Kommentar

Doppelspitze statt Harakiri

Ganz ehrlich, als ich zum ersten Mal gehört habe, dass sich Petra Stolba um keine vierte Amtsperiode als Geschäftsführerin der Österreich Werbung bewerben will, habe ich die offizielle Sprachregelung geglaubt. Nach längerem Nachdenken nicht mehr: Eine Petra Stolba, wie ich sie seit 15 Jahren kenne, verlässt kein Schiff, das gerade in Seenot um das Überleben der Passagiere und der Besatzung kämpft. Anderseits: Welcher Eigentümer, der noch bei Sinnen ist, lässt einen erfahrenen Kapitän in dieser Situation einfach von Bord gehen? Die Berichte von Hanna Kordik in der „Presse“ und Andrea Hodoschek im „Kurier“ bestätigen allerdings meinen Verdacht: Der ÖW-Miteigentümer Staat sorgt tatsächlich im Sturmtief bei hohem Wellengang für Unruhe auf der Kommandobrücke. Kein Wunder, dass wichtige Branchenvertreter mehr als irritiert sind.

Die österreichische Wirtschaft leidet unter der Pandemie doppelt so stark wie die deutsche und sogar mehr als die italienische, lediglich die Spanier sind noch härter getroffen. Der entscheidende Grund dafür: der österreichische Tourismus befindet sich in seiner schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, niemand kann voraussehen, wie viele Betriebe die Pandemie überleben werden. Völlig unklar ist, was mit dem Städte,- Geschäfts- und Kongresstourismus passiert. Wann werden die von Natur aus vorsichtigen Asiaten wieder nach Europa kommen? Wann sind internationale Kongresse wieder denkbar? Wird es sie jemals wieder mit 30.000 Teilnehmern geben? Ganz sicher ist, dass die internationalen Konzerne ihre vor der Pandemie manchmal schon abartige Reisetätigkeit drastisch einschränken werden. Wie schnell man mit Microsoft „Teams“ oder „Zoom“ ein Problem über tausende Kilometer hinweg lösen kann, hat sich im vergangenen Jahr gezeigt. Klarerweise werden Reisen zu bestimmten Anlässen weiterhin stattfinden, aber sicher nicht nur, um sich ein Logo oder die neuesten Sujets für eine Werbekampagne anzusehen.

Den Tourismus so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu bringen, wird Aufgabe der Österreich-Werbung sein. Dafür braucht es kein „neues Gesicht“, sondern Erfahrung gepaart mit dem Mut zu neuen Ideen. Die hat Stolba immer gehabt. Und darüber hinaus etwas geleistet, was nur wertschätzen kann, der schon ein bisschen länger die Tourismuswelt kennt: Stolba hat es geschafft, die oft lähmenden Reibereien mit und unter den Bundesländern nahezu zum Versiegen zu bringen und eine konstruktive Zusammenarbeit zu etablieren.

Eine Neuaufstellung der Österreich-Werbung, die den völlig geänderten Herausforderungen entspricht, ist sicher erforderlich. In dieser Situation die erfahrene Steuerfrau mit einem Winkewinke einfach von Bord gehen zu lassen, ist daher höchst riskant. Wer die (oder der) potenzielle Nachfolgerin sein könnte, sollte eigentlich feststehen, denn die Spitze auszuwechseln, ohne genau zu wissen, wer in Frage kommt, wäre nicht nur höchst riskant, sondern grob fahrlässig. Die Stellenausschreibung schreibt nur vor, dass  kein  Hochschulstudium erforderlich ist, aber „mehrjährige Führungserfahrung im Tourismus an internationalen Standorten von Vorteil“ wäre. Derzeit wird gerätselt, auf  wen diese karge Leistungsbeschreibung passen könnte.

Man kann nur hoffen, dass sich schließlich die Vernunft durchsetzt und eine Doppelspitze statt Harakiri mit Anlauf herauskommt: Mit Petra Stolba für die interne Stabilität und die in der Krise dringend notwendigen Kontinuität,  und einem neuen Gesicht für den Aufbruch in eine neue Zukunft. Der finanzielle Mehraufwand sollte keine Rolle spielen: „Koste es, was es wolle“ hat uns Kanzler Kurz vor einem Jahr versprochen. Bis 08. März wäre noch Zeit.

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