Shopping am Airport

Das Comeback von „Buy before you fly“

Die Pandemie hat dem Handel das Leben massiv erschwert – dem Travel Retail hingegen hat sie es praktisch verunmöglicht. Nun erwacht das Geschäftsmodell, das eigentlich keine alternativen Strategien kennt, wieder zum Leben.

Es ist ein fester Bestandteil des Reisens: das Shoppen. Zu City-Trips gehört der gepflegte Einkaufsbummel einfach dazu und auch Strandreisen beginnen und enden traditionell mit ein bisschen Shopping – im Duty-Free-Laden. Diese Art des Einkaufs hat mittlerweile Tradition und sorgt umgehend für Urlaubsstimmung. Besonders die Kinder der Siebziger und Achtziger erinnern sich gerne an den Stolz der Eltern, wenn sie vor dem Abflug noch ein besonders günstiges, weil zollfreies Zigaretten-, Schnaps- oder Parfüm-Schnäppchen gemacht haben und für viele war die Riesen-Toblerone Lieblingsmitbringsel von Papas Geschäftsreise. Das alles sorgte für einen Hauch von Abenteuer und großer weiter Welt.

Im Aufwind

Mittlerweile hat sich die Welt gedreht: Zollfrei ist innerhalb der EU obsolet, Raucher werden immer weniger und das exklusive Markenparfüm gibt es beim Diskonter weit günstiger. Dennoch: Shopping am Airport gehört einfach dazu und wurde im Laufe der Zeit auf hochwertige Markenware erweitert. Egal ob Sonnenbrillen, Handtaschen, Elektronik oder teure Uhren, Flughafenshops wecken Begehrlichkeiten before you fly. Und wenn nicht gerade Pandemie ist, dann ist ein Shop am Flughafen ein höchst attraktiver Standort. Für die Marken dient ein Airport-Store nicht zuletzt als imageträchtiges Schaufenster, in dem auch immer wieder eigene, „draußen“ nicht erhältliche Kollektionen auftauchen.  In den vergangenen Monaten zeigte sich aber, dass Händler an touristischen Hotspots während der Lockdowns noch schlimmer gebeutelt wurden als Randlagen mit Stammkunden und Nahversorgerstatus. Am Flughafen war das am extremsten zu erkennen, denn: Laufkundschaft praktisch null.

In dieser Situation übernahm im Jänner Philipp Ahrens das Center Management am Wiener Airport. Zuvor war er in gleicher Funktion fast 25 Jahre lang in München tätig. Den Einstieg zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt sieht er sportlich: „Man muss die Chancen nutzen, wo sie sich einem bieten.“ Zudem sei man optimistisch: „Es wird langsam besser, die Passagierzahlen steigen,“ erklärt Flughafen-Vorstand Julian Jäger. Im Juni nahm das Passagieraufkommen auch wieder etwas Fahrt auf. Zwar sind die Passagierzahlen der Flughafen-Wien-Gruppe (Flughafen Wien, Malta Airport und Flughafen Kosice) mit minus 75,4 % noch sehr deutlich unter dem Vorkrisenniveau, sie sind aber besser als im Mai. Die Flughafen-Wien-Gruppe hatte damit im Juni 926.278 Reisende. Mittelfristig hofft Jäger, dass man das Aufkommen auf etwa die Hälfte des Vorkrisenniveaus steigern kann, was etwa 50.000 Passagieren am Tag entspricht. Derzeit würden besonders die Geschäftsreisen fehlen. Für eine Stadt wie Wien, die sehr gut vom Kongresstourismus lebt, ein schwerer Schlag, den auch der Handel spürt. Denn durchschnittlich geben Geschäftsreisende in der Bundeshauptstadt täglich rund 540 Euro aus. Ob der Business-Travel wieder abhebt, steht in den Sternen, denn viele haben umgelernt: „Bei Geschäftsmeetings haben alle in den vergangenen Monaten gesehen, dass es auch mit Video-Calls gut funktioniert,“ weiß Jäger aus eigener Erfahrung. „Man merkt aber schon die Einschränkungen. Langfristig wird sich wohl etwas ändern, es ist aber derzeit kaum einzuschätzen, wie sehr.“

No business as usual

Als am 16. März 2020 der erste Lockdown begann, kam das für Handel und Gastronomie am Flughafen einer Vollbremsung gegen die Wand gleich – von jetzt auf gleich war Schluss, ohne Ausnahmen oder alternative Strategien, wie sie andere Betriebe hatten. „Wir konnten die schwierigen Phasen der Schließungen dennoch gut meistern,“ erklärt Center Manager Ahrens und betont das partnerschaftliche Verhältnis zu den Mietern. Trotz der Betriebspflicht, die die Händler und Gastronomen am Flughafen haben, wurde an den Öffnungszeiten oder auch an den Kosten geschraubt. Wer sich einen Store am Airport leistet, der tut das, weil hier die Frequenz einzigartig ist, aber: „Wenn das Argument Frequenz wegfällt, dann wird es schon zäh. Wir haben aber einige gute Modelle entwickelt, die wir auch in Zukunft nutzen wollen.“ Staatliche Hilfen wurden ebenfalls in Anspruch genommen, am wichtigsten sei aber laut Jäger und Ahrens, Perspektiven zu bieten: „Dass wir diese schwierige Zeit überstehen konnten, war in erster Linie eine gute Teamleistung.“ Dabei war man primär bemüht, „die Bestandnehmer bei Laune zu halten“. Nicht alle konnten es sich aber leisten, das Ende der Lockdowns abzuwarten. So schloss die RiedlGroup, die am Wiener Flughafen Accessoire-Shops betrieb vorerst ihre Pforten. Die Familie Jonak untrhält seit über 100 Jahren exklusivste Modegeschäfte und Monobrandstores in Wiens besten Lagen, unter anderem auch am Flughafen. Die Läden am Pier Ost, der komplett heruntergefahren wurde, schloss man mit Jahresende.

Die Airportmanager sehen es pragmatisch: „Alte Mieter sind vielleicht weg, es kommen auch neue.“

Das Center Management wird aber wohl auch künftig herausfordernd sein: „Wir müssen das Gelernte anwenden und hier andere Erlebniswelten schaffen.“ So rechnet man beispielsweise mit mehr Take-away-Angeboten, denn die Fluglinien fahren ihr Catering immer weiter zurück. Die Entwicklung des Gastronomie-Angebots ist auch durchaus positiv: So öffnete der berühmte Hollywood-Starkoch Wolfgang Puck erst kürzlich sein österreichweit erstes Lokal in der Ankunftshalle im Terminal 3. Andere prominente Neuzugänge sind die deutsche Superfood Franchisekette Dean & David in der Ankunftshalle sowie ein brandneuer Shop der Wiener Süßwaren-Ikone Manner. Auch sieht man neue Möglichkeiten für Click&Collect: „Online bestellen und bei der Rückkehr aus dem Urlaub abholen und mitnehmen.“ Ahrens ist überzeugt: „Der Anspruch muss höher werden. Auch die Angebote am Flughafen werden durch das Internet immer vergleichbarer.“

Daseinsberechtigung

Angesichts der immer noch prekären Lage in einigen Teilen der Wirtschaft, sei die Frequenz gar nicht so schlecht. Derzeit konzentriere sich alles auf Terminal 3, was für einen Ballungseffekt sorge: „Außerdem geben Menschen, die fliegen, tendenziell etwas mehr aus.“

Im derzeitigen zentralen Abflugbereich sind alle Gastronomie- und Shoppingeinrichtungen geöffnet. Seit  01. Juli herrschen am Flughafen nur mehr MNS-Pflicht und keine Abstandsregel mehr. In Restaurants, Lounges und der Besucherwelt gilt die 3G-Regel, Mindestabstand ist keiner mehr notwendig.

Dennoch, es werde dauern, bis wieder gesicherte Passagierströme da sind, die die Grundlage für eine solide Planung bedeuten. Für Jäger liegt das Problem aber auch an dem internationalen Flickwerk, das Corona hinterlassen hat: „Wir brauchen eine europäische Gesamtlösung, ähnlich wie Schengen. In großen Binnenmärkten läuft es wieder, Europa ist aber am härtesten von den unterschiedlichen Reisebestimmungen betroffen.“ Auch amerikanische und asiatische Touristen, die noch nicht reisen dürften, würden fehlen.

Das Flughafen-Shopping hat für Jäger und Ahrens jedenfalls nachwievor eine Daseinsberechtigung: „Den Abgesang an Duty-free etwa, den hören wir schon seit zehn Jahren. Tatsache ist aber, dass die Verkaufszahlen hier weiter steigen.“ Um sich abzuheben, müsse man Akzente setzen, etwa mit lokalen Produkten und dem besonderen Einkaufserlebnis: „Nach dem Check-in befinden sich die Passagiere manchmal über Stunden in einem geschlossenen Raum. Da dient Shopping auch der Beschäftigung,“ so Ahrens. Und diese darf durchaus hochwertig sein, denn „Luxus geht immer“.

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