Spanien

Comeback in Marbella

Marbella hat Hotels, Restaurants und Strände zwei Wochen vor Österreich geöffnet. Traveller nahm einen Lokalaugenschein in dieser von der Pandemie wirtschaftlich sehr  stark getroffenen Region.

Die Wizz Air W6 2861, Abflug Samstag, 15. Mai 2021 um 6 Uhr vom Flughafen Wien ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Auch in den vorderen Reihen, wo der Flex-Tarif inklusive Gepäck dann doch mit 300 Euro zu Buche schlägt. Das der Reise voran gegangene Service war für eine “Billigairline” überraschend anspruchsvoll: Gefühlt alle zwei Stunden kam eine E-Mail oder ein SMS, was man bitte noch vor Abflug tun möge: einen PCR Test machen, das spanische Einreiseformular ausfüllen, die Bordkarte ausdrucken, eine FFP2 Maske mitbringen... Apropos PCR-Test: in nicht einmal sechs Stunden kam vom Wiener Flughafen am Feiertag das Ergebnis, per E-Mail und per SMS um wohlfeile 69 Euro.

An Bord der ersten Morgenmaschine nach der Öffnung befindet sich  eine interessante Mischung aus Wiener Geldaristokratie, die sich über alle  Sitzreihen - und mit Maske - erkundigt, bei welchem Event man eingeladen ist und wann man wo mit wem  Golf spielen könnte,  sowie jede Menge  Single  Reisenden in Shorts und Flipflops plus Familien mit sehr kleinen Kindern. “Ab in den Süden” lautet das Motto, “endlich wieder Meer und Strand.”

Bei der Landung in Malaga ist dann doch klar: es ist noch nicht vorbei. Die Maschine aus Wien ist wohl eine der ersten, noch herrscht sonst gähnende Leere bis zum Ausgang. Die Kontrolle des QR-Codes, den man für die Einreise nach Spanien benötigt, ist überraschend effizient organisiert und könnte auch einem größeren Ansturm an Touristen gewachsen sein.

Zu Mittag am berühmten RASTRO, DEM Markt  in Puerto Banús ziehen mit Maske (die ist in Andalusien auch im Freien überall Pflicht) die ersten Touristinnen umher, gustieren zwischen Schuhen, Tischdecken, Kleidern, Schmuck  und gefälschten Handtaschen. So wie früher. “In den letzten Monaten haben mir die Standler so leid getan, sie haben de facto nichts verkauft“, erzählt eine in Marbella lebende Österreicherin.

Seit  09. Mai sind die Hotels in Andalusien geöffnet, die Restaurants haben auch wieder bis 24 Uhr offen, die Nachtklubs bis 2 Uhr früh, draußen dürfen zehn an einen Tisch, drinnen acht Personen. Feiern sind Indoor bis 300 Personen erlaubt, im Freien bis 500 und im privaten Bereich gibt es überhaupt keine Einschränkungen mehr.

Am Abend im Nobelrestaurant „La Sala“ in Puerto Banus lässt eine Gruppe Deutscher die berühmte „Sau“ raus, bei offensichtlich viel zu viel an „Cava“ gibt es weder Abstand (1,5 Meter zu nicht in einem Haushalt lebenden Menschen)  noch Lautstärkenregelung. Die ausgezeichnete Qualität der Küche macht den Lärm wieder gut: die Spanier haben zu Kochen nicht verlernt.

Registrieren muss sich in der Gastro niemand, die österreichische 3-G-Regel (getestet, genesen oder geimpft) gibt es nicht; das würde die Testkapazitäten, die sehr teuer und sehr beschränkt sind, wohl auch sprengen. Die Pandemie hat in der spanischen Wirtschaft sehr stark gewütet. Obwohl während der dritten Welle nur zwei Wochen lang alles geschlossen war, gibt es viele Opfer. In der Altstadt von Marbella sollen bereits 40 % der Geschäfte aufgegeben haben, Boutiquen und Strandlokale in erster Lage - mit Stammpublikum und direkt am Strand -sind zu verkaufen, viele Unternehmer haben das Handtuch geworfen. Juan José González, Präsident des Unternehmerverbandes in Marbella blickt auf sehr schwierige Monate zurück und hofft, dass einige Unternehmen genügend Umsatz machen werden, um doch noch zu überleben. Anders als 2020 rechnet Tourismusdirektorin Laura de Arce mit internationalen Touristen, die im Sommer 2021 für die dringend notwendige Auslastung der Hotelbetriebe sorgen sollen.

Nur den Immobilienpreisen für Häuser und Wohnungen macht die Pandemie (noch) nichts aus: Zweitwohnsitze an diesem von Europa so gut erreichbaren Ziel mit Sonnengarantie sind begehrter denn je. Vielen hat die Pandemie  gezeigt, dass ein Zuhause in schöner Umgebung das Allerwichtigste werden kann...

Auch in Marbella gilt: wer vorher gesund war, kam besser durch die Krise. Wie das legendäre Marbella Club Hotel, noch immer geführt von dem 88 jährigen Österreicher Rudolf Graf Schönburg. Geschlossen war es nie, denn auch in Spanien durfte die Hotellerie “Geschäftsreisende” beherbergen, und wer sich die Preise im direkt am Strand liegenden Nobelhotel leisten kann, hat meistens auch einen Business-Grund, vor Ort zu sein. Derzeitiger Preis für eine Junior Suite rund 900 Euro pro Nacht.

Im Laufe der ersten Wochen füllen sich Hotels, Restaurants, Bars und bei traumhaftem Sommerwetter die Strände, wie das Titelblatt der deutschsprachigen Zeitung SUR am 20. Mai zeigt.  Wie überall hinkt der Einzelhandel hinten nach, bei El Corte Inglés fühlt man sich wie ein privater Shopper, der eine Exklusiv-Stunde gebucht hat, unendliche Weiten an schön dekorierter Ware - ganz für dich allein.

In der Macao-Beach geht hingegen schon wieder die Post ab, ohne Reservierung ist man chancenlos, das Strandrestaurant mit unglaublich großartiger Küche gehört aber zu den besten der Region.

Der Rückflug naht, Wizz-Air erinnert mich stündlich an das Ausfüllen des österreichischen Einreiseformulars, der nötige Antigen-Test in der Apotheke kostet 50 Euro und ist erst nach ein paar Stunden fertig. Beim Abflug landet eine Maschine der deutschen TUI in Malaga. Es scheint wirklich wieder richtig loszugehen.  

Dem freundlichen Bundesheer-Soldaten am Wiener Flughafen zeige ich mein Einreiseformular mit dem Zauberwort §4 Abs.3, meine Korrespondenz mit meinen Interviewpartnern in Marbella  und dann noch meinen Impfpass: „Der gilt aber erst ab morgen“ sagt  der junge Mann mit einem Augenzwinkern. Wir wirken beide ein bisschen erleichtert.

Um's Eck geblickt

Wir haben es richtig gut
von Dagmar Lang

Andalusien hat geöffnet, zwei Wochen früher als Österreich, mit ganz anderen Regeln, oder besser gesagt mit ganz wenigen, sieht man vom Abstand halten (1,5 Meter) und Maske tragen – auch im Freien – mal ab. Im Restaurant darf man drinnen zu acht bis 24 Uhr sitzen, draußen sind zehn Personen erlaubt, im privaten Bereich gibt es überhaupt keine Einschränkung mehr, offizielle Feiern sind indoor mit 300 Personen und Outdoor mit 500 Personen möglich. Niemand registriert sich, ins Restaurant darf jeder, nicht nur Geimpfte, Genesene oder Getestete. Diese mit Österreich verglichen unkontrollierte Öffnung scheint alternativlos zu sein, denn die Pandemie hat in Spanien jetzt schon viele Wirtschaftsopfer gefordert.

Es braucht eigentlich nur ein paar Stunden in diesem gar nicht so fernen Land, um zu bemerken, wie gut wir es in Österreich haben. Gratis-Tests an jeder Straßenecke, großzügige finanzielle Unterstützung in Form von Kurzarbeit, Fixkostenzuschuss und Verlustausgleich, davon können die spanischen Unternehmer nur träumen. In der dritten Welle war der Handel lediglich 14 Tage geschlossen und trotzdem werden viele Geschäfte nicht mehr aufsperren.

 Ohne Touristen keine Umsätze, so einfach ist die Rechnung, der arbeitslose Spanier wird kaum bei El Corte Inglés shoppen gehen.  Der Kleinanzeigenteil der spanischen Zeitungen spricht Bände, was alles zu haben ist, durchaus in bester Lage, auch Strandrestaurants mit Stammpublikum, obwohl sich die Gastro schneller erholt als der Einzelhandel.

Fazit des Lokalaugenscheins: Es ist höchste Zeit, dass wir wieder reisen dürfen, nicht zuletzt, um endlich aufzuwachen und zu erkennen, wie zufrieden wir sein sollten, die Pandemie in einem Land wie Österreich zu erleben. Auch wenn so manche Corona-Regel echt nur bescheuert ist, verglichen mit dem wirtschaftlichen Leid in anderen Ländern, haben wir es richtig gut.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter

Mit nur einem Klick zur Anmeldung für Newsletter und E-Paper. Immer up2date in der Touristik mit dem traveller.

Anzeige

Aktuelles E-Paper

Touristik Telefonbuch 2019

Anzeige
Anzeige