Italien & Deutschland

Wintertourismus erwartet schwere Verluste

Wegen des von der italienischen Regierung geplanten Skiurlaub-Verbots über die Weihnachtszeit droht Italiens Wintertourismus ein Umsatzrückgang von 70,2 % gegenüber der vergangenen Saison. In der Vorsaison hatte der Wintertourismus in Italien noch 10,4 Mrd. Euro generiert. Sollte die Wintersaison erst Mitte Jänner 2021 beginnen, würde der Umsatz lediglich 3,1 Milliarden Euro betragen, geht aus einer am Samstag veröffentlichten Prognose des Instituts JFC hervor. In Deutschland befürwortet man weiterhin die Schließung der Skigebiete und auch Belgien reiht sich in die Liste der Wintertourismus-Verweigerer ein.

JFC gibt jährlich einen Bericht zur Lage des italienischen Wintertourismus bekannt. Der Wintertourismus macht einen Anteil von elf Prozent des gesamten italienischen Fremdenverkehrs aus.

Laut Franco Locatelli, Präsident von Italiens Oberstem Gesundheitsrat (CTS), der die Regierung in Sachen Coronavirus-Pandemie berät, sinkt die Zahl der Neuansteckungen in Italien zwar, die Lage sei jedoch nicht so entspannt, dass eine Öffnung der Skianlagen während der Weihnachtsfeiertage zugelassen werden könne. Locatelli äußerte die Hoffnung, dass sich auch andere EU-Partner, darunter Österreich, als Maßnahme zur Eingrenzung der Pandemie zu einem Skiverbot über die Weihnachtszeit entscheiden.

Der italienische Außenminister Luigi Di Maio, Spitzenpolitiker der stärksten Regierungspartei Fünf Sterne, bezeichnet die Diskussion über ein Skiurlaubsverbot während der Weihnachtszeit als "surreal". "Nicht Ski fahren zu dürfen, ist kein Opfer. Diese Diskussion um den Winterurlaub ist surreal", so Di Maio im Interview mit dem TV-Kanal "Rete 4". "Wir schließen die Skianlagen, um Menschenansammlungen zu vermeiden und die Epidemie zu besiegen. Wir schließen jedoch nicht die Grenzen. Wer nach Österreich oder in die Schweiz zum Skiurlaub fährt, muss sich beim Heimkommen einer Quarantäne unterziehen. So schützen wir diejenigen, die zu Hause geblieben sind", so Di Maio.

Mehrheit der Deutschen befürwortet Schließung der Skigebiete

Eine große Mehrheit in Deutschland würde laut einer Umfrage eine europaweite Schließung von Skigebieten, wie die österreichische Bundesregierung sie ablehnt, befürworten. 73,8 % der Befragten gaben bei einer repräsentativen Umfrage an, es sei "eindeutig" oder "eher richtig", zur Eindämmung der Corona-Pandemie alle europäischen Skigebiete vorerst zu schließen. 19,5 % der Befragten hielten dies für "eher" oder "eindeutig falsch".

In Bayern, wo Skigebiete bis 20. Dezember nicht öffnen dürfen, sprachen sich laut der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der "Augsburger Allgemeinen" (Samstag) gut zwei Drittel der Befragten (68,6 %) "eindeutig" oder "eher" für eine europaweite Schließung aus. Etwa ein Viertel der Befragten (25,4 %) hielt das für "eher" oder "eindeutig falsch".

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sprach sich für ein Verbot aus. "Ski-Regionen wollen natürlich, dass die Saison nicht ausfällt. Aber ein zweites Ischgl können wir uns in diesem Winter nicht erlauben, sonst besteht die Gefahr, dass wir europaweit in einer Lockdown-Situation landen, aus der wir nicht mehr hochkommen", sagte Hans dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Am besten wäre ein europaweites Skiverbot zumindest bis zum 10. Jänner, dem Ende der Winterferien." Hans begrüßte zudem die bayerische Regelung, wonach auch Tagestouristen, die zum Skifahren nach Österreich reisen, anschließend zehn Tage in Quarantäne müssen.

Weitere Länder für Schließung – Österreich, Finnland, Tschechien und Slowenien halten dagegen

Auch Belgien hat sich unter jene Länder eingereiht, die angesichts der Corona-Pandemie eine europaweite, vorweihnachtliche Schließung der Skigebiete befürworten. "Ich denke, wir alle erinnern uns noch sehr gut daran, dass Skiferien die Ausbreitung des Virus in Europa verursacht haben. Man muss kein Virologe sein, um zu wissen, dass diese Urlaube ein sehr großes Risiko darstellen", sagte Premier Alexander De Croo am Freitag laut Medienberichten.

Damit unterstützt Belgien einen entsprechenden Vorstoß von Deutschland, Frankreich und Italien. Österreich, Slowenien, Tschechien und Finnland sind gegen eine europaweite Schließung der Skigebiete vor und um Weihnachten. Laut der Zeitung "La Libre" hat sich der flämische Liberale De Croo bereits an die Schweiz, wo die Lifte schon offen sind, mit der Bitte gewandt, wieder zuzumachen. Die Botschaft der belgischen Behörden sei klar, so "La Libre", man solle auf Skiurlaub verzichten. De Croo: "Ich würde ja gerne einen Schlussstrich unter dieses Katastrophenjahr ziehen. Aber ich möchte nicht, dass Weihnachten den Beginn einer neuen Katastrophe markiert."

Unterdessen rückte Österreichs Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP), der im Jahr 2000 mit seiner Bildung einer Koalition mit der FPÖ unter Jörg Haider unter den EU-Staaten erhebliche Irritationen bis hin zu Sanktionen hervorrief, in der Ski-Debatte mit einem Aufruf zur "Verhältnismäßigkeit" aus. Verhältnismäßig wäre es, schreibt der Ex-Kanzler in der "Süddeutschen Zeitung", "das Skifahren im Winter mit wirksamen Auflagen zu verbinden. (...) Aber ein totaler Lockdown ganzer Täler und Wirtschaftszweige ist nicht mehr 'verhältnismäßig'."

Zugleich verwahrte sich Schüssel dagegen, das häufig als Corona-Negativbeispiel angeführte Ischgl "mit seinen 1.640 Einwohnern zum europäischen Sündenbock zu stempeln". Für "Blame-Games" bestehe kein Anlass, so der frühere ÖVP-Chef, der in der "Süddeutschen Zeitung" zugleich andere Orte in Europa und darüber hinaus aufzählt, wo im Frühjahr Fehler im Umgang mit dem Coronavirus gemacht worden seien. So erinnert Schüssel an "die fußballbegeisterten Massen im Stadion San Siro (...), als Atalanta-Bergamo den FC Valencia niederrang; an Massendemonstrationen in Spanien, Kreuzfahrten in japanischen Gewässern, überfüllte freikirchliche Gottesdienste, Karnevalssitzungen et cetera.".

Österreich will Skigebiete öffnen

Österreich will seine Skigebiete jedenfalls öffnen, wenn es die Infektionszahlen zulassen – dafür brauche es keine Absprache mit anderen Ländern, heißt es von Regierungsseite. So wie schon im Sommer gebe es hierzulande auch für den Wintertourismus umfassende Präventions- und Sicherheitskonzepte.

Après-Ski, wie man es bisher kannte, wird es demnach nicht geben. Die Konsumation von Speisen und Getränken darf auch im Freien nur im Sitzen konsumiert werden. Beim Anstellen an den Seilbahnen und in der Gastronomie muss ein Mindestabstand von einem Meter eingehalten werden. Darüber hinaus ist in Gondeln und Lokalen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verpflichtend. Höchstzahlen für die Personen pro Gondel sind keine vorgegeben - die Seilbahnen gelten als öffentliche Verkehrsmittel, es gelten dieselben Vorschriften wie etwa in der Wiener U-Bahn.

Auch der österreichische Marktforscher Manova aus Graz beschäftigte sich laut "SN" schon im Mai mit der Möglichkeit geschlossener Skilifte. Im Rahmen einer Umfrage wollte man wissen: "Was wäre, wenn es kein Skifahren gäbe, würden Sie dann kommen?" Das Ergebnis: "Da bleibt maximal ein Viertel der Skifahrer übrig", erklärt Manova-Chef Klaus Grabler. Zusatzangebote wie Schneeschuhwandern würden meist im Rahmen des Skiurlaubs konsumiert. "Hauptmotivation für einen Winterurlaub ist nach wie vor das Skifahren." In Österreich gibt es der Zeitung zufolge knapp drei Millionen Skifahrer, in Deutschland elf Millionen.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter

Mit nur einem Klick zur Anmeldung für Newsletter und E-Paper. Immer up2date in der Touristik mit dem traveller.

Anzeige

Aktuelles E-Paper

Touristik Telefonbuch 2019

Anzeige
Anzeige