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REDbook – Der Schwarze Peter ist kein Seefahrer

Wenn Kreuzfahrten als "Hölle auf See", Kreuzfahrtschiffe als "Riesenpötte", die abgewrackt gehören und deren Gäste als "All-you-can-eat-Passagiere" verballhornt werden, ist dies nicht mehr als eine unpassende Pauschalierung, die diesem Reisesegment und der damit verbundenen langen Wirtschafts- und Arbeitsplatzleistungskette – die weit über das große oder kleine Schiff hinausreicht – in keinster Weise entspricht. Jedem das seine, ob am Schiff oder zu Land und ob angezogen oder nackt, das Sortiment ist ja gottlob längst unendlich groß und bietet für jeden Reise- und Urlaubstyp das passende Angebot. Da sollte auch der konservativste Geist sein Platzerl finden.

Vielleicht sind diese „komischen“ Zeilen, zu lesen als „Ohrwaschl“ Kommentar im KURIER v. 06. August, ja bloß dem sprichwörtlichen Sommerloch geschuldet. Was zwar nichts daran ändert, dass, wie dort geschrieben, diese „Höllen auf hoher See bleiben sollten, weil’s dann an Land himmlisch wäre“. Aber es wäre, ebenso wie die unschwer zu erratende Tatsache, dass der Autor kein Fan dieser Reiseform ist, zumindest eine Erklärung. Und ich lese die grundsätzlich klugen Gedanken- und Wortspielereien dieses Kolumnisten wirklich gerne und kann den mitunter süffisanten Bemerkungen auch oft viel abgewinnen – nur diesmal nicht. Möglicherweise fehlt mir ja vielleicht nur der nötige Humor. Dabei verstehe ich den ernsten Sinn dahinter durchaus. Was allerdings Nackerte, die sich auf FKK Kreuzfahrten um 5.000 Euro die Adria-Sonne auf den Allerwertesten scheinen lassen, mit dem Kreuzfahrten-(Volumens)Reiseformat zu tun haben, habe ich noch nicht ganz durchschaut. Weil, wem tut’s bitte weh, wenn die Freikörperkultur-Fanatiker unter ihresgleichen auf hoher See nicht nur die Seele baumeln lassen? Diese wie viele andere Motto-, Themen- und Event-Kreuzfahrten sind ja nicht neu, vielmehr schon lange fixer Bestandteil im maritimen Portfolio vieler Kreuzfahrtunternehmen. Das von Schallwellen-Kreuzfahrten über Rockliner und Full Metal- bis zu Rainbow- und Gay Cruises für die LGBT-Community reicht, aber auch so Schräges wie Horrer-, Zombie- und Walker-Stalker Events oder Swinger-Kreuzfahrten hat’s bereits gegeben.

Auf letzterer gehört dann wahrscheinlich auch die auf biederen FKK-Touren nicht gerne gesehene „Dessous und Fetischkleidung“ zum Standard-Dresscode. Stimmt, wie im KURIER „Ohrwaschl“ auch zu lesen ist, das man all das mögen muss oder auch nicht. Nur sind diese Arten von Kreuzfahrten ein Nischen- bzw. Liebhaberprodukt und machen nicht die Masse aus. Für die gibt’s tausend „stinknormale“ Seereisen, die auf großen, mittelgroßen und kleineren bis kleinen Schiffen dem Passagier – richtig – ein all Inclusive Wohlfühl- und Erlebnisangebot bieten, das zu moderaten bis wirklich teuren Preisen kaum noch Wünsche offen lässt. Deswegen hat sich das Kreuzfahrten-Segment, das ja über lange Zeit damit zu kämpfen hatte, nur die gut betuchte Senioren-Zielgruppe zu fokussieren und als altbacken und langweilig galt, auch zu einer der beliebtesten Reiseformen für Jung und Alt und damit in der allgemeinen Wahrnehmung auch zum Overtourism-Treiber und zum bösen Umwelt-Buben – neben Fluglinien – entwickelte.

Das ist, in Anbetracht der jährlich steigenden Rekordzahlen auch nicht so verkehrt. Mehr als 30 Mio. Passagiere weltweit gingen vor Corona jährlich auf Kreuzfahrt und diesen Boom kann und wird auch die Pandemie nicht bremsen. Was die Kreuzfahrt- und Reiseindustrie und die lange touristische Leistungskette vom kleinen Souvenir- und Wasserverkäufer, Guides, Taxifahrern, Restaurants uvm. in den Destinationen, Lebensmittel- und Einrichtungszulieferern, Technik- und IT-Dienstleistern, Fluglinien und Reiseveranstaltern bis zum großen Hafen- und Werftbetrieb natürlich freut, aber gerade diese lange Kette, diese vielen mit Kreuzfahrten verbundenen Arbeitsplätze zu Land, machen die enorme Wertigkeit dieses Reisesegments transparent.

Nehmen wir Venedig als Beispiel: Seit kurzem sind der Giudecca- und der Markus-Kanal und damit das Vorbeifahren am weltberühmten historischen Zentrum für Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 25.000 Tonnen, 180 Metern Länge und mehr als 35 Metern Höhe tabu, was zum Erhalt dieser historischen Bauwerke eine dringend notwendige und auch richtige Entscheidung war. Allerdings sollte man auch wissen, dass von den jährlich rd. 16 Mio. Venedig-Touristen gerade mal ein Bruchteil auf Schiffspassagiere entfiel, was das massentouristische Weltproblem zwar nicht besser, aber deutlich macht, dass der „Schwarze Peter“ eben kein Seefahrer, sondern einfach ein Reisender ist. Schaut man sich dann noch Venedigs Expansions- und Investitionsfreude im Hotelbereich an, sei in Anlehnung an die „Hölle auf See“ die Frage erlaubt, ob diese nicht auch in den altehrwürdigen Palazzi am Canal Grande zu Hause ist? Wie im All Inclusive Resort am Mittelmeer- oder fernen Tropenstrand, im alpinen Familien- oder im noblen Stadthotel in ganz vielen beliebten und vielbereisten Metropolen?

Heißt: Ja, die Megaliner spucken in guten Zeiten für kurze Zeit tausende Menschen in touristischen Zonen aus. Deswegen Kreuzfahrten als alleinigen Massentourismus-Verursacher und Umweltsünder an den Pranger zu stellen, ist weder fair noch korrekt, denn erstens sind sie damit nicht alleine, das tun z.B. auch Billigflieger im Stundentakt. Und zweitens ist sich die Kreuzfahrtbranche schon lange ihrer Verantwortung gegenüber Umwelt, Mensch, Tier und Natur bewusst und hat, wie Fluglinien auch, das Ziel der Klimaneutralität durch Einsparung von CO2-Emissionen in ihren Nachhaltigkeitsstrategien festgeschrieben. Und man investiert enorme Summen in die Entwicklung alternativer Treibstoffe und moderner Technologien, um Kreuzfahrten umwelt- und zukunftsfit zu machen.

Letztlich aber liegt’s an uns allen, die wir gerne reisen und völlig egal ob mit oder ohne Gewand, denn alleine wir haben die Zukunft unserer Welt – nicht nur die touristische – in der Hand.

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