Tourismus

Wenn es eng wird in den Städten

Im Vergleich zu Tourismusländern wächst der Tourismus in den dazugehörigen Städten doppelt so schnell. Wie man mit dem Übermaß des Massentourismus fertig wird, dafür hat eine Studie nun Rezepte erarbeitet.

Der Ballermann, wo Sonnenhungrige wie Sardinen am Strand liegen; Amsterdam, wo Betrunkene in die Grachten pinkeln; Salzburg, wo tausende Bustouristen die Gassen verstopfen – und als leidgeprüftester Ort darf wohl Venedig gelten: Innerhalb von 40 Jahren hat sich die Einwohnerzahl der Lagunenstadt von 175.000 auf 55.000 reduziert. Geht die Entwicklung so weiter, gibt es in zwanzig Jahren keine Einwohner mehr und der Massentourismus hat die Bühne zur Gänze für sich erobert. Diese Bilder, Eindrücke und Phänomene auf einen Nenner gebracht, wird heute Overtourism genannt, ein Wort, das es vor einem Jahr noch gar nicht gab und doch mittlerweile in aller Munde ist – siehe oben.

Diesem Übermaß des Massentourismus Herr zu werden, das wird die Herkulesaufgabe für Touristiker in den nächsten Jahrzehnten sein. Nur: Wie die überbordenden Touristenströme lenken oder gar reduzieren, ohne gleich wirtschaftlichen Schaden zu nehmen, stellt sich die Frage? Und gleich die ernüchternde Antwort darauf: Es gibt sie nicht oder nur bedingt. Aktiv an die Problematik herangegangen ist nun die ÖHV, die mit dem Beratungsunternehmen Roland Berger & Partner eine Grundsatzstudie erarbeitet hat, aus der sich auch Handlungsanleitungen herauslesen lassen. „Das Problem“, so Studienautor Vladimir Preveden von Roland Berger, „ist, dass es hierzu so gut wie nichts gibt, auf dem man aufsetzen kann.“ Deshalb entwarf er in Zusammenarbeit mit der ÖHV eine Art Matrix, in der 52 europäische Städte anhand ihres Nächtigungs- und Wertschöpfungsaufkommens eingeordnet werden. Preveden erklärt, warum: „Entscheidend sind die Wertschöpfung und das Verhältnis zwischen Touristen und Einheimischen, die sogenannte Tourismusintensität.“ Die Matrix unterteilt die 52 Städte in insgesamt sechs Cluster – von der „Gefangenheit in der Massenfalle“, zu der Städte wie Venedig und Salzburg gehören, über „Strahlende Sterne“, unter denen unter anderem Wien glänzen, bis hin zu „Ungehobenen Potenzialen“, worunter Städte wie Budapest, Istanbul, Leipzig oder Bilbao subsumiert werden.

ÖHV-Generalsekretär Markus Gratzer präzisiert: „Stiegen die Nächtigungen in den untersuchten Ländern in den vergangenen zehn Jahren um 26 Prozent, nahmen sie in Städten mehr als doppelt so schnell zu. Eine Entwicklung, die zusätzlich durch die Sharing Economy befeuert wird.“ Welche Rezepte liefert die Untersuchung nun? Markus Gratzer: „Ein Haupttrend kann nur lauten: Qualität vor Quantität. Also das Upgraden von Gästesegmenten, die Belebung nicht so überrannter Stadtviertel, die Einführung von Zeitfenstern bei besonders stark frequentierten Hotspots, was in manchen Destinationen schon Gang und Gäbe ist. Aber ganz wichtig ist auch die proaktive Vernetzung aller Stakeholder. Nur wenn alle Beteiligten wissen, wohin man touristisch will und alle an einem Strang ziehen, lässt sich eine Strategie professionell umsetzen.“

Ein Punkt, den Wiens Tourismuschef Norbert Kettner dankend aufgreift: „Wir haben uns praktisch von allen Massenmärkten entfernt und sind nur mehr explizit dort präsent, wo wir qualitativ hochwertige Gäste bzw. Nächtigungen lukrieren können. Wir sind Partner der „Art Basel“, der weltweit wichtigsten Messe für Kunsthandel, wir sind Partner von Londoner Business Clubs und arbeiten mit vielen englischsprachigen Family Offices zusammen, die Engagements in Wien anstreben.“ Kettner sieht Wien von Overtourism noch nicht beeinträchtigt. „Unsere Stadt wurde für vier Millionen Einwohner geplant, das hilft uns. Und außerdem gilt Wien bei jugendlichen Peer-Groups als eher langweilig, das hilft uns genauso. Aber wir müssen uns täglich mit dem Phänomen Overtourism auseinandersetzen und wie ein Habicht darauf achten, dass der Angebotsmix stimmt. Das reicht von der Zahl der überbordenden Souvenirshops, bis zu den teils schon lästigen Konzertkartenverkäufern, wo man sich permanent fragen muss, wie viele davon tun unserer Stadt gut?“ Wiewohl Kettner bei der Zähmung der Sharing Economy eine bundesweite gesetzliche Lösung in Form einer Meldepflicht anregt, sieht der Tourismuschef seine Stadt davon weniger betroffen, wie er im traveller-Gespräch betont: „Mehr als vierzig Prozent der Wohnungen unserer Stadt sind öffentlich gefördert oder gehören der Gemeinde Wien und sind somit unvermietbar.“

Am sichtbarsten wird ein Phänomen wie Overtourism meist am Tagesgast, der mit dem Massenverkehrsmittel wie Flugzeug, Schiff, Bus oder Zug sein Ziel erreicht. Hier dirigistisch einzugreifen, wird sich künftig nicht vermeiden lassen. Nur, wo bzw. wie ansetzen, zumal Tagestouristen nicht einmal verlässlich gezählt werden können? Zugangsbeschränkungen in Form von Einfahrtsgenehmigungen oder Time-Slots für Museen bzw. über Online-Reservierung stehen in vielen Hotspots bereits an der Tagesordnung, aber wirklich restriktive Lenkungsinstrumente hat noch keine Stadt implementiert (oder sich getraut). Wo Norbert Kettner noch einmal einhakt: „Man muss sich schon darüber im Klaren sein, dass eine Stadt ein lebender und pulsierender Kosmos ist. Da muss man ein gewisses Maß an Tourismus schon auch ertragen.“ „Jedenfalls“, so Markus Gratzer abschließend, „passiv zu bleiben und der Entwicklung zuzusehen, ist die schlechteste aller Optionen.“

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