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IST-Hochschule

So wird das nichts mit der Nachhaltigkeit

Am 27. Oktober 2020 veranstaltete die IST-Hochschule für Management ein Webinar zum Thema „Nachhaltigkeit in der Tourismusbranche“. Mehr als 200 wissbegierige Teilnehmer aus diversen Unternehmen, Studierende der Hochschule, externe Dozenten und Leistungsträger des Tourismus meldeten sich an und lauschten über eines der uns mittlerweile so vertrauten Online-Videokonferenz-Tools den mahnenden, aber ehrlichen Worten von Prof. Dr. Felix M. Kempf, seit September 2015 Studiengangleiter Tourismus Management an der IST-Hochschule. Mit klaren Fakten und umfassendem Wissen klärte er die Zuhörerschaft über das Konzept der Nachhaltigkeit und seinen Zusammenhang mit der touristischen Leistungskette – vom Reiseveranstalter, über das Reisebüro bis zu den Verkehrsträgern und Destinationen – auf. Kritik an Konzepten großer Veranstalter und Fluglinien kam dabei nicht zu kurz, sollte jedoch auch Ansporn zur Veränderung geben.

Von schwacher Nachhaltigkeit, Greenwashing und Klimawandel

„Nachhaltigkeit gewinnt in der Reisebranche trotz der Corona-Pandemie weiterhin an Bedeutung“ – das geht aus einer kürzlich veröffentlichten fvw-Umfrage hervor. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit genau?

Erstmals verwendet wurde der Begriff 1713 von Hans Carl von Carlowitz – der deutsche Kameralist gilt als wesentlicher Schöpfer des forstlichen Nachhaltigkeitsbegriffs – der damit bereits vor mehr als 300 Jahren eine langfristige Nutzung des Waldes durch bewusstes Fällen von Holz und der damit den Bäumen gegebenen Chance, wieder nachwachsen zu können, erkannte. In den 1980er Jahren flammten dann die ersten Diskussionen in Bezug auf den Klimawandel auf. Die ersten Modelle zur Nachhaltigkeit entstanden, die eine Balance von ökologischen, sozialen sowie ökonomischen Faktoren voraussetzten. Heute spricht man bei diesen Säulen-Modellen von schwacher Nachhaltigkeit, da man davon ausging, dass diese nur insgesamt ausbalanciert sein müssten, d.h. eine Säule (meist die ökologische) kann mehr vernachlässigt werden, wenn eine andere diese dafür ausgleicht. Neuere Ansätze der starken Nachhaltigkeit positionieren die Ökologie und Natur an der Basis der drei neuen Säulen Kultur, soziale Faktoren und Ökonomie. Die Achtung der natürlichen Ressourcen steht im Vordergrund, da diese begrenzt sind und die drei Säulen ohne sie nicht bestehen können.

Im Vergleich zu Corona betrifft die Klimakrise nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Ökologie und die natürlichen Ressourcen. Die Veränderung des Klimas und damit einhergehende Naturkatastrophen sind schleichend, beide – also Corona und die Klimakrise – sind sozial ungerecht und treffen die ärmste Bevölkerung zuerst. Dürren und Überschwemmungen suchen Länder und Menschen heim, deren CO2-Ausstoß bis jetzt am geringsten ausfiel. Sollte der Golfstrom kollabieren, betreffen die Auswirkungen jedoch alle in Europa gleichermaßen. Eine Kältewelle wäre die Folge, warme Winde aus dem Atlantik könnten nicht weiter ins Inland Europas vordringen.

Der Tourismus spielt ebenso wie alle anderen Branchen eine große Rolle für eine mögliche Trendwende in der Klimakrise. Dr. Kempf zeigte anhand von positiven, aber auch negativen Beispielen die Problemfelder der touristischen Leistungskette auf. Vor allem Greenwashing war hier ein wichtiges Thema, die Unternehmensphilosophie eines großen deutschen Reiseveranstalters diente leider als Negativ-Beispiel einer solchen Methode. Gekonnt wurden tatsächliche Zahlen mit rhetorischen Mitteln geschönt und verfehlte Maßnahmen versteckten sich hinter nichtssagenden Worten und Versprechungen. Als größtes Problem in der Leistungskette wurden die Verkehrsträger identifiziert, allen voran der Luftverkehr. Rund 80 % des CO2-Ausstoßes einer Reise geht auf das Flugzeug zurück – ohne dem Zutun der Flugbranche kann also keine nachhaltige Wendung gelingen.

Vom Reisebüro zur Destination

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist bisher in nur wenigen Köpfen auch tatsächlich angekommen. Als Hauptargument wird das fehlende Angebot an nachhaltigen Reisen in den Reisebüros genannt. Nur wenige Kunden (acht Prozent lt. fvw-Umfrage) fragen aktiv nach derartigen Angeboten nach. Hier liegt die Verantwortung beim Reisebüro: ein Drittel der Verkäufer sieht Nachhaltigkeit als Verkaufsargument, mehr als die Hälfte wünschen sich mehr nachhaltige Angebote und über 70 % würden sich mehr Informationen und ein entsprechendes Sales-Training wünschen.

„Aber auch die Kunden müssen ihr Reiseverhalten ändern. Eine Hochzeit auf Mallorca, einen Tag hinfliegen, den anderen wieder zurück – solche Reisen müssen weg! Urlaub muss wieder an Wertigkeit gewinnen“, ist Dr. Kempf überzeugt.

Mit dem mahnenden Zitat „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“ (Hans-Magnus Enzensberger – deutscher Dichter und Schriftsteller, 1979) und dem von Dr. Kempf ergänztem Satz „… und die Reiseveranstalter helfen ihm dabei, indem sie das ignorieren“ widmete man sich DEM großen deutschen Reiseveranstalter und kritisierte vielfach, dass die ökologische Problematik und die CO2-Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit nicht erkannt werden. Halbherzige Maßnahmen der Emissions-Reduktion werden langfristig nichts nützen, Greenwashing kann bald nicht mehr den „Dreck unter den Teppich kehren“, da sprichwörtlich der Teppich zu klein wird.

„Vieles, was ich Ihnen erzähle, mag hart klingen. Wenn ich aber heute nicht der Mahner bin und bei mehr als 200 Zusehern nicht morgen einen Anruf von der TUI bekomme, hat mir keiner zugehört. Sollten wir nichts ändern und so weitermachen, wie bisher, werden wir diesen Planeten zugrunde wirtschaften, das ist sicher.“, macht Dr. Kempf auf die Dringlichkeit der Thematik aufmerksam.

Doch es wurden auch Positiv-Beispiele betont. Das forum anders reisen, ein deutscher Wirtschaftsverbund für nachhaltige Reisen in Europa, versucht hingegen mit einem eigenen Kriterienkatalog sozial, wirtschaftlich und ökologisch verträglich zu arbeiten. Die ÖBB forcieren die Ausweitung des Nachtzugnetzes und der Reiseveranstalter Nomad verbannt in seinem Angebot jegliches Plastik. Ein weiteres Beispiel wurde mit Chamäleon genannt, die Reisenden „NatureBottles“ zum Wiederbefüllen während der Reise zur Verfügung stellen. Und auch Studiosus Reisen startet nachhaltig ins Reisejahr 2021 und kompensiert ab dann vollständig alle Reisen.

Innovationen und Investitionen sind bei den Verkehrsträgern dringend notwendig. Durchschnittlich verbraucht jeder deutsche Bürger rund neun bis elf Tonnen CO2 pro Jahr. Ein Jahr Autofahren mit rund 12.000 km pro Jahr wären bereits zwei Tonnen davon, ein Interkontinentalflug in der Economy stößt vier Tonnen CO2 aus. Der weltweite durchschnittliche CO2-Ausstoß liegt bei fünf Tonnen, in Indien bei zwei. Sollte eine langfristige Trendwende wirklich erreicht werden wollen, müssen wir unseren Verbrauch bis 2030 auf 2,5 Tonnen und bis 2050 sogar auf nur eine Tonne senken. Der Tourismus spielt mit fünf Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes auf den ersten Blick nur eine geringe Rolle, 75 % davon werden jedoch durch den Verkehr produziert. Nur ein Aussteigen von fossilen Brennstoffen bzw. die Entwicklung neuer, klimaneutraler, synthetischer Treibstoffe kann für Veränderung sorgen. Das Preisdumping der Billig-Airlines lässt nicht nur den Flug, sondern den gesamten Urlaub an Wertigkeit verlieren. Kompensationsaktionen wie CO2ZERO von KLM sind gewünscht, doch müssen diese auch genutzt werden. 2017 nahmen von drei Mio. Buchungen rund 60.000 Kunden teil, das entspricht einem Prozentsatz von 0,2 %! Laut einer Umfrage im Jahr 2019 hätten (nicht haben!) rund 18 % der Befragten ihre Reisen kompensiert.

In den Destinationen ist die nachhaltige Entwicklung des Urlaubslandes entscheiden. Hotelgiganten lassen die touristische Attraktion einer Destination sinken, zudem sorgt Massentourismus für ein Aussterben der einheimischen Kultur. Hotels können bereits bei der Planung nachhaltig gestaltet werden. Das Hotel Edelweiß in Wagrain, Salzburg, macht es vor und spart dank Passivbau und Optimierung der Haustechnik einen Großteil der Energie ein. Auf den SPA-Außenbereich wurde z.B. verzichtet und stattdessen ein chemiefreies Schwimmbiotop gebaut. Die Handwerker für den Bau wurden aus der Region engagiert, die Mitarbeiter und Kunden werden laufend für Nachhaltigkeit sensibilisiert.

Ansatzpunkte für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus

Im Webinar wurden jedoch nicht nur mahnende Worte und wenig Hoffnung machende Aussichten vermittelt, sondern Perspektiven und Maßnahmen für die Zukunft aufgezeigt. Die IST-Hochschule bietet für Touristiker mit dem IST-Zertifikat Nachhaltiger Tourismus eine berufsbegleitende Weiterbildung. Die Studiendauer beträgt vier Monate und behandelt die Lerninhalte Tourismusökologie, Nachhaltiges Unternehmensmanagement, Destinationsmanagement unter Aspekten der Nachhaltigkeit und Green Meetings. Im April 2021 wird das Zertifikat noch um verschiedene Online-Vorlesungen und Webinare betreffend Religion, Kultur und Menschenrechte ergänzt.

Weitere Infos unter https://www.ist-hochschule.de/ 

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