Im Gespräch

Wolfgang Grimus und Mag. Jürgen Löschnig – … und dann kam Corona!

Noch im Jahr 2019 feierte der Flughafen Graz mit mehr als einer Million abgefertigten Passagiere das beste Jahr seiner Unternehmensgeschichte. Die Erfolge der vergangenen zwei Jahrzehnte beruhten auf dem Engagement des langjährigen Flughafenvorstandes, Gerald Widmann, der mit Jahresbeginn in den Ruhestand wechselte. Mit einem neuen Managerduo arbeitet die Holding Graz nun an einem Weg aus der Krise.

Eine Ära geht zu Ende! Nach 21 Jahren als Flughafenvorstand verließ Langzeitdirektor Gerhard Widmann mit Jahreswechsel den Flughafen Graz. Unter seiner Leitung hat sich der Flughafen Graz zu einem modernen Regionalairport mit einem umfassenden Linienflugprogramm entwickelt, dessen größter Erfolg im Jahr 2019 mit mehr als einer Million abgefertigter Passagiere gefeiert werden konnte.

Die Corona-Pandemie hat dem Höhenflug des Flughafens der steirischen Landeshauptstadt jetzt ein jähes Ende gesetzt. Gerade einmal 199.490 Passagiere (- 80,8 %) zählte der Flughafen Graz im vergangenen Jahr, eine Passagierentwicklung wie zuletzt vor 35 Jahren. Die Corona Krise wird den Flughafen wohl auch noch in den nächsten Jahren beschäftigen. Die Holding Graz hat deshalb ein engagiertes Führungsduo, bestehend aus dem langjährigen Luftfahrtprofi Wolfgang Grimus – zuletzt bei Qatar Airways tätig – und Finanzchef Mag. Jürgen Löschnig, als Nachfolge für Gerhard Widmann engagiert.

Der traveller bat die neuen Grazer Flughafenvorstände zum Gespräch:

traveller: Herr Löschnig, lassen Sie uns mit einem kurzen Rückblick beginnen. Wie schwierig war das Krisenjahr 2020 für den Flughafen Graz?

Mag. Jürgen Löschnig: Jänner und Februar 2020 hatten zunächst gut begonnen und wir hatten bereits gehofft, das Jahr noch besser abschließen zu können, als das Rekordjahr 2019. Im März hat sich die Lage durch COVID-19 jedoch dramatisch geändert und der Flughafen Graz hat, wie der gesamte Konzern (Holding Graz), ein Krisenmanagement aufgestellt und überprüft, wo Einsparungen möglich sind. Wir haben unter anderem das Angebot der Kurzarbeit für unsere Belegschaft in Anspruch genommen, in der wir uns immer noch befinden. Unser Ziel war, 2020 die Verluste so gering wie möglich zu halten. Der Flughafen Graz hat in den Vorjahren gut gewirtschaftet, wir haben uns Reserven aufgebaut, auf die wir nun zurückgreifen können. Wirtschaftlich sind wir ja bekanntlich bei unserem Eigentümer Holding Graz eingebettet. Sorgen um die Zukunft des Flughafen Graz muss man sich somit nicht zu machen.

Die Agenda Austria hat vor kurzem empfohlen, die Kurzarbeit schrittweise zu beenden. Würde ein Auslaufen der Kurzarbeit unweigerlich zu Kündigungen führen?

Das würde ich nicht mit einem Ja beantworten, es würde aber den Druck weiter erhöhen. Unsere Priorität ist ganz klar, die Kurzarbeit muss verlängert werden, möglichst über das zweite Quartal hinaus. Die österreichischen Flughäfen sind sich hier übrigens einig, die Kurzarbeit gehört verlängert, in welcher Form auch immer!

Die österreichischen Regionalflughäfen schreiben Verluste, der Flughafen Innsbruck schätzt sein Minus für das Jahr 2020 auf bis zu drei Millionen Euro. Wie sieht es in Graz aus?

Ich muss vorausschicken, dass wir noch am Jahresabschluss arbeiten, aber ein Wert von rund vier Millionen Euro wird wohl auch für den Flughafen Graz gelten.

Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind wichtige Themen auf EU-Ebene. Rechnen Sie damit, dass Ihre Wien-Verbindung auch in Zukunft noch Bestand haben wird?

Ja, wir rechnen weiter mit den Wien-Flügen, denn die Einstellung der Flüge ist ja an den gleichzeitigen Bahnausbau gekoppelt. Kurzstreckenflüge sollten also nur dann eingestellt werden, wenn bereits ein leistungsfähiges Angebot der Bahn vorhanden ist. Ich kann zwar keine genauen Angaben über die Fertigstellung des Semmering-Basistunnels machen, es wird aber in Richtung der späten 2020er Jahre gehen, weshalb die Flüge unserer Meinung nach bis dahin auch weiterhin Bestand haben werden. Danach würde die Abschaffung der Wien-Flüge in Wahrheit zu einer Schlechterstellung des Wirtschaftsstandortes Österreich und des Flughafen Wien führen. Wenn wir Wien nicht anfliegen dürfen, wird es Alternativen geben, auf die unsere Passagiere umsteigen.

Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung des Flughafens? Sollten Flüge unter 500 km (Wien, München) tatsächlich verboten werden, könnte die Frage nach einer Berechtigung des Standortes gestellt werden?

Ich glaube, man darf nicht vergessen, dass wir mit der Steiermark über einen wichtigen Wirtschaftsstandort in Österreich sprechen. Unsere Unternehmen mit hoher Exportorientierung brauchen die Konnektivität in die Welt. Wenn wir zwei Hub-Flughäfen verlieren würden, gäbe es, wie bereits erwähnt, immer noch Alternativen. Ich schätze die Sache mit den Flugverboten deshalb als unrealistisch ein.

Herr Grimus, Sie verfügen über mehr als 35 Jahre Erfahrung in der Airline-Branche. Was hat Sie an der Position des Geschäftsführers am Flughafen Graz gereizt?

Wolfgang Grimus: Eine der wichtigsten Mobilitätsinfrastruktureinrichtungen der Steiermark managen zu dürfen, sind Herausforderung und Hauptmotivation für mich gewesen, um mich zu bewerben. Ich komme aus der Airline-Branche und kann meine Erfahrungen speziell in der Netzplanung einfließen lassen. Es ist eine Freude und Ehre, gemeinsam mit meinem Kollegen Löschnig, ein Top aufgestelltes Unternehmen wie den Flughafen Graz übernehmen zu dürfen. Dass die Zeit gerade schwierig ist, wissen wir! Gerhard Widmann hat die Latte hochgelegt, die aktuelle Pandemie legt sie aber wieder sehr tief, denn viel schlechter kann die derzeitige Situation in der Branche nicht mehr werden.

Welche Vision haben Sie für den Flughafen Graz, wie sollte dieser zukünftig aufgestellt sein?

Der Flughafen Graz hat viel Entwicklungspotenzial, viel gute Arbeit wurde bereits in der Vergangenheit geleistet, darauf aufzubauen ist auch meine Vision. Es geht darum, für die steirische Wirtschaft den Linienverkehr zu den wichtigsten Umsteigehubs weiter auf- und auszubauen, das touristische Incoming zu stärken und natürlich das touristische Outgoing-Geschäft ab Graz weiter anzukurbeln, um der steirischen Bevölkerung ein Topangebot an Urlaubsdestinationen anbieten zu können. Natürlich wollen wir auch zukünftig unsere „Catchment Area“ in Richtung Kärnten, Burgenland, Slowenien und Ungarn erweitern. Weiters wollen wir das Thema der Digitalisierung am Flughafen sowie die intermodale Vernetzung der Verkehrsträger – Stichwort Vernetzung der Koralmbahn mit dem Flughafen Graz – vorantreiben. Es gibt viele Themen, die uns bewegen und die wir vorwärtsbringen wollen. Derzeit steht aber, wie überall in der Branche, noch Krisenmanagement im Vordergrund.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung im Jahr 2021?

Ich bin aus mehreren Gründen vorsichtig optimistisch! Zahlreiche Umfragen belegen, dass die Reiselust bei den Menschen sehr hoch ist, deshalb glaube ich speziell in der Touristik, dass mit den entsprechenden Impf -und Teststrategien die Nachfrage relativ bald wieder anziehen wird. Eine aktuelle Umfrage von Corps Touristique hat dies erst kürzlich wieder eindrucksvoll bestätigt. Sehr viel wird weiters davon abhängen, wie wir das Vertrauen der Kunden in das Fliegen und Reisen zurückgewinnen können. Ein negativer Covid-19 Test sollte eine Eintrittskarte in das Flugzeug sein und den aktuellen Fleckerlteppich aus EU-weiten Reisebeschränkungen ersetzen.

Und beim Linienflugprogramm?

Derzeit sind wir mit den beiden Umsteigehubs Wien und Amsterdam an das internationale Netz angebunden. Ich bin fest überzeugt, dass ab Beginn des Sommerflugplanes auch die Geschäftsfliegerei wieder anziehen wird und wir schrittweise wieder Verbindungen nach München, Frankfurt und Zürich anbieten werden. Für der Autocluster rund um Graz ist natürlich eine Anbindung an Stuttgart und Düsseldorf sehr wichtig. Zwar wird die Frequenzdichte nicht wie vor der Krise sein, aber eine Anbindung wird gewährleistet sein.

Turkish Airlines kam nicht vor, wird die Fluglinie nicht mehr so schnell nach Graz zurückkehren?

Wir sind ständig mit allen Fluglinien in Gesprächen, bei Turkish Airlines fehlt es aber derzeit noch an der entsprechenden Nachfrage, weshalb wir derzeit nichts ausschließen können. Wir sind aber auch hier zuversichtlich, dass mit einer gewissen Erholung der Nachfrage eine Wiederaufnahme der Flugverbindung möglich wird.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Charterbereich?

Wir sind genauso wie unsere regionalen und internationalen Partner unter den Reiseveranstaltern vorsichtig optimistisch. Bereits jetzt sind mehr als 15 Charterdestinationen mit dem Schwerpunkt Mittelmeer über die Veranstalter ab Graz buchbar. Wir freuen uns sehr, dass vier neue Destinationen, darunter Calvi auf Korsika, nach einer längeren Unterbrechung wieder ab Graz angeboten werden.

Könnte es sein, dass Corona dem Charterprogramm wieder einen Strich durch die Rechnung macht?

Die Charterketten ab dem Flughafen Graz beginnen ab ca. Mitte Mai. Möglicherweise kann es aber Corona-bedingt wieder dazu kommen, dass sich der Start um zwei Wochen, in den Juni, verschieben wird.

Abschließend noch ein Blick in die Glaskugel: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis wieder der Allzeitrekord von einer Million Passagiere ab Graz erreicht wird?

Beim gemeinsamen Blick in die Glaskugel hoffen wir, dass wir rund um das Jahr 2024 wieder annähernd gleich hohe Passagierzahlen wie noch im Jahr 2019 am Flughafen Graz verzeichnen können.

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