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REDbook – Anti-Dumping-Regelung als Hosenträger

Was nichts kostet, ist nichts wert – ein gängiger Spruch, den sich angeblich auch Albert Einstein notierte. Warum, ist nicht bekannt, aber gut möglich, dass dieser superschlaue Kopf schon zu seiner Zeit eine Vorahnung hatte, wohin sich die Preistreiberei und damit die ganze Konsumgesellschaft entwickeln würde. Wahrscheinlich hätte das Genie, der, so eine Anekdote, in Ermangelung von Trinkgeld dereinst einen Boten in Tokio mit zwei handgeschriebenen Notizen belohnte, und sich damit später bei dessen Nachfahren mit 1,3 Mio. Euro – so viel brachten die berühmten handschriftlichen Anmerkungen bei einer Auktion – als ziemlich großzügig erwies, auch für das heutige Geiz-ist-Geil Prinzip eine treffende wissenschaftliche Erklärung.

Vielleicht würde sich der kluge Einstein Folgendes fragen: Will der Konsument von heute überhaupt noch Inhalt mit Qualität? Will er überhaupt noch für einen Zusatznutzen, für etwas, das ihm nachhaltig Vorteile – und sei es nur ein wenig mehr Vernunft und Verstand, um eben künftig nicht mehr nur billig zu kaufen – bezahlen? Kauft er wirklich lieber billigen Ramsch, der von Menschen für einen Hungerlohn und zu sozial absolut unverträglichen und unter menschenunwürdigen Bedingungen in irgendwelchen asiatischen Hinterhöfen im Akkord produziert wird, weil man den nach Gebrauch – eine mehrmalige Verwendung hält das Klumpert meist auch nicht aus – sowieso im Müll entsorgt?

Der Verdacht liegt zumindest nahe, alleine beim Blick auf die täglich wachsenden Müllberge und verstärkt sich, wenn man beispielsweise nur in die Textilbranche schaut. Wo – nicht erst seit Corona – die Primarks, KiKs & Co mit ihren fünf Euro Polyester-Fetzen den traditionellen und auf Qualität bedachten Markenlables den Zwirn durchschneiden und damit einen ganzen Branchenzweig massiv gefährden.

Das Paradebeispiel der gelebten Geiz-ist-Geil Gesellschaft ist aber das Fluggeschäft, das sich in ziemlichem Schrägflug befindet und auch nicht erst seit Mr. C die ganze Reisewelt lahmlegt.

Denn mit dem massiven Auftritt der Low Cost Carrier, denen längst jeglicher Genierer gegenüber dem Fluggast fehlt, ist auch eine ordentliche Preisgebahrung verlorengegangen. Diese Marktbegleiter verkaufen dem Kunden um wenig Geld noch weniger Leistung – die dieser jedoch auch ohne viel Nachzudenken reichlich konsumiert. Das bekommt den traditionellen Netzwerkcarrieren – das sind die, die noch ganz genau wissen, wie man Qualitäts-, Service- und Kundenorientiertheit schreibt und auch lebt – gar nicht gut. Weil diese zwar ihrem hohen Qualitäts- und Servicegedanken weiter folgen, dennoch aufgrund des immensen Preisdrucks durch die Geiz-ist-geil Konkurrenz eben dazu gezwungen sind, dieses Dumpingspiel mitzuspielen.

Von gesunder Verhältnismäßigkeit ist da längst keine Rede mehr, wenn etwa ein Bahn-Ticket nach Berlin 200 Euro, die fliegende Billigkonkurrenz aber schon um 29,90 Euro – und das ist mitunter schon sehr hoch gegriffen – zu haben ist. Da braucht man rechnerisch nicht wirklich talentiert zu sein, um zu erkennen, dass, abgesehen von sozialem und ökologischem Ungleichgewicht – an dieser Rechnung etwas nicht stimmt.

Logisch, billig die Welt zu entdecken, ist ein reizvolles Angebot, vor allem für jene, die es nicht so dick haben und am Ende der Lohn- und Gehaltstabellen stehen. Die dann eben gefakte T-Shirts kaufen, weil’s für die teurere, regional produzierte Qualitätsware einfach nicht reicht und die dann mit billigen Tickets irgendwo in günstigen Quartieren glücklich ihren wohlverdienten Urlaub verbringen. All das sei diesen Menschen, die eben nicht leichtfertig aus dem Vollen schöpfen könne, auch von Herzen gegönnt. Nur, und das ist jetzt die Krux an der billigen Geschichte: Oft sind sie dann die ersten, die, wenn ein Unternehmen eben aufgrund des enormen Marktdrucks – erzeugt durch die Billigindustrie – anfangs reduzieren und letztlich kapitulieren muss, sich nicht einmal mehr das billige T-Shirt und billige Ticket für einen günstigen Urlaub leisten können, weil sie ohne Job dastehen. 

Mit dem von der Bundesregierung im Zuge des Austrian Airlines Corona-Hilfspaketes geplanten Anti-Dumping-Gesetzes will man nun im Flugbereich den schon unanständig gewordenen Preiskampf unterbinden. Denn auch die AUA ist eine dieser service- und kundenorientierten Fluglinien, die, wie viele weitere traditionelle Airlines, seit Jahren versuchen, gegen die Billig-Phalanx anzufliegen, ohne dabei die Qualitätshose bis zu den Knöcheln runterzulassen. Die neue Anti-Dumping-Regelung soll also quasi der Hosenträger sein.

Steuern- und Gebühren sollen demnach künftig im Flugpreis enthalten sein und der Ticketpreis nicht unter 40 Euro liegen, um, wie es Vizekanzler Werner Kogler sagt, so die unfairen Billigst-Flieger-Praktiken zurückzudrängen.

Ein wichtiges, aber auch hehres Vorhaben, das auch der Preiswahrheit folgend, ein dringend notwendiger Schritt ist. Österreich wäre damit EU-Vorreiter, alleine ganz so „easyjet“ wird das wohl nicht vonstattengehen, weil die Ryanairs & Co dieser Welt einen Codex Hammurapi – in der babylonischen Sammlung an Rechtssprüchen aus dem 18. Jhdt. v. Chr. findet sich auch die erste per Gesetz erlassene Preisregelung – nicht so mir nichts, dir nichts hinnehmen werden. Funktioniert‘s, bekommt Fliegen und dann vielleicht auch in weiterer Folge das T-Shirt aus der asiatischen Hinterhofschneiderei wieder den ihnen gebührenden Wert. Denn, wie wusste schon Einstein: Was nix kost', is nix wert!

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