Italien

Im Salonwagen an den Lago d’Iseo

Historische Züge und stillgelegte Geleise erleben in Italien eine Renaissance. Der traveller konnte sich vorab auf die Spuren längst vergangener Zug-Reisetage machen.

Es ist schon ein spektakuläres Bild, das die Stahl-Glaskonstruktion des riesigen Tonnendachs des vor 90 Jahren eröffneten Bahnhof Milano Centrale abgibt. Perfekt in Szene gesetzt stößt eine ebenso alte Lokomotive dunkle Dampfwolken aus. Sie bildet die Spitze eines Personenzuges, dessen Waggons aus der ersten Hälfte des 20. Jhdts. stammen. Zugbegleiter in passenden historischen Uniformen ersuchen die Gäste einzusteigen, damit der Zug pünktlich abfahren kann.

Während die historische Zuggarnitur langsam aus dem weiten Bahnhofsgelände rollt und Mailand verlässt, freundet man sich mit den gar nicht unbequemen Holzbänken der 2. Klasse Waggons an. Wie einst erfolgt die Heizung durch die Wärme der Dampflokomotive, auch alle anderen Details der Wagen sind originalgetreu rekonstruiert worden. Man fühlt sich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Schnell lernt man einige der Mitreisenden kennen, gemeinsam mit Pressevertretern aus vielen europäischen Ländern sind auch wir auf Einladung der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT „Auf der Via der Franciacorta“ unterwegs und tauchen für ein paar Stunden in längst vergangene Reisezeiten ein. Während der Zug also gemächlich durch die Landschaft dampft, bittet Luigi Cantamessa, General Manager der FS Ferrovie dello Stato Italiano Foundation, zum Informationsaustausch in ganz besonderen Rahmen - in den Salonwagen aus dem Jahr 1907.

„Die Fondazione FS Italiane betreut und verwaltet das große historische Erbe der Italienischen Staatsbahnen: Gegründet 2013, betreut sie eine Flotte von mehr als 400 historischen Schienenfahrzeugen, von denen rund 200 voll funktionsfähig sind. Auch das Pietrarsa-Museum, das Triest Campo Marzio Museum sowie das Projekt ‚Binari senza Tempo - Zeitlose Spuren‘, das Touristenrouten entlang aufgegebener Strecken wiedereröffnet, wird von der Foundation administriert,“ erörtert Cantamessa.

Zeitloses Reisen

„Binari senza Tempo“ ist auf zehn hochinteressante italienische Routen und auf rund 1000 Kilometer ungenutzter Gleise ausgelegt. Diese Strecken, die für den Pendler- oder Güterverkehr wenig oder keinen Nutzen bringen, haben großes touristisches Potenzial und führt den (Bahn)Reisenden auf bequeme Arte und Weise durch einzigartige Landschaften und noch weniger bekannte und vom Massentourismus noch unberührtere Gebiete.

Luigi Cantamessa große Begeisterung und Leidenschaft für „sein“ Projekt sind förmlich greifbar. Immer wieder bittet er uns, in Bahnhöfen auszusteigen, weist auf technische Feinheiten der Lok und den Waggons hin und führt uns sogar hinaus aufs Gleis. Wo er uns angesichts der unpolierten Schienen erklärt, dass diese kaum befahren wurden und die Holzschwellen schon Jahrzehnte lang im Schotterbett liegen, dennoch immer einen sicheren Schienenstrang bieten. Erst vor kurzem wurden die letzten zehn Kilometer von Palazzolo sull'Oglio bis zum Endbahnhof in Paratico am Lago d’Iseo instandgesetzt und für den Verkehr freigegeben. Wir nähern uns dem Ende unseres Kurzzugtrips, und werden in Paratico mit „großem Bahnhof“ und feinem Aperitif im ehemaligen Lokschuppen – heute ein fashionables Bistro - vom Bürgermeister höchstpersönlich empfangen und auch die Dampflokomotive wird  mit Frischwasser „verwöhnt“. Der nachgebaute Bahnhof präsentiert sich als Modell, von dem ferngesteuerte Züge im Maßstab H0 (die gebräuchlichste Baugröße in der Modelleisenbahn entspricht einem Maßstab 1:87) sogar bis ans Ufer des Lago d’Iseo fahren, wo Waggons auf eine Fähre verladen werden.

Das geschah tatsächlich bis 1994, wie Luigi Cantamessa während eines Spaziergangs über ein stillgelegtes Gleisbett erklärt, das jetzt ungenutzte „Floating Pier“ ist noch immer zu sehen. „Wir wollen auch diese traditionelle Verladung wiederbeleben. Vorausgesetzt, wir erhalten rechtzeitig alle Genehmigungen, sollten Züge schon in zwei Jahren bis ans Ufer gelangen, 2024 könnte der erste Waggon über das Floating Pier auf eine Fähre rollen,“ so Cantamessa über Pläne und Visionen für die nahe Zukunft.

Unsere kurze Reise ist fast zu Ende, bevor wir jedoch im Nostalgie-Zug wieder zurück nach Mailand „dampfen“, fahren wir noch über den viertgrößten oberitalienischen See, den Lago d’Iseo und sagen bei einem feinen Glas Chardonnay-Sekt des renommierten Weinguts Bellavista bei traumhaften Herbstwetter arrivederci und auf Wiedersehen.

Informationen

Die historischen Zugfahren werden Gruppen, für Incentives aber auch Agenturen angeboten, um Einzelreisenden die Buchung zu ermöglichen. Durch die Zusammenarbeit zwischen der FS Foundation und dem italienischen Ministerium für Tourismus sind im Angebot mit jeder Zugfahrt auch besondere landschaftliche, kulturelle und kulinarische Attraktionen der jeweiligen Region verknüpft. Ab 2022 werden zehn unterschiedliche Nostalgie-Routen zwischen Sizilien und der Lombardei angeboten.

fondazionefs.it

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