Interview

Gerhard Gucher – "Das würde das Aufsperren sinnlos machen"

Gerhard Gucher, Direktor der VAMED Vitality World, ist ein Mann der klaren Worte. Im Exklusivinterview argumentiert er über die Notwendigkeit des Thermen-Comebacks, welche Regeln es dazu braucht, beklagt Steuerungerechtigkeit im Tourismus, spricht über die Erfolge der Initiative Therme PLUS und kritisiert die Führung der Österreich Werbung.

Da geht es den Thermen gleich wie der Hotellerie und Gastronomie: Trotz bester Argumente und Konzepte sind die Türen seit Monaten zu und bleiben es noch länger. Warum ist es den Branchen nie gelungen, die Entscheidungsträger zu überzeugen?

Gerhard Gucher: Warum es nicht funktioniert, da kann ich nur mutmaßen; ich sitze ja nicht in diesen Gremien. Wir hätten uns auf alle Fälle eine Öffnung vor Ostern erwartet. Das Thermengeschäft ist ein saisonales, wir sind in der Hochsaison fünf Monate durchgehend gesperrt und waren es auch im vorigen Jahr, zum Teil in der Hochsaison. Das ist ein schwerer Schlag, ein wirtschaftliches Fiasko für alle Thermenresorts und Betreiber. Wir sind enttäuscht, dass keine Lösung gefunden wurde.

Stört es Sie, dass der Handel unter deutlich weniger strikten Bedingungen geöffnet hat?

Als Konsument habe ich ein gewisses Verständnis dafür. Wir haben im Sommer gezeigt, dass wir das Geschäft sehr gut beherrschen und alle Sicherheitsvorkehrungen – mehr als die vorgeschriebenen – bestens funktionieren. Die VAMED Vitality World verzeichnete zwischen Ende Mai und September 2020 sehr gute wirtschaftliche Zahlen.

Die Bestätigung dafür, dass die Hygienemaßnahmen funktionieren?

Um unsere Gäste und Mitarbeiter zu schützen haben wir im Sommer 2020 rund 600.000 Euro in die Hygienemaßnahmen der Betriebe investiert. Außerdem wurde Professor Hans-Peter Hutter von der MediUni engagiert, der gemeinsam mit der Therme Wien ein 300 Punkte umfassendes Schutz- und Hygienekonzept ausarbeitete. Wir sind bereit für eine Öffnung aller Betriebe. 

Sie haben die Initiative Therme PLUS auf den Weg gebracht. Wie soll sie der Branche ein stärkeres Gewicht verleihen?

Es gibt 39 Thermen in Österreich, aber wir hatten bisher nur wenig Kontakt untereinander. Eine Stimme ist gut, aber mehrere Stimmen geballt zu einer kraftvollen zu vereinen bringt sicher noch mehr Resonanz. Deshalb habe ich die Kolleginnen und Kollegen angeschrieben und die Idee einer Zusammenarbeit vorgestellt. 35 Thermen sind von dieser Idee überzeugt. Es gab bereits Gespräche mit Frau Bundesministerin Köstinger. Sie hat rasch positiv reagiert und uns Unterstützung zugesagt.

Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt?

Die Gespräche laufen auch mit dem Finanzministerium gut und auf Augenhöhe, nur tut sich leider nichts. Uns die kalte Schulter zu zeigen, das geht auf die Dauer nicht. Es gibt ein steuerliches Ungleichgewicht für die Thermen gegenüber den anderen Segmenten der Tourismusbranche. Im letzten Sommer – und ich betone, zu recht – hat das Finanzministerium die Umsatzsteuer für die Beherbergung auf fünf Prozent gesenkt. Das ist der richtige Schritt. Uns Thermen hat man allerdings weder die Senkung auf zehn Prozent davor noch die fünf Prozent zugestanden. Das geht so nicht. Wir als Initiative Therme PLUS werden da nicht lockerlassen und auf diese steuerliche Ungerechtigkeit hinweisen. Außerdem hat man uns eine langjährige Unterstützung, die Energieabgabe-Rückvergütung, vor einigen Jahren ersatzlos gestrichen. Wir sind nicht unverschämt, aber wir wollen – zeitlich begrenzt –, ebenfalls diese Unterstützungen bekommen. So könnten wir die Arbeitsplätze für die 6.000 Mitarbeiter in der Thermenbranche erhalten. Außerdem sind wir ein wichtiger Partner und Umsatzbringer für die rund 5.000 Zulieferbetriebe in den Regionen. Die Thermen sind ein zentraler Teil des österreichischen Tourismus.

Apropos Tourismus, Sie waren Jahrzehnte in leitender Funktion bei der Österreich Werbung und des Burgenland Tourismus tätig. Bei der Österreich Werbung verabschiedet sich nun Petra Stolba …

Das ist gut so.

Sie sind anscheinend kein Freund ihrer Arbeit? Wen würden Sie sich als Nachfolgerin oder Nachfolger wünschen?

Mir ist alles recht, nur nicht die Frau Stolba! Zu dieser Aussage stehe ich. Manchmal habe ich das Gefühl gehabt, die Österreich Werbung gibt es gar nicht mehr. Entschuldigen Sie bitte, in der größten Krise, die Österreichs Tourismus je erlebt hat, hat man von der Österreich Werbung nichts gehört. Kein Konzept und keine Idee – und dafür wird die Frau Stolba jetzt von allen Seiten gelobt? Zugegeben, nach einem Jahr hat die ÖW dann einen sehr guten Werbespot gemacht. Aber das ist meiner Meinung nach zu wenig …

Sie haben ja ein großes Netzwerk, gibt es da niemanden, die oder den Sie empfehlen würden?

Nein, ich bin auch keiner, der sich von außen einmischt. 

Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender des Burgenland Tourismus. Dort ist seit einigen Monaten Didi Tunkel am Steuer und ist wie gewohnt sehr dynamisch in seinem Auftreten. Was trauen Sie ihm zu?

Ja, er ist sehr dynamisch und aktiv. Er muss nur aufpassen, dass er sich nicht selbst überholt.

Das Burgenland ist bisher ja sehr gut durch die Krise gesegelt. Glauben Sie aufgrund des letzten Sommers mit vielen heimischen Gästen an eine gute Basis für die Zukunft?

Meine Idee mit dem Bonusticket hat sich zu 100 Prozent bewährt. Mit Herrn Landeshauptmann Doskozil habe ich hierfür einen kongenialen Partner gefunden. Generell glaube ich, dass große Herausforderungen auf die österreichische Tourismuswirtschaft zukommen. Wenn die Leute geimpft sind und einen Grünen Pass bekommen – den ich persönlich gut finde – werden die Leute alles nachholen wollen. Da droht uns ein scharfer Wettbewerb innerhalb der Bundesländer und auch darüber hinaus – mit Kroatien, Italien, den Malediven und Co. Da werden wir uns viel einfallen lassen müssen, um die Gäste in Zukunft bei der Stange zu halten. 

Zurück zu den Thermen: Zahlt sich das Aufsperren überhaupt aus, wenn es Zwei-Meter-Abstandsregeln und damit eine reduzierte Gästeanzahl gibt?

Wir haben schon im Sommer die Liegen um ein Drittel reduzieren müssen, den Zugang zu den Saunen und Whirlpools massiv eingeschränkt. Eine Zwei-Meter-Regel, also vier Meter im Umkreis, wie derzeit von der Regierung vorgeschrieben, würde das Aufsperren sinnlos machen. Dann fehlen die Kapazitäten und die Selbstkosten sind zu groß. Das wäre wirtschaftlich für alle Thermen ein finanzielles Desaster. Dasselbe Problem haben die Theater, Kinos, Freizeitbetriebe usw. Mit einem Meter Abstand, Maskenpflicht, Fiebermessen, Tests ist alles machbar. 

Glauben Sie, damit gehört zu werden?

Alle unsere Argumente haben wir schon vor Monaten schriftlich an die Bundesregierung übermittelt. Es braucht wie immer eine gute österreichische Lösung, den Kompromiss – zwischen Experten und Praktikern. Unterm Strich gebe es damit einen großen Gewinner, das ist der Gast. 

Wie werden Sie abseits der Hygienemaßnahmen beim Restart Gäste in Ihre Betriebe locken?

Zum Beispiel haben wir in den Betrieben der VAMED Vitality World unser After-Work-Ticket forciert, um die Besucherfrequenzen zu entzerren. Und auch unser Erfolgsmodell, der Relax! Tagesurlaub, wird weiter qualitätsvoll ausgebaut – unsere Gäste freuen sich über viel Platz und exklusive Liegebereiche und tolle Serviceleistungen. Ich lehne mich mit meinen 1.700 Mitarbeitern nicht zurück, sondern wir tauchen mit Volldampf durch diese schwere Zeit durch und stellen uns jeder Herausforderung.

Wie sind die Lösungen für die Gastronomie? Muss man sich vom Büffetangebot verabschieden?

Es gibt regelmäßig neue Vorschriften, jetzt etwas dazu zu sagen wäre Kaffeesudlesen. Beim Büffet haben wir bisher alle Vorschriften genauestens umgesetzt. Büffets wird es weiterhin geben. 

In der Therme Laa gab es Millioneninvestments in ein Silent Spa, das Hotel und Restaurant. Sind Qualität, Exklusivität und Luxus ein weiteres Ausbauthema?

Genau. Unser Silent Spa funktioniert hervorragend! Wir sind auch die Erfinder des Relax! Tagesurlaubs, die Business Class der Thermen in Österreich. Das ist nicht billig, aber ein leistbarer Luxus. Da steckt noch viel Potenzial drinnen, für alle Betriebe. In der hohen Qualität liegt die Zukunft, dazu wird es heuer ein Pilotprojekt geben. Die VAMED ist der weltgrößte Gesundheitsdienstleister, wir können da glücklicherweise auf große internationale Kompetenzen und Ressourcen glaubhaft zurückgreifen. Das Thema Gesundheit werden wir also weiter ausbauen.

Bei so vielen Schließtagen, wie gelingt da die Kundenbindung ohne direkten Kontakt?

Mit unserem „VitalityClub“ wird die Kundenbindung erlebbar. Die knapp 130.000 Mitglieder betreuen wir ganz besonders über all unsere Plattformen. Die Kundenbeziehung wird auf hohem Niveau gelebt. Das ist uns extrem wichtig, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Das rechnet sich für uns und das Feedback ist hervorragend. 

Die letzten Monate haben am Kapital der Betriebe geknabbert, eine Therme zu betreiben ist keine günstige Angelegenheit. Was macht die Krise mit der Investitionslust?

Wir haben in den letzten Jahren immer wieder investiert, zuletzt im Spa Resort Therme Geinberg, der St. Martins Therme & Lodge und dem TAUERN SPA Zell am See Kaprun. Diesen Weg werden wir fortsetzen.

Gibt es Expansionspläne?

In Österreich gibt es schon genug Thermen, für eine normale neue Therme sehe ich keinen Bedarf. Man muss sich etwas Anderes überlegen. Zum Thema Gesundheit gibt es viele Möglichkeiten und die Oberklasse funktioniert immer gut. Mit Geinberg5 mit den privaten Villen und Spas feiern wir große Erfolge, das ist extrem gut gefragt.

Und Übernahmen?

Wenn sich was ergibt (Anm.: schmunzelt).

Welche Zukunft hat die Initiative Therme PLUS? Und kommen die restlichen fünf Thermen noch mit an Bord?

Es wurden alle 39 Thermen und Thermenresorts in Österreich kontaktiert und eingeladen; davon haben sich ganze fünfunddreißig dazu entschlossen, dabei zu sein. 

Ist Therme PLUS ein Verein?

Kein Verein, aber eine Marke. Mit der Wirtschaftskammer gab es Gespräche und es wurde jetzt ein Fachausschuss Thermen in der Wirtschaftskammer Österreich gegründet. Pro Bundesland – mit Ausnahme von Vorarlberg, wo es keine Therme gibt – wird eine Persönlichkeit die Interessen der Betriebe vertreten, ich übernehme für Wien. Das ist sicher eine sehr positive Auswirkung unserer Initiative Therme PLUS, weil wir somit stärker eingebunden sind und mehr Gewicht bekommen.

Was planen Sie persönlich für Ihre Zukunft?

Mit 60 habe ich gesagt, ich habe alles erreicht, bin Manager des Jahres geworden, das Goldene Ehrenzeichen der Republik bekommen, Burgenlands Tourismus nach oben gebracht. Nach 45 Dienstjahren habe ich meine Pension eingereicht, aber es kommt oft anders als man denkt: Inzwischen bin ich seit elf Jahren bei der VAMED Vitality World und fühle mich auch mit 70 noch rundum wohl im Job!

Sie haben also noch Spaß an der Arbeit?

Ja. So ist es!

Herr Gucher, vielen Dank für das Gespräch.

Über Gerhard Gucher
Der gebürtige Kärntner (Jg. 1950) ist seit April 2010 Leiter des strategischen Geschäftsfeldes VAMED Vitality World. Nach seiner Lehre der Elektrotechnik bei Kapsch & Söhne in Wien wechselte er zu den ÖBB und 1984 zur Österreich Werbung, wo er bis 1998 in leitender Funktion (u. a. verantwortlich für den D-A-CH-Raum) tätig war. Anschließend übernahm er die Landestourismusorganisation des Burgenlands, die er zwölf Jahre erfolgreich leitete. Um die Jahrtausendwende wäre er beinahe ÖW-Chef geworden. Seit 2020 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrates der Burgenland Tourismus GmbH.

Infos unter www.vitality-world.com/de

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