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REDbook – Der „Tiger“ im Flieger …

… oder wenn die Kaffeekanne zur Waffe wird. Was der traveller bereits 2006 anlässlich einer damals neuen – nicht gleich ganz „verständlichen“ – EU-Verordnung thematisierte, erreicht aufgrund der aktuell rasant steigenden Aggressivität und Gewaltbereitschaft von Passagieren an Bord von Flugzeugen eine gelinde ausgedrückt ungemütliche Dimension. Was an einigen Beispielen aus jüngster Vergangenheit deutlich wird und die Forderung von Fluglinien nach einer weltweiten „No-Fly“ List verständlich macht.

Hier ein paar Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

  • Ein randalierender und betrunkener Passagier wird an Bord einer russischen S7 Maschine am Flug von Bangkok nach Nowosibirsk von Mitreisenden überwältigt und mit Gürteln und Klebebändern verzurrt bis zur Landung in der Bordküche abgelegt. Grund: Alkohol.
  • Eine wilde Schlägerei unter mehreren Passagieren an Bord eines Airbus A350 von Air Caraïbes am Weg von Paris nach Französisch-Guayana konnte von Crew und Passagieren deeskaliert werden, die „Wilden von Flug TX570“ wurden am Flughafen von Cayenne verhaftet. Grund: unbekannt!
  • Was mit lautem Geschrei, stoßen und rempeln begann, endete beim Boardingprozess einer Turkish Airlines Maschine am Flughafen von Istanbul in einer Massenschlägerei. Grund: Streit um die Overhead bins!
  • Prügelnde Passagiere auf einem Flug von Pristina nach Basel, Mitreisende konnten beruhigend eingreifen, der „Kampf“ ging nach der Landung weiter. Grund: Familienstreit!
  • Wilde Schlägerei auf einem Flug nach Ibiza. Grund: Maskentragepflicht!
  • Schlägerei am Flughafen von Miami, die Polizei verhaftete eine Person. Grund: Vier Personen prügelten sich um die letzten drei freien Sitzplätze für einen Flug von Miami nach Chicago!
  • Ein sich am Flug von Los Angeles nach Washington „erratisch“ verhaltender Passagier wurde von einem Crewmitglied mit der Kaffeekanne ausgeknockt. Die American Airlines Maschine musste in Kansas City notlanden. Grund: Pax wollte sich Zugang zum Cockpit verschaffen!
  • Als einen der schlimmsten Zwischenfälle an Bord einer American Airlines Maschine nennt CEO Doug Parker jenen Gewaltakt eines First Class Reisenden, der einer Flugbegleiterin ins Gesicht schlug, ihr die Nase brach und dann wieder zu seinem Platz zurückkehrte. Grund: Besuch der Toilette wurde aufgrund von Turbulenzen kurzfristig untersagt!

„Der Passagier wird nie wieder mit American fliegen dürfen, und wir tun alles, was in unseren Möglichkeiten steht, um sicherzustellen, dass er so weit wie möglich strafrechtlich verfolgt wird. Derartige Vorfälle sind zwar nicht die Regel, aber auch nur einer ist zu viel, sie müssen aufhören,“ schreibt Parker auf Instagram.

Stimmt, Mr. Parker von American Airlines, derartige Vorfälle sind nicht die Regel, aber leider auch keine Ausnahme mehr oder simple besoffene Ausrutscher von ein paar Deppen – sorry, ein anderer Ausdruck fällt mir leider nicht ein – die im Billigflieger, mit billigem Bier, für den Billigurlaub ordentlich vorglühen und die Kontrolle über sich verlieren. Auch wenn oft zu viel Alkohol die Hemmschwelle sinken und die guten Manieren – so diese überhaupt vorhanden waren – vergessen lässt, die Zahlen sprechen eine beängstigende Sprache und machen ein durchaus ungemütliches Gefühl, am nächsten Flug vielleicht selbst in fliegende Fäuste zu gelangen.

Alleine im vergangenen Jahr wurden lt. Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten FAA in Amerika fast 6.000 Regelverstöße von Flugpassagieren registriert – in mehr als 70 Prozent der Fälle war Corona und die Maskentragepflicht Ursache verbaler bzw. tätlicher Übergriffe. Für amerikanische Airlines ist längst Feuer am Dach. Ed Bastian, CEO von Delta Air Lines, sieht US-Regierung in der Handlungspflicht, und fordert eine „No-Fly“ List die auffällig gewordene Passagiere künftig von Reisen mit kommerziellen Fluglinien ausschließt. „Diese Aktion soll künftig Vorfälle an Bord verhindern und als starkes Symbol für die Folgen von Nichtbefolgung der Anweisungen von Besatzungsmitgliedern in Verkehrsflugzeugen dienen. Es soll null Toleranz für jegliches Verhalten geben, das die Flugsicherheit beeinträchtigt“, so Bastian. Damit spricht der Delta Boss wohl vielen Airlinekollegen aus der Seele, nur bei Delta sind die Vorfälle mit auffälligen Passagieren seit 2019 um hundert Prozent gestiegen. So sind knapp 1.900 Passagiere, die sich weigerten die Maskenpflicht einzuhalten, auf eine eigene Flugverbotsliste gesetzt und mehr als 900 Personen mit einem Flugverbot belegt und bei der Transportation Security Administration eingereicht, um zivilrechtliche Strafen zu verfolgen. Für Bastian macht eine „No-Fly“ List allerdings nur dann Sinn, wenn sie übergreifend, also auch von anderen Airlines übernommen wird. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass Personen „die die Sicherheit unserer Mitarbeiter gefährdet haben, dies nicht auch bei anderen Fluggesellschaften tun“, sagt der Delta Chef. Eine nachvollziehbare Logik, solange die Definition für widerspenstig von der Fluglinie klar definiert und kommuniziert wird.

Ob sich der Wunsch nach einer Blacklist für verhaltensauffällige Passagiere durchsetzt, wird man sehen. Denn weltweit betrachtet ist Fliegen eine zwar immer enger und reduzierter werdende aber doch friedliche Transport- und Reisemöglichkeit. Und begegnet man dann doch so einem Deppen, der auf Jimmy hoch über den Wolken macht, kann man hoffentlich auf einen „Tiger“ im Flieger, einen Sky Marschall, zählen oder es hilft als „Mittel zum Zweck“ der schnelle Griff zur gut gefüllten Kaffeekanne …

Das sagt das Gesetz in Österreich dazu:

Übertritte an Bord von Flugzeugen sind kein Kavaliersdelikt – auch nicht in Österreich und an Bord von österreichischen Luftfahrtzeugen. Diese unterliegen grundsätzlich den Regelungen des Staates, in dessen Gebiet sie sich aufhalten. Gemäß Art. 6 des ICAO-Abkommenüber strafbare und bestimmte andere an Bord von Luftfahrzeugen begangene Handlungen wird dem Luftfahrzeugführer die Ausübung der Bordgewalt des Luftfahrzeugführers über fremdem Staatsgebiet ausdrücklich zugelassen, indem ihm das Recht eingeräumt wird, alle gegenüber einer Person angemessenen Maßnahmen, einschließlich Zwangsmaßnahmen, zu treffen, die notwendig sind.

Die gesamte Rechtsvorschrift für Abkommen über strafbare und bestimmte andere an Bord von Luftfahrzeugen begangene Handlungen, Fassungen v. 20.02.2022, finden Sie unter ris.bka.gv.at

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