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REDbook – Die Gräfin muss weiterleben!

Seinen Ruf muss man sich verdienen. So sagt man, und das ist wahrlich keine einfache Übung, denn was dem einen gefällt, missfällt dem anderen oder ist gerade einmal gut genug. Also alles eine Frage des Geschmacks und der kann im Fall der „Gräfin am Naschmarkt“ passend zum Ruf des Wiener Kultlokals nicht unterschiedlicher sein.

Für die einen eine absolute und nicht wegzudenkende Institution in der Wiener Gastroszene ist „Die Gräfin“ für die anderen über die Jahre fast zu einer Beleidigung der Wiener Beisl- und Kaffeehauskultur geworden. Jetzt steht die Lokallegende vor der ewigen Sperrstunde und Wien damit vor dem Verlust einer weiteren Kultmarke.

Waren Sie je in „Der Gräfin“? Irgendwann zwischen vier und zwei Uhr früh, weil eben die fast 24-stündige Öffnungszeit – geschlossen war nur zwischen zwei und vier Uhr früh – neben der vielleicht schlechtesten Küche Wiens, überteuerten Preisen, grantigem Service und wenig ansprechendem Erscheinungsbild, das Lokal in unmittelbarer Nähe zum Theater an der Wien weit über Österreichs Grenzen hinaus berühmt machte. Hier trafen Schauspieler und honorige Persönlichkeiten zu später – oder besser gesagt früher Stunde – auf Sitzenbleiber und nicht Heim gehen Wollende, Frühaufsteher, Marktfahrer und Flohmarktaussteller. Die einen zum letzten Absacker und die anderen zum „medizinischen“ Reparaturseidl oder zum gesünderen ersten Morgen-Kaffee. Oft gepaart mit einer Gulaschsuppe mit dicken Fettaugen oder einem Paar schrumpeliger Frankfurter mit einem Semmerl von vorgestern und dennoch – die echten Gräfin-Geher werden zustimmen – nach einer langen Nacht schmeckte kein „Frühstück“ besser als das in „Der Gräfin“. Wahrscheinlich, sicher sogar, hätte ich zu normaler Uhrzeit in „Der Gräfin“ gespeist, wär’s wohl kein besonderer Genuss gewesen, nur auf diese Idee wäre ein echter Wiener Nachtschwärmer sowieso nie gekommen.

Gekommen sind hingegen alle immer wieder, auch die beharrlichsten Kritiker, weil das halt so ist mit dem Ruf. Und an dem konnten auch unzählige schlechte Rezensionen, etwa auf tripadvisor, nicht wirklich etwas ändern. Denn wie „Die Gräfin“ eben oft die letzte Station der Nachtschwämer vor dem nach Hause gehen war, stand das Lokal trotz oder gerade wegen der vielen negativen Kritiken bei unzähligen Wien-Touristen als Fixpunkt am Sightseeingprogramm. Damit ist nun – also dann, wann halt wieder gereist werden kann – Schluss. „Die Gräfin am Naschmarkt“ wird dem Vernehmen nach Corona nicht überleben. Somit wird ein weiterer sozialer Treffpunkt aller Gesellschaftsschichten und Klassen den Rollbalken für immer runterlassen. Nur was heißt denn das genau? Ist „Die Gräfin“ wirklich NUR ein Opfer der Corona-Pandemie oder steckt da doch auch eine andere Krankheit dahinter? Reiht sich diese Schließung möglicherweise ein in das schon lange vor Corona begonnene Dahinsiechen der Wiener Beisl- und Kaffeehausszene? Ist nun gar das Ende einer Institution, der auch die Erhebung als immaterielles Kulturerbe der UNESCO nicht mehr die nötige Überlebenskraft geben kann, nahe? Das Wiener Beisel, das Wiener Kaffeehaus, waren von jeher Orte der Begegnung, Inspiration, Kreativität und Kommunikation, wo Geschichte nicht bloß oft nur geschrieben wurde, sondern wo Geschichte auch tatsächlich passierte.

Nur, was geschieht, wenn es immer weniger dieser echten Orte der Begegnung gibt, bedingt bzw. beschleunigt nun eine Veränderung die andere? Sind wir am Weg zu in einer Resopal-Gastronomie mit den Macis & Starbucks dieser Welt als neue Denkwerkstätten einer in sich gekehrten Generation? Wo sich die hippen Kreativen einfach „zustöpseln“ und ohne persönlichem Austausch oder direkter Kommunikation und offener Diskussion nur mehr mit sich selbst kommunizieren? Braucht es künftig keinen echten und lebendigen Austausch der Kreativen und damit auch keinen Ort der Inspiration mehr, wo sich der jahrzehntealte, abgestandene Beislgeruch wie ein Klette an Haut und Haare heftet, weil im neuen synthetischen Normal jeder seine „Gräfin“ in WhatsApp oder sonst wo in der Cloud völlig geruchlos dabei hat?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei dieser Vorstellung geht, mir gefällt sie nicht. Ich mag Lokale wie „Die Gräfin am Naschmarkt“, mit schalem Bier, dünnem Kaffee und trockener Semmel zu lauwarmen aufgesprungenen Würsteln, wo man heute noch Tschick, Gulasch und altes Schnitzelfett von vor zehn Jahren riecht. Weil diese Lokale eine Seele haben. Weil sie einfach leben, und das hoffentlich noch sehr lange!

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