herausforderung. Um das Formular korrekt auszufüllen, muss man auch wissen, dass der österreichische Grenzübergang Arnoldstein in Italien Coccau heißt. Und man muss das Bundesland seines Geburtsortes wissen, in meinem Fall Rheinland-Pfalz. Was ich erst durch Googeln der Ortschaft Pirmasens herausgefunden habe, weil ich diese Information in meinem fast 60jährigen Leben noch nie gebraucht habe. Hat man das Formular dann hochgeladen und eine Bestätigung erhalten, muss man noch eine E-Mail mit den Personalien der einreisenden Personen, Datum der Einreise, Daten des Transportmittels, Herkunftsland und Zielort in Italien an jene Grenzstation schicken, an der man nach Italien einreist. Die fünf Möglichkeiten dazu findet man – wie alle wichtigen Informationen, täglich aktualisiert auf der Homepage der Wirtschafskammer Österreich.

Soviel zu den Bestimmungen! Kontrolliert hat diese am Grenzübergang Arnoldstein/Coccau Anfang Juli übrigens niemand. Weder das Formular noch den 3-G-Nachweis. Erst bei der Rückreise über Slowenien hat der österreichische Beamte einen sehr flüchtigen Blick auf unsere grünen Pässe geworfen. Sollten die Deutschen ihre Rückreisebestimmungen, die seit gestern (01. August) in Kraft sind und für die man als drittes G einen negativen Test vor der Einreise benötigt, ernst nehmen, dann ist wahrscheinlich sowohl bei den österreichischen Teststraßen als auch auf den Autobahnen in den nächsten Wochen die Hölle los.

Den Vogel der Bestimmungen hat allerdings Serbien abgeschossen: Für eine Einreise in dieses Land benötigt man eine Impfung, die nur anerkannt ist, wenn sie in Serbien erfolgt ist. Geimpfte aus anderen Ländern brauchen einen negativen PCR-Test.

Angesichts der munter weiter steigenden Inzidenzen kann man gespannt sein, was den einzelnen Ländern in ihrer völligen Ratlosigkeit noch alles einfällt.

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