Interview

David Ruetz – Treffen wir uns auf der ITB Berlin NOW!

Aufgrund der anhaltenden Pandemie findet die ITB Berlin 2021 als rein digitales Format statt und wird sich mit dem begleitenden ITB Berlin Kongress in der Zeit von 09. bis 12. März 2021 ausschließlich an das Fachpublikum richten. "Die Veranstaltung wird inhaltlich hoch relevant sein, da die Branche insbesondere in diesen herausfordernden Zeiten auf Geschäftsgespräche, fachlichen Austausch und Orientierung angewiesen ist", sagt David Ruetz, Head of ITB Berlin und erläutert im Interview, was den Fachbesucher im virtuellen Raum erwarten wird.

traveller: Nach der kurzfristigen Absage der ITB Berlin im vergangenen März, findet auch heuer die weltgrößte touristische Leitmesse nicht in gewohnt großem physischen Format statt. Hätten Sie das gedacht?

David Ruetz: Zur Zeit der Absage der Messe vor einem Jahr hätte niemand gewusst, wie lange uns die Pandemie beschäftigten und einschränken wird. Es hat aber auch niemand geahnt, wie sehr wir durch sie über uns selbst hinauswachsen und flexibel agieren können. Die nun komplett digitale Abbildung der ITB auf unserer Plattform, ITB Berlin NOW, bringt auch sehr viele Vorteile mit sich. Die Plattform ist nämlich bereits ab Mitte Februar für Aussteller, Medien und Fachbesucher verfügbar – im ersten Schritt können sie sich mit der Plattform vertraut machen, erste Kontakte knüpfen, Termine vereinbaren, Kongress-Sessions, Pressekonferenz-Termine speichern oder das eigene Profil bespielen. Die Inhalte der Veranstaltung werden sogar nach Messeende über dem 12. März hinaus noch verfügbar sein – Pressekonferenzen und Kongressinhalte werden On-Demand so noch Wochen zur Verfügung stehen. Auch die Anmeldefristen für Aussteller können wir verlängern, was bei einem physischen Messestandaufbau nicht umsetzbar wäre. Unsere Kunden profitieren also auch von dem Digitalisierungsschub durch Corona.

Was bedeutet diese weitere coronabedingte Absage für den Messestandort und Wirtschaftsstandort Berlin bzw. das Einzugsgebiet in der Region?

Dass die ITB nicht wie gewohnt seit 1966 physisch im März in Berlin stattfindet, ist natürlich bitter für uns und für Berlin als Messestadt. Da gibt es nichts drum herum zu reden. Da wir es aber nun einmal mit einer globalen Krise zu tun haben, sitzen wir mit allen anderen Messestandorten in einem Boot. Die ITB Berlin ist Innovationstreiber und das führende Event der Tourismuswirtschaft für Reisetrends und -Business – angesichts der aktuellen globalen Lage gilt dies mehr als je zuvor. Die ITB Berlin wird auch 2021 zeigen, wie wichtig es ist, dass es eine Plattform wie ITB Berlin NOW gibt, wo sich wie gewohnt die weltweite Reisebranche an einem Ort trifft, wenn auch rein digital.

Wie geht es der Messe Berlin wirtschaftlich?  Gab/gibt es Coronahilfen durch den Staat bzw. das Land?

Es ist nach wie vor schwierig. Der Umsatz der Messe Berlin 2020 lag bei rund einem Drittel zum Referenzjahr 2018 (347 Mio. Euro). Wir sparen, wo wir können, haben dabei aber den Restart des Geschäftes vor Augen. Aktuell  brauchen wir dennoch weiter Unterstützung vom Land Berlin. Wir gehen derzeit davon aus, dass wir zwar weiter eine substantielle Unterstützung benötigen, die allerdings deutlich unter den 85 Mio. Euro liegt, die wir 2020 erhalten haben. Gleichzeitig entwickeln wir seit Beginn der Pandemie neue Konzepte, um weiterhin unseren Ausstellern und Besuchern eine Plattform zum Austausch bieten zu können und unser Geschäft zu sichern. Die ITB NOW ist genau ein Beispiel dafür.

Wie groß ist der Verlust für die ITB Berlin nach zwei Absagen? Können digitale Formate den Ausfall annährend kompensieren?

Es liegt natürlich auf der Hand, dass wir mit einem virtuellen Format nicht die gleichen Einnahmen erzielen können wie mit einem analogen. Dies dürfte allen klar sein. Für eine digitale Umsetzung sind aber auch die Kosten selbstverständlich völlig andere. Dies wollen wir aber keinesfalls auf Aussteller abwälzen. Wir fokussieren uns mit Business, Networking, Content und News auf vier Kernelemente. Und wir verzichten auf Avatare und 3-D-Stände. Letzteres bedarf enormer Mengen an Datenvolumen und wir möchten sicherstellen, dass die Teilnahme an der Messe für Aussteller mit eingeschränkter Bandbreite technisch möglich ist.

Generell: Sehen Sie durch die Coronakrise traditionelle Messeformate gefährdet – braucht es neue Konzepte?

Der menschliche Kontakt – insbesondere in unserem Peoples‘ Business ist meiner Meinung nach durch nichts zu ersetzen. Daher wird das Konzept Messe auf jeden Fall zukunftsfähig bleiben – wenn auch mit modernen Ergänzungen. Dennoch hat Corona zu einer enormen Beschleunigung der Digitalisierung geführt. Wir nutzen jetzt unsere Chance, das Konzept der weltweit führenden Reisemesse nachhaltig anzupassen und in gewisser Weise auch eine neue Messe-Ära einzuleiten.

Wie sehen die alternativen virtuellen Konzepte der ITB Berlin 2021 konkret aus?

Unter dem Titel „Der digitale Treffpunkt der Reiseindustrie. Jederzeit. Überall“, vernetzt ITB Berlin NOW die weltweite Reisebranche und bietet ihr eine hochspannende und zentrale Online-Plattform für erfolgreiche Geschäfte, neue und etablierte Kontakte, erstklassigen Content und tägliche News aus der Tourismusindustrie. Wir haben auf itb.com/NOW zahlreiche Informationen zusammengetragen, um über unser neues digitales Format zu informieren. Key-Facts, Salesbooklet mit ersten Previews, FAQ, Tickets und mehr. Man kann sich mit Kontakten vernetzen, Chat-Termine vereinbaren und sich durch einen Algorithmus-basierten sogenannten „Discovery-Graph“ passende Business-Kontakte vorschlagen lassen. Präferierte Kongress-Inhalte können bereits auf dem eigenen Messekalender vorgemerkt werden. Im Show Floor finden sich alle Aussteller samt ihrer Brand Cards wieder. Zusätzlich gibt es thematische Cafés von Ausstellern und ITB-eigene Cafés, wie beispielsweise das CSR-Café.

Worauf liegen die Schwerpunkte im digitalen Ausstellungsbereich und im ITB Kongress?

Im sogenannten Show Floor werden Besucher die Aussteller und ihre Mitaussteller finden. Sie lassen sich über die alphabetische Suche ganz einfach ausfindig machen und dies bereits Wochen vor dem Start, sobald sie ihre Brand Card vervollständigt haben. Besucher können sie über private Nachrichten kontaktieren und angebotene Produkte studieren. Bisher angemeldet haben sich bereits rund 500 Aussteller aus 109 Ländern. Je nach Budget bieten wir Ausstellern vier verschiedene Paket-Optionen an. Stark vertreten sind vor allem die National Tourist Boards sowie Unternehmen aus dem Travel Tech-Bereich. Auch Hotels und Dienstleister sind stark präsent. Hier haben wir u.a. bereits Anmeldungen aus Korea, Malaysia, Japan, Australien, Neuseeland, Österreich, Slowenien, Botswana, Brüssel, Türkei und vielen anderen Ländern. Der ITB Berlin NOW Kongress ist weiterhin der größte Think Tank unserer Branche. Unter dem Titel „Rethink, Regenerate, Restart – Tourism for a Better Normal” bietet er maßgebliche Orientierung in diesen herausfordernden Zeiten.

Was genau wird auf der ITB Berlin NOW Convention geboten – wer hat hier Zutritt?

Zutritt haben alle Fachbesucher, Aussteller sowie akkreditierte Journalisten und Blogger. Auf dem Programm stehen CEO-Talks, Paneldiskussionen und weitere fachliche Formate und Vorträge. In Kürze können wir mehr Details zum Programm bekannt geben. Bei allen Inhalten ist eine interaktive Teilnahme möglich, wenn auch in unterschiedlichen Formaten wie Video, Audio oder Chat. Besonders attraktiv: Der Content lässt sich nicht nur während der Kernmessetage vom 09.-12. März live verfolgen, auch im Nachgang sind die Inhalte des Kongressbereichs noch On-Demand abrufbar – nämlich bis 31. Mai 2021.

Wie erfolgt die Anmeldung/Teilnahme, welche Anforderungen werden an die Besucher gestellt?

Alle Anmeldemöglichkeiten sind bereits freigeschaltet – für Aussteller, Fachbesucher und Medienvertreter. Die Ticketkosten für Fachbesucher belaufen sich auf 99 Euro – für Studenten gibt es eine entsprechende Ermäßigung. Die gesamte Plattform ist browserbasiert und wird über Amazon AWS Server bereitgestellt. Und wir stellen in den nächsten Tagen Video-Tutorials zur Verfügung. Außerdem haben wir technische Ansprechpartner in unserem Service und Support Center. Es ist wichtig, sich bereits früh mit der Plattform ITB Berlin NOW auseinander zu setzen, denn sie ist ein Werkzeug und kein Spielzeug. Unsere Plattform ist so vielseitig, wie es sowohl unsere Branche als auch die physische Messe in ihrer bisherigen, analogen Form war, da wäre es nicht ratsam, sich erst am ersten Veranstaltungstag mit der Plattform auseinander zu setzen.

Wie muss man sich als Fachbesucher eine Teilnahme und das Navigieren durch die virtuelle ITB-Berlin vorstellen?

Sie müssen sich die ITB Berlin NOW als eine Verbindung von Netflix, Zoom und LinkedIn vorstellen. Sie können Kongress-Inhalte streamen, sich mit Ausstellern in einem Video-Call vernetzen und ihr Netzwerk über das Algorithmus-basierte Matchmaking-Tool realisieren und erweitern – vor allem durch unseren innovativen Discovery Graph. Bereits am 08. März wird es ein Soft-Opening geben – dieser Einführungstag bietet Teilnehmern wertvolle Orientierung. Auf diese Weise sind sie am 09. März startklar und optimal vorbereitet. Wir empfehlen den Teilnehmern der Messe prinzipiell, die Plattform vor Start ausgiebig zu prüfen, um so das Maximum für sich herauszuholen. Zum Messebeginn erfolgt dann das Content Programm. Ein Avatar ist, wie schon gesagt, für die Nutzung nicht notwendig, sehr wohl sollten Teilnehmer aber bereits im Vorfeld ihr Profil anlegen und so gut wie möglich pflegen.

In welchen Bereichen und wie wird es einen „persönlichen“ Austausch mit den Ausstellern geben?

Zum Beispiel an deren virtuelle Ständen, den Brand Cards, selbst. Je mehr Kreativität und Mehrwert Aussteller bieten, desto attraktiver ist es für Fachbesucher, sie dort zu besuchen. Sie können Filme, Interviewformate, Präsentationen und digitale Events anbieten. Wie auf einem echten Stand gilt schließlich: Aussteller müssen für Hingucker sorgen. Dies erzeugen sie über ein ausgefülltes Profil, ihre sogenannte Brand Card. Je nach Wunsch bieten wir vier unterschiedliche Service-Pakete an, um die Anforderungen des jeweiligen Ausstellers erfüllen zu können.

Wie kann man Emotionen – ein wesentlicher Bestandteil für das Produkt Reisen, auch im Fachbereich – ohne persönliche Begegnungen vermitteln bzw. umsetzen und gewährleisten?

Man sollte die Wirkung der digitalen Möglichkeiten nicht unterschätzen. Durch die Pandemie haben wir alle gelernt, sehr viel versierter mit ihnen umzugehen. In Gruppenchats und multimedialen Präsentationen lassen sich Themen auch virtuell überaus attraktiv präsentieren. Das Produkt Reise bietet sich dafür im Gegensatz zu haptischen Produkten ja vergleichsweise gut an.

Wird die ITB Berlin 2022 – hoffentlich wieder im physischen Muster – eine Copy-Paste Variante zu 2019 oder wird sich die ITB Berlin neu erfinden?

Copy-Paste wird es sicherlich nicht geben. Wir werden im kommenden Jahr nicht zu einer rein analogen Messe zurückkehren, aber auch keine rein virtuelle Veranstaltung werden. Jetzt haben wir die einmalige Chance, das Konzept der weltweit größten Reisemesse nachhaltig zu verändern und ins neue Zeitalter zu überführen.

Werden die virtuellen Angebote bzw. Teile davon begleitend stattfinden oder gar fixe Elemente werden? Heißt: Wird die ITB Berlin 2022 eine hybride Variante – eine Mischung aus virtueller und persönlicher Messe?

Hybrid ist in der Tat das richtige Wort. Wir werden im Jahr 2022 die erfolgreichsten Aspekte aus analog und digital vereinen und somit ein Format schaffen, das sämtlichen Ansprüchen gerecht wird – beim Zuschauer am Computer in Vanuatu oder Lappland ebenso wie beim analogen Besucher auf dem Messegelände. Vorstellbar wäre ein digitaler Auftakt der Messe mit anschließendem physischen Konzept. Solch ein Konzept testen wir bereits im kommenden Oktober bei der ITB Asia in Singapur.

Wird es für Aussteller, die jetzt an der virtuellen Messe teilnehmen, für 2022 spezielle Packages geben? Wird sich die Preisstruktur verändern (müssen)?

Es wird sicher ganz neue Formate geben. Es ist aber noch zu früh, diese schon für 2022 zu verkünden. Unser Fokus liegt nun auf 2021. Mit den Learnings werden wir die Lage dann im kommenden Jahr komplett neu bewerten und eine Reihe von zeitgemäßen Formaten anbieten können.

Was möchten Sie der Branche zum Abschluss noch sagen?

Halten wir noch etwas durch – denn Besserung ist nun in greifbare Nähe gerückt. Die Zukunft für unsere Branche wird anders, aber sicherlich nicht schlechter. Ich sehe in der Pandemie auch große Chancen. Overtourism und Klima-Erwärmung haben uns doch schon vor Corona gezeigt, dass wir unsere Haltung dem Reisen gegenüber ändern müssen. Sehen wir die Krise also als historische Chance, das Konzept Reise und Urlaub neu zu erfinden.

Über die ITB Berlin und den ITB Berlin NOW Kongress
Die ITB Berlin 2021 findet von 09. bis 12. März, ausschließlich für Fachpublikum und rein digital statt. Die ITB Berlin ist die führende Messe der weltweiten Reiseindustrie. 2019 stellten rund 10.000 Aussteller aus 181 Ländern ihre Produkte und Dienstleistungen rund 160.000 Besuchern, darunter 113.500 Fachbesuchern, vor. Im Rahmen der virtuell stattfindenden ITB Berlin findet auch der ITB Berlin NOW Kongress, der größte Fachkongress der Branche, digital statt. Mehr Informationen sind zu finden unter www.itb-berlin.dewww.itb-kongress.de und im ITB Social Media Newsroom zu finden.

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