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REDbook – Der Mohr muss (nicht) weg!

Geschichte ist ein Teil von uns, Sprache auch! Beides gehört also zusammen und ist ganz eng mit der Entwicklung des Menschen verbunden. Denn irgendwann im Laufe der menschlichen Weiterentwicklung muss das für die Lautäußerungen angelegte Gen mutiert sein, womit der Übergang von gutturalen Lauten hin zu dem, was wir heute unter Sprache verstehen, vollzogen wurde. Seither – seit rd. 100.000 Jahren – spricht der Menschen also, oft viel Gescheites, aber sehr oft auch sehr viel Dummes. Die Sprache ist zum wichtigsten zwischenmenschlichen Kommunikationsmittel geworden, das Schriftsteller und Dichter wahre Wunderwerke vollbringen lässt, das aber auch ganz viel Unpassendes, Unnötiges, Unlustiges, Verletzendes und Herabwürdigendes hervorbringt. Wenn Menschen, nur weil sie anderes denken, anders handeln, anders aussehen, anders leben, anders lieben und auch heute im sogenannten modernen, fortschrittlichen 21. Jahrhundert wie damals im Zeitalter des Kolonialismus als nicht opportun und der Gesellschaft nicht zumutbar gelten, hat Sprache nur eine Funktion: Zu verbinden, genau hier aber hapert es in der Geschichte.

Schon im alten Ägypten war unter den großen Pharaonen Usus, alles, was an den Vorgänger und deren Regentschaft erinnerte, einfach auszulöschen. Oft waren Eifersüchteleien, pures Konkurrenzdenken, Neid und Hass der Hintergrund, um alles, was an den Vorgänger erinnerte, mit Hammer und Meißel aus den für die Ewigkeit errichteten monumentalen Denkmälern zu entfernen. Nie gesagt, nie geschrieben, also auch nie passiert. Eine ziemlich eigenwillige Form der Vergangenheitsbewältigung, die sich bis ins heutige digitale Zeitalter zieht, was ja gerade und einmal mehr an der „Mohren-Debatte“ zelebriert wird.

Alleine, auch bei den ägyptischen Pharaonen blieb es beim einfältigen Vorhaben, denn auch ihnen gelang nicht, was viele Machthaber späterer Generationen quer über den Globus mit großer Selbstverliebtheit und noch mehr Selbstverständlichkeit versuchten: Die Geschichte zu verändern, indem sie mutwillig materielle und immaterielle Zeitzeugen zerstörten. Dieser Kulturvandalsimus zieht sich durch nahezu alle Religionen, dessen Politik wird durch die Zerstörung ideologischer Kulturgüter bis zu großangelegten Plünderungen und Kunstraub schlimmster Ausprägung deutlich.

Und dennoch, Geschichte ist unauslöschlich und das ist gut so. Es ist eine Frage des Umgangs und dessen, welche Lehren man daraus zieht. Und genau hier wird’s schwierig, denn der Mensch scheint nicht zum Lernen, besser gesagt, aus dem was ihm die Geschichte lehrt, um es künftig besser zu machen, geboren zu sein. Beispiele hierfür gibt es viele, das von den Pharaonen ist nur eines davon. Weil man die Geschichte eben nicht austricksen kann, weder mit Hammer und Meißel noch mit der Vernichtung monumentaler Denkmäler und auch nicht, indem man alte Straßennamen einfach umbenennt. Sprache, so sagt man, darf nicht diskriminieren, und dennoch tut sie es als Sprachrohr des Menschens seit ewigen Zeiten. Man muss den großen Entdeckern der Neuen Welt, die sich seefahrend aus dem heutigen Europa aufmachten, um im Auftrag ihrer Herrscherhäuser das Imperium zu vergrößern und denen dafür oft jedes Mittel Recht war, die die indigene Bevölkerung im Auftrag Gottes „missionierte“, ihnen aus der Alten Welt als Mitbringsel unbekannte Krankheiten brachte, sie ausbeutete, vergewaltigte, misshandelte und unterjochte, keine Denkmäler setzen. Man muss sie nicht verherrlichen, sie nicht besser machen als sie waren und auf kein ewiges Podest stellen. Aber liegt die einzige Lösung wirklich darin, sie aus dem öffentlichen Raum zu eliminieren? Sind damit die Unmenschlichkeiten, begangen vor vielen Jahren, ungeschehen und wo fängt diese Form der Aufarbeitung an und wo hört sie auf? Nur weil die Mohrengasse nicht mehr Mohrengasse heißt, ändert das keinen Millimeter an der sich dahinter verbergenden Thematik. Nur weil man vielleicht den Entdecker Amerikas vom Sockel hebt, ändert das erstens nichts an der Entdeckung an sich und macht auch die Verfehlung des gar nicht so guten Christopher nicht ungeschehen.

Und was ist eigentlich, wenn man Mohr heißt – wie etwa ein gewisser Joseph? Dürfen wir künftig nicht mehr „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singen, weil der, der’s schrieb, ein geborener Mohr war und damit nach heutigem Verständnis nicht opportun ist? Steht demnach auch ihm das Schicksal der Umbenennung bevor? Wer weiß das schon so genau? Aber ob der oberösterreichische Mohr nun künftig vielleicht nur mehr Ohr heißt, ob aus der Großen und Kleinen Mohrengasse künftig die Große und Kleine Ohrengasse wird, ändert rein gar nichts am Problem. Nämlich: Diskriminierung darf längst keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft haben, ist aber dennoch präsenter denn je.

Prof. Martin Sabrow, Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam über den sinnvollen Umgang mit  Denkmälern: „Ich bin sehr dafür, Vergangenheitszeichen im urbanen Stadtbild zu bewahren, aber zugleich auch zu kommentieren. Man kann Denkmäler verehren, aber auch mit ihnen spielen, man kann auch mit Farbbeuteln gegen ihre Aussage protestieren. Aber man sollte sie tunlichst nicht auslöschen, sofern sie ein Mindestmaß an Mehrdeutigkeit und Betrachtungsbreite haben und sie schon lange Zeit unbehelligt den öffentlichen Raum bevölkert haben. Am besten kann man sie mit Erklärungstafeln versehen, dann bleiben sie, was mir für eine Erinnerungskultur am wichtigsten erscheint: Dass sie die Vergangenheit nicht zu einem verlängernden Spiegel der Gegenwart verkürzen, sondern die Anstöße aus der Vergangenheit in die Gegenwart vermitteln. Vor dem Reiterstandbild Cosimos de Medici in Florenz stehenzubleiben, heißt nicht, sich mit der Zurschaustellung von politischer Macht zu identifizieren. Sondern auf eine fremde Zeit, ihren Kunstsinn, ihr Weltverständnis zu schauen, die ästhetische Nähe ebenso wie den historischen Abstand zu spüren.“

Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/lenin-denkmal-abriss-erbe-ddr-interview-sabrow-100.html

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