Im Gespräch

Petra Hedorfer - Zum Incoming-Tourismus im Reiseland Deutschland

Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. (DZT), Petra Hedorfer, blickt vor dem Jahreswechsel ins Jahr 2021 und bewertet die aktuelle Situation. Aus der Sicht der DZT informiert sie uns, unter welchen Voraussetzungen Menschen wieder auf Reisen gehen werden.

Seit Anbruch der Corona-Pandemie liegt die Reisewirtschaft am Boden. Wie blicken Sie, als Expertin für den deutschen Incoming-Tourismus, in die Zukunft?

Petra Hedorfer, CEO der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT): Die Einschätzungen für den weltweiten Tourismus sind tatsächlich dramatisch. Die Welttourismusorganisation UNWTO prognostiziert einen Rückgang der internationalen Ankünfte in diesem Jahr zwischen 60 und 80 Prozent.  Deutschland hat die Krise in der internationalen Wahrnehmung zwar vergleichsweise gut gemanagt. Aber der Incoming-Tourismus ist ja nicht nur von der Lage bei uns im Land abhängig, sondern auch von den Quellmärkten.

Auch wenn die Markteinführung der Impfstoffe erfolgreich ist, können sich die Reiseströme nur langsam wieder normalisieren. Kapazitäten bei Airlines und Hotelgesellschaften müssen schrittweise wiederaufgebaut werden.

Dazu kommt, dass wir keinen linearen Erholungsprozess erwarten können. Wir haben ja auch im Sommer 2020 schon ein deutliches Abklingen der Infektionszahlen erlebt und mussten im Herbst einen ebenso starken Rückschlag verzeichnen, der unterdessen viele Länder Europas trifft. Wir sollten uns aus meiner Sicht auf eine längere Phase im Recovery-Prozess einstellen. 

Konkret heißt das: Nach den jüngsten Analysen der Experten von Tourism Economics wird die Recovery-Phase mindestens bis zum Ende des Jahres 2023 dauern. Reisen aus Europa nach Deutschland erholen sich schneller als aus unseren Überseemärkten, Freizeitreisen eher als das Geschäftsreisesegment.

Woraus schöpfen Sie in dieser schwierigen Situation Optimismus?

Dafür gibt es viele gute Gründe.
Der wichtigste: Millionen Menschen warten darauf, wieder unbeschwert reisen zu können, andere Länder zu entdecken, Kulturen zu erleben, erfolgreiche Geschäftsreisen zu unternehmen und sich bei persönlichen Begegnungen austauschen zu können. Studien des Marktforschungsinstituts IPK International belegen zudem, dass schon im Laufe des Pandemie-Jahres generell in vielen Ländern die Bereitschaft deutlich gestiegen ist, wieder Auslandsreisen zu unternehmen. Dazu kommen Gründe, die speziell für Deutschland als Reiseziel sprechen. Das ausgezeichnete Image Deutschlands hat der Anholt Ipsos Nation Brands Index (NBI) 2020 wieder mit einem ersten Platz für unser Land bestätigt. Die Umfrage in 20 Ländern fand übrigens vom 7. Juli bis 31. August statt – also mitten in der Pandemie.
Und: Bei der Auswahl des Reiseziels spielt Sicherheit eine ganz große Rolle. Internationale Umfragen haben gezeigt, dass Deutschland unter dem Aspekt Corona-Infektionsgefahr als sicherstes Reiseziel weltweit eingestuft wird. Diese Einschätzung hat sich in den Feldstudien von Juni bis September sogar noch verstärkt.

Was können Sie als National Tourist Board dafür tun, den Tourismus in Corona-Zeiten wieder anzukurbeln?

Wir haben verschiedene zentrale Handlungsfelder definiert, auf die wir uns konzentrieren. Zunächst einmal analysieren wir Märkte und Marktsegmente sehr genau unter dem Aspekt, welche Recovery-Chancen dort bestehen. Dort setzen wir die Schwerpunkte unserer Marketingaktivitäten.

Das führt direkt zum zweiten Handlungsschwerpunkt: Customer Centricity – den Kunden von morgen im Blick haben. Wir registrieren nicht nur ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis der Reisenden, sondern auch ein erhöhtes Interesse an nachhaltigem Tourismus. Wir nutzen dieses Themensetting zur Profilschärfung unserer Marke.

Das dritte Handlungsfeld ist Digital Empowerment - mit innovativem Marketing Wettbewerbsvorteile sichern. Im neuen Wettbewerb der Destinationen ist Digitalisierung Trumpf. Und wir setzen gemeinsam mit unseren Partnern auf digitale Lösungen – von Chatbots, die User-Anfragen mithilfe von Künstlicher Intelligenz beantworten, den Einsatz von Sprachassistenten bis hin zu einer großen Open Data-Lösung für die deutsche Tourismusindustrie.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie neue Trends bei den Reisenden, die sich auf das Reiseland Deutschland auswirken?

Das Kundenverhalten ändert sich kontinuierlich unabhängig von Corona. Die Pandemie beschleunigt aber viele Veränderungsprozesse. Durch Covid 19 entfaltet beispielsweise das Interesse an Nachhaltigkeit eine neue Dynamik. Fast 80 Prozent der Auslandsreisenden aus unseren wichtigsten Quellmärkten können sich vorstellen, dass die Corona Pandemie zu mehr Nachhaltigkeit im Tourismus führen wird. 55 Prozent der Befragten erklärten in der jüngsten Covid-19-Studie mit IPK International, dass naturorientierter Urlaub für sie generell in Frage käme, weitere 21 Prozent bezogen ihre Zustimmung ausdrücklich auf die Corona-Zeit.

Ist Deutschland auf diese veränderte Nachfrage vorbereitet?

Absolut. Nachhaltigkeit ist ein absolutes Kernthema für uns. Im gerade veröffentlichten SDG-Index, der die Fortschritte von einzelnen Ländern bei der Erreichung der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen dokumentiert, belegt Deutschland den 5. Platz im Vergleich von 166 Ländern. Und von den Umfrageteilnehmern zum NBI werden wir am häufigsten als die Nation genannt, die im Umgang mit der Bedrohung durch den Klimawandel bei einer Betrachtung über die nächsten fünf Jahre am besten agieren würde.

Wir verfügen über eine intakte Umwelt, für die eine Menge getan wird. Ein Drittel der Fläche Deutschlands steht als Nationale Naturlandschaften unter besonderem Schutz. Dazu zählen
16 Nationalparks, 16 UNESCO-Biosphärenreservate und 104 Naturparke.

Spiegelt sich das auch im touristischen Angebot wider? Was für nachhaltige Urlaubsformen in Deutschland können Sie konkret empfehlen?

Eine besondere touristische Anziehungskraft üben die UNESCO-Welterben aus, beispielsweise das Obere Mittelrheintal mit der Loreley, die Alten Buchenwälder Deutschlands oder das Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste. 
Familien mit Kindern, Kulturliebhaber, die historische Orte erkunden oder ambitionierte Gipfelstürmer – sie alle sind als Wanderer auf rund 200.000 Kilometern markierter Wanderwege unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade in Deutschlands Regionen unterwegs. Gesundheitswandern, regionaler Genuss oder auch touristische Highlights wie Baumwipfelpfade und Ranger-Angebote ergänzen das Angebot.
Genussradler, Rennradfahrer und Mountainbiker entdecken Deutschland auf über 70.000 Kilometern Radfernwegen. Ob sie allein, mit Sportfreunden, der Familie oder in geselliger Runde unterwegs sind – für alle Ansprüche stehen Infrastruktur und Serviceangebote zur Verfügung.
Über 1.000 als besonders nachhaltig zertifizierte Unterkünfte – vom Ecocamping bis zum Sterne-Hotel – sind auf www.germany.travel/feelgood aufgeführt.

Wenn die Nachfrage im Segment Natururlaub steigt – gibt es auch Bereiche, die durch Corona schwächer werden?

Generell sind die Bereiche, in denen Deutschland besonders exponiert war, auch überdurchschnittlich betroffen. Deutschland ist zum Beispiel Kultur- und Städtereiseziel Nummer 1 der Europäer. Aber viele große Events, die Impulsgeber für dieses Segment sind, konnten 2020 gar nicht oder nur sehr eingeschränkt stattfinden. Zum einen setzen wir darauf, dass Veranstaltungen wie das Oktoberfest oder die Weihnachtsmärkte 2021 wieder im bekannten Umfang stattfinden können. Zum anderen haben die Städte und Kultureinrichtungen sehr viel unternommen, um trotz Corona erlebnisreiche und sichere Ferien in den Metropolregionen zu ermöglichen.

Wie kann man sich Städteurlaub in Corona-Zeiten konkret vorstellen?

Touristisch attraktive Städte haben in der Regel ein touristisch ebenso attraktives Umland, beispielsweise Berlin mit dem Spreewald und der Mark Brandenburg, Frankfurt mit dem Taunus und dem Rheingau oder Hamburg und Bremen mit der naheliegenden Nordseeküste. Aus den Ferienregionen kann man umweltfreundlich, komfortabel und unkompliziert Tagestouren mit Besichtigungen und Shoppingtouren in die Cities unternehmen. Auch die Städte selbst bieten vielfältige alternative Erlebnisse am Wasser, in Parks, Grünanlagen und Biergärten. Jüngste Untersuchungen der European Travel Commission haben gezeigt, dass ‚City Life Enthusiasts‘ als erste wieder auf Reisen gehen wollen. Stadtleben in Deutschland ist mehr als historische Bauten und Museen. Es ist ein Lebensgefühl.

Und wie sieht es bei den Geschäftsreisenden aus? Deutschland ist doch ein großer Messe- und Tagungsstandort?

Dieses Segment wird auf längere Zeit eine große Herausforderung bleiben. Tatsächlich war der Geschäftsreiseanteil am Incoming Deutschlands 2019 mit 23 Prozent im internationalen Vergleich überproportional hoch. Zum einen, weil wir der führende Messestandort weltweit sind, zum anderen wegen der Spitzenposition Deutschlands als Tagungsziel in Europa.
Gerade in diesen Bereichen erwarten wir starke Veränderungen. Die Zukunft hier wird sicher stärker von Substituten, wie virtuellen Veranstaltungsformaten und Hybridevents bestimmt.

Aus welchen Ländern erwarten Sie am ehesten, dass alles wieder so wird wie früher?

Ich denke, es wird nicht alles wieder so werden wie früher; auch wenn wir wieder ohne Beschränkungen reisen können, werden Achtsamkeit und Vorsicht unser Reiseerlebnis mehr prägen.
Generell gilt, dass sich die Nahmärkte schneller erholen als die Fernmärkte. Bei den Überseemärkten kommt dazu, dass die Airlines ihre Kapazitäten nur dann wieder hochfahren, wenn sie eine entsprechende Nachfrage sehen. Aus ökonomischen, aber auch ökologischen Gründen wird eine hohe Auslastung in Zukunft noch eine größere Rolle spielen als bisher.
Wir sehen aber auch, dass viele Reisende sehr genau definieren, unter welchen Voraussetzungen sie wieder auf Reisen gehen würden.
Zu den wichtigsten Punkten zählen ein signifikanter Rückgang der Infektionszahlen im Zielland, die Verfügbarkeit von Impfstoff und Reisemöglichkeiten, die nicht durch Quarantäneregelungen behindert werden.
Mit Blick auf den zeitnahen Einsatz von Impfstoffen und sinkenden Infektionszahlen hoffen wir bereits 2021 auf eine deutliche Wiederbelebung der internationalen Nachfrage.
Die Marke ‚Reiseland Deutschland - Germany Simply Inspiring’ trägt uns auch durch diese schwierige Zeit.

Quelle: Das Interview wurde von der DZT (Deutsche Zentrale für Tourismus) zur Verfügung gestellt.

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