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Interview

Wikinger Reisen – „Nicht zu reisen kennt nur Verlierer“

Warum reisen wir eigentlich? Und was passiert, wenn wir es nicht mehr tun oder tun können? Ein Interview mit Daniel Kraus, Geschäftsführer von Wikinger Reisen, über die Kehrseite des Verzichts und die aktuelle Situation des Unternehmens. Denn auch das „Nicht-Reisen“ birgt Risiken.

„Dann reisen wir 2020 eben mal nicht.“ Was riskieren wir mit dieser Entscheidung? 

Daniel Kraus: Nicht zu reisen kennt letztlich nur Verlierer. Wir riskieren all das, was Reisen wertvoll und nachhaltig wirkungsvoll macht. Von der Vorfreude bis hin zu Urlaubserinnerungen, die nachwirken. Dazwischen fehlt eine breite Palette an Gefühlen und Eindrücken – die Begegnungen, das Eintauchen in andere Kulturen und fremden Alltag.

Wie wirkt sich das auf den Einzelnen aus?

Der Nicht-Reisende gewinnt keinen Abstand zum Gewohnten, keine neuen Blickwinkel. Ihm fehlen Inspiration und Erfahrungen. Alles Faktoren, die Verständnis, Toleranz und Weltoffenheit erzeugen. Auch das Bewusstsein für Umweltschutz, Plastikvermeidung etc. nimmt ab, wenn ich vermüllte Küsten und Landschaften nicht live erlebe. Dazu kommt der mangelnde Austausch: Wir haben zahlreiche Alleinreisende und Singles unter unseren Gästen. Viele davon sitzen im Homeoffice. Ihnen fehlt die Kommunikation mit Gleichgesinnten, die sie auf Wanderungen und Radtouren erleben würden.

Wie ist die Sommer-Saison für Wikinger Reisen verlaufen?

Wikinger Reisen ist mit einem tiefblauen Auge davongekommen, immerhin sind im Sommer 2020 noch über 12.000 Gäste mit uns gereist – sie sind individuell oder in kleinen Gruppen gewandert, getrekkt und Rad gefahren.

Erhalten Sie Unterstützung vom Staat bzw. mit welchen Maßnahmen versuchen Sie, den Verlust einzuschränken? Die Kurzarbeit konnten Sie im November beenden ...

Wir erhalten Hilfe vom Staat über die bekannten Programme. Diese sind jedoch nur flankierend und kompensieren keinesfalls die tatsächlichen Ausfälle. Wir haben ein striktes Sparprogram auf allen Ebenen.

Wie geht es dem Unternehmen aktuell? Was erwarten Sie für den Winter bzw. darf man nach dem Lockdown auf eine entspanntere Situation hoffen, in der wieder mehr gebucht wird?

Wir sind gesund, insofern geht es uns gut. Zur Reisesituation: Bis März gehen wir von nur sehr wenigen Abreisen und geringem Geschäft aus. Ein wachsendes Buchungsaufkommen erwarten wir ab Januar, ein Buchungsaufschwung im Spätfrühjahr, wenn die Corona-Welle hoffentlich abnimmt.

Wie sieht der Plan für das Jahr 2021 aus? Mit dem „Best of Europ“-Katalog fokussieren Sie sich stark auf Nahziele – werden Sie weiterhin auch Fernziele anbieten? Wenn ja, welche?

Wir haben zwar einen Fernreisekatalog – hier der Link zu den aktuellen Programmen weltweit. Aber Fernziele sind vor Sommer/Herbst 2021 nicht vorstellbar. Deshalb fokussieren wir uns auf Europa, insbesondere auf erdgebundene Programme. Diesen Bereich haben wir stark ausgebaut.

Welche Verluste erleiden die Zielgebiete – insbesondere Schwellen- und Entwicklungsländer?

Sie verlieren die Existenzsicherung, alles bricht weg. „Bitte schickt uns doch endlich wieder Gäste. Wir sind motiviert und empfangen sie mit mehr Gastfreundschaft denn je. Seit März hat die gesamte Begleitmannschaft keine Arbeit mehr. Wir warten auf Touristen“, schrieb uns Jackson, ein Guide, der bei den Kilimanjaro-Trekkings dabei ist. Das Gleiche gilt für den Beduinen, der die kleinen Wikinger-Gruppen mit seinem Reitkamel „Bottorott“ durch die marokkanische Wüste führt. Den Busfahrer Enrico in Ecuador, der für jeden Transfer parat steht. Die Köchin Hilda in Tansania, die Urlauber regelmäßig ins Schwärmen bringt. Oder auch die Musiker der Gruppe Manolo y Amigos, die in unserem Hotel Luz del Mar auf Teneriffa spielen. Sie alle stehen jetzt vor dem Nichts. Oft fehlen soziale Systeme, die Verluste abfedern. Nicht zu reisen bedeutet daher auch, Menschen, die uns über Jahrzehnte wertvolle Reiseerlebnisse beschert haben, im Stich zu lassen. Wir hoffen daher auf eine baldige Beruhigung der Situation, damit wir diese Menschen auch wieder unterstützen können.

Gerät auch der Tier- und Naturschutz durch ein Ausbleiben der Gäste in Gefahr?

Auf jeden Fall, der Schutz bedrohter Arten – beispielsweise Gorillas oder Meerestiere in bedrohten Riffs – ist ohne Tourismuseinnahmen nicht finanzierbar. Auch Wilderei, illegale Fischerei und Abholzung nehmen wieder zu, wenn die Existenzsicherung ausfällt.

Welche Folgen hat das „Nicht-Reisen“ für den Urlaub von morgen?

Es ist unmöglich, eine komplette Branche verlustfrei in den Stand-by-Modus zu versetzen. Der Schalter lässt sich anschließend nicht einfach von off auf on umlegen. Wir riskieren einen Teil der Infrastruktur zu verlieren, die Urlauber brauchen. Deshalb ist es uns so wichtig, auch jetzt sichere Reisen durchzuführen, die diese Verluste vermeiden oder zumindest verringern.

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