Wolf Science Center

Kissed by a Wolf

Unweit von Wien, inmitten des Naturparks Leiser Berger, befindet sich der Wildpark Ernstbrunn, und damit auch die Adresse eines weltweit einzigartigen Forschungszentrums. Tummeln sich in den teilweise frei begehbaren Gehegen Hirsche, Mufflons, Gämsen oder Steinböcke, hört man auch Wölfe heulen und Hunde bellen. Denn im Wolf Science Center (WSC) stehen Kaniden an erster Stelle, hier leben Wölfe und Hunde Seite an Seite, um ihr Verhalten und ihre geistigen Leistungen sowie ihre Beziehung zum Menschen näher zu erforschen. Das geschieht im Einklang und mit größtem Respekt und Verständnis für die Tiere, wie sich der traveller überzeugen konnte. Es ist ein Fenster ins Gehirn der Tiere, der Wölfe, ohne dabei „böse“ sein zu müssen, das man in Ernstbrunn öffnet. So bringt es der Leiter und Gründer des WSC, Prof. Dr. Kurt Kotrschal, gleich zu Beginn unseres Besuchs bei den Wölfen auf den Punkt. Denn jene sozialen Fehler, die viele Hundebesitzer an ihren Hunden begehen, weil sie ihre Tiere gar nicht kennen bzw. kennen wollen, würde mit Wölfen nie funktionieren. Weil man einen Wolf im Gegensatz zum Hund nie zu etwas zwingen kann, so der Wissenschaftler. Der sich mit dem Wolfsforschungszentrum, welches er 2008 gemeinsam mit Friederike Range und Zsofia Viranyi gründete, seinen Lebenstraum – das Arbeiten mit Wölfen – erfüllte. Seither hat sich das WSC zu einem weltweit einzigartigen und international anerkannten Forschungsbetrieb für Menschen, Wölfe und Hunde etabliert, das eine klare Vision verfolgt: Die Forschung am WSC soll zur Vermehrung gesicherten Wissens über Wölfe, Hunde und deren Beziehungen zum Menschen dienen. Damit soll auch zu einem wachsenden wechselseitigen Verständnis beigetragen werden, um ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben von Menschen mit allen anderen Arten und Geschöpfen zu gewährleisten. Wie das funktioniert, zeigen uns die Mitarbeiter und „ihre“ Wölfe, denen wir während unseres Besuchs im WSC hautnah begegneten. 

Extrawurst für Chitto

Mit einem zugegeben etwas mulmigen Gefühl, aber mit freudiger Erwartung betreten wir das Wolfsgehege. Zuvor erhielten wir vom Trainer – einem jungen Studenten aus England mit großer Liebe für die Wölfe – ein paar Verhaltensmaßnahmen: Keine ruckartigen Bewegungen machen und dem Wolf nicht direkt ins Auge blicken. „Wartet einfach nur ab, Chitto wird Euch schon zeigen, was er mag“, so der Trainer. Aha, mehr fällt uns dazu nicht ein, denn zum Nachdenken ist keine Zeit mehr. Der „Schöne“ aus dem Kaspar-Rudel, Chitto, schmiegt sich sanft an die Beine seines Trainers und würdigt uns mit seinen strahlend blauen Augen nicht einmal eines Blickes. Die enge Verbundenheit und das tiefe Vertrauen zwischen Tier und Mensch sind greifbar. Chittos anfängliche Distanziertheit schwindet jedoch bald, er stupst uns mit seiner Nase und drückt sich fest an uns. Er signalisiert damit sein Willkommen – wir dürfen ihn streicheln. Sein Fell ist im Gegensatz zu Hunden eher borstig und fest, wohl dem natürlichen Lebensraum der kanadischen Wälder angepasst. Denn vorn dort kamen alle Wölfe, derzeit 13 Stück und auf vier Rudel aufgeteilt, im Welpenalter nach Ernstbrunn. So auch Chitto, der mittlerweile ziemlich übermütig geworden ist. Er springt am „Extrawurstbaum“ hoch – einem Laubbaum, der zuvor mit unzähligen Leckereien bestückt wurde – und auch wir kommen in den Genuss eines echten und sehr feuchten Wolfs-Nasenbusserl. Wer jetzt allerdings meint, die Wölfe von Ernstbrunn sind handzahme „Schoßhunde“, irrt. Ein Wolf bleibt ein Wolf, ist menschensozialisier- aber nicht domestizierbar. Das unterscheidet ihn vom Hund. Der Wolf ist ein Wildtier, das im Rudel lebt und eine hohe soziale Struktur aufweist. Und er ist auch nicht böse, die Geschichte vom bösen Wolf ist und bleibt ein Märchen. „Böse ist immer nur eine Betrachtung im Auge des Menschen“, befindet Dr. Kotrschal. 

Spaziergang mit Yukon

Apropos Augen, vielleicht sind ja auch die Augen der Wölfe fürs angeblich „böse“ Image mitverantwortlich. Denn diese Blicke sind durchdringend, wie wir auch bei Yukon, einer wahren grauen Schönheit aus dem Nanuk-Rudel feststellen. Ihre schräg liegenden Augen sind magisch, da fällt es schwer, einen direkten Blickkontakt zu vermeiden. Zeit dafür gibt es aber kaum, denn Yukon wird „angeleint“, um mit uns ins Freigelände, hinaus in den Tierpark, zu spazieren. Diese Leinenspaziergänge mit einem sehr langen Laufband dienen vor allem dazu, soziale Beziehungen, Stresshormone sowie kooperatives Verhalten zu erforschen. Für die Tiere selbst sind sie – so glauben wir halt – auch eine willkommene Abwechslung. So wandern wir also mit einem Wolf an der Leine durch den Tierpark, werden von Kindergartengruppen mit den Worten „Ui, schau, ein Wolf“ begrüßt und erkennen bei dieser kurzen Wanderung auch deutlich die physiognomischen Unterschiede zwischen Wolf und Hund.  Damit endet auch unser Besuch, wir verabschieden uns von den Wölfen im WSC. Gehen die Pläne der Wissenschaftler auf, dann könnte es 2015 vielleicht die ersten Welpen aus eigener Zucht geben. Das wären dann auch wieder die ersten in Österreich geborenen Wölfe, denn in freier Wildbahn ist hierzulande keine nachhaltige Rudelbildung feststellbar. Zwar wandern ständige Wölfe ein, aber sie scheinen eher nur auf der „Durchreise“ zu sein. Sollte es aber doch wider Erwarten zu einer Begegnung mit einem Wolf in heimischen Wäldern kommen, rät Dr. Kotrschal, stehen und ruhig zu bleiben. Der Wolf wird sich nämlich ganz rasch ins Gebüsch verabschieden.

Information
Spaziergänge, Führungen oder Foto-Shootings mit Wölfen sind zu ausgeschriebenen Terminen möglich. Für Unternehmen bietet sich unter dem Titel „Wolf Experience“ ein zweitägiges Management-Seminar in Zusammenarbeit mit der Firma Management Pilots an. Interessierte Unternehmen für eine Sponsoren-Zusammenarbeit – Austrian Airlines ist beispielsweise Sponsorpartner des WSC – finden ebenfalls Informationen unter www.wolfscience.at.
Informationen zum Tierpark Ernstbrunn unter www.wildpark-ernstbrunn.at, im Winter ist der Tierpark Sonn- und Feiertag von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet.

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