Im Gespräch

Matthias Winkler & Andreas Keese – „Wir schreiben unsere Geschichte fort“

Das Sacher gehört zu Wien, wie die weltberühmte Torte zum noblen Haus an bester Wiener Adresse, das über die Jahrhunderte schon viele Krisen und schwere Zeiten überstanden hat. Und kein Zweifel, dass eines der weltbesten Hotels auch die Corona-Pandemie überstehen wird. Weil jede Krise die Chance eines Neuanfangs in sich birgt, alles andere wäre Stillstand. Und still steht das zu den Leading Hotels of the World zählende Wiener Luxushaus ebenso wie das Sacher Salzburg auch jetzt, in diesen schwierigen Monaten, nicht. Im Gegenteil, wie Sacher Geschäftsführer, Matthias Winkler und der neue Direktor, Andreas Keese, im Interview erklären.

traveller: Herr Keese, Ihr Vorgänger Reiner Heilmann war 32 Jahre Direktor und kannte das Sacher wie seine Westentasche. Finden Sie schon stets die richtigen Wege durchs Haus?

Andreas Keese: 32 Jahre kann ich nicht aufholen (lacht). Ich habe meine Karriere bei Sacher vor vier Jahren in Salzburg begonnen, durfte die Festspielzeit miterleben – das war etwas ganz Besonderes. Nach dem Wechsel nach Wien habe ich das Haus intensiv kennengelernt. Mein Glück war, dass Food & Beverage (Anm.: zunächst war er Assistent und später Executive Food & Beverage Manager) viele Abteilungen hat, die gut übers Haus verteilt sind. Mittlerweile finde ich immer den richtigen Weg.

Es gibt leichtere Zeiten, um die Hotelleitung zu übernehmen. Welche Wege wollen Sie jetzt strategisch beschreiten?

Andreas Keese: Jede Krise hat ihre Chancen. Jetzt gibt es quasi einen Neuanfang und die Möglichkeit, das Alte zu hinterfragen, weiterzuentwickeln und besser zu machen. Jetzt ist die richtige Zeit, um Neues zu entwickeln. Einige einzigartige Projekte haben wir bereits als Team großartig umgesetzt. Sacher ist ein familiengeführtes Unternehmen, die Nähe zu den Gästen und Sacher-Fans werden wir weiter stärken. Die Krise hat uns nicht zuletzt gezeigt, dass wir den Fokus noch mehr auf unsere Mitarbeiter legen müssen, um auch in Zukunft alles richtig zu machen.

Das ist ein hoher Anspruch. Woher wissen Sie jetzt, was in Zukunft richtig ist?

Andreas Keese: Die Zukunft kennt im Grunde keiner, aber die Mitarbeiter standen schon immer im Zentrum, jetzt noch mehr! Die ehemals jobsichere Hotellerie und Gastronomie, das gibt es so nicht mehr. Für uns ist es noch wichtiger denn je, den Fokus auf die Mitarbeiter zu setzen, um weiterhin im internationalen Wettbewerb kompetitiv bleiben zu können.

Herr Winkler, wirtschaftliche Ziele sind in der aktuellen Situation obsolet. Hat die Krise eine Änderung der Positionierung, der Marke Sacher zur Folge?

Matthias Winkler: Eine Positionierung von Sacher ist, dass wir in guten wie in schlechten Zeiten zu Wien und auch zu Salzburg gehören. In der Geschichte von Sacher sind ja alle Höhenflüge und alle Täler der Tränen nachzulesen. Sacher war der große Treffpunkt von Kunst, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, aber Sacher war ebenso schon pleite. Sacher hat sich in der Vergangenheit jedoch immer als krisenfest bewiesen. Wenn man zurückblickt und nachforscht warum, waren es letztlich die Persönlichkeiten, die hier gearbeitet haben und die für das Haus verantwortlich waren. Persönlichkeiten wie Anna Sacher oder meine Schwiegermutter, die das Hotel nicht als Nummer 1 Haus übernommen hat, sondern es erst dazu gemacht hat. Und dann der rechtzeitige Übergang zur nächsten Generation. Sacher hat viel richtiggemacht.

Die Segel zu streichen kommt also nicht infrage?

Matthias Winkler: Man könnte jetzt in Trauer, Sorge, Angst und Depression erstarren oder versuchen gegen Corona zu kämpfen. Nichts davon wird zu einem besseren Ergebnis für das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Gäste führen. Wie immer in der Geschichte konzentrieren wir uns darauf, was wir daraus lernen und daraus machen können. Wir haben schon zu Beginn der Krise die Zeitrechnung auf null gestellt. Was vorher war, mag uns ein bisschen Sicherheit geben, aber die Chancen liegen in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit. Das ist der erste wichtige, jedoch schmerzhafte Schritt, weil man sich nicht mehr nur auf das verlassen kann, was einen immer – scheinbar – stark gemacht hat. Um zur vorherigen Frage zurückzukommen: Die Positionierung ist keine andere, sondern wir schreiben unsere Geschichte fort. Der Traditionsbetrieb ist eigentlich ziemlich innovativ, weil sonst könnte er nicht auf Dauer überleben. Corona macht es nicht leichter, spitzt zu, beschleunigt, Gutes wie Schlechtes. Jetzt sind umso mehr Führungsqualität und menschliche Qualitäten gefragt, um daraus etwas Gutes und Richtiges zu machen.

Während das pauschale Volumensegment im internationalen Reisebusiness bereits vor Corona rückläufig war, sieht man das Highend/Luxussegment nicht unter Druck – vielmehr geht der Trend immer mehr in Richtung von Premiumprodukten, wofür der Kunde auch bereit ist, Geld auszugeben. Für das Hotel Sacher also eine gute Perspektive?

Matthias Winkler: Dieses, das Zeitalter des Internets und der totalen Transparenz, die damit einhergeht, die Zeit der gebildeten und selbstständigen Menschen zahlen ein in das Absterben des Mittelmaßes. Da geht es nicht um drei oder fünf Sterne. Die, die es gut machen, perfekt in der Organisation sind, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, werden auch mit zwei Sternen erfolgreich sein. Das Fünf-Sterne-Erlebnis wird aber noch anspruchsvoller, da haben wir als Familienbetrieb viele Vorteile, um diese Entwicklung gestalten zu können. Es gibt keinen Automatismus, weil ich die letzten Jahre erfolgreich war, werde ich es in Zukunft sein. Gleichzeitig, wenn sie das Richtige tun, können sie damit ungeahnte Erfolge erzielen. Um das Richtige zu tun, brauchen sie immer ein Team, das ist klarer denn je. In diesem Team brauchen sie menschlich und fachlich höchstgeeignete Mitarbeiter. Auch dort ist kein Platz mehr für Mittelmaß.

Wie werden Sie diese guten Mitarbeiter in Zukunft gewinnen? Es wird zwar mehr Arbeitssuchende geben, gleichzeitig werden viele gut Ausgebildete im Tourismusbereich in andere Branchen abwandern.

Matthias Winkler: Das ist unsere größte Herausforderung, ohne Zweifel.

Andreas Keese: Die Hotellerie und die Gastronomie sind tolle Branchen mit vielen und einzigartigen Chancen. Ich glaube, dass es wichtig ist, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu entfalten, wir müssen ihnen eine Bühne bieten und sie sollen sich wohlfühlen. Wir erweitern immer wieder das Thema Employer Branding. Seit 2014 arbeiten wir zum Beispiel mit Projekten, wo sich jeder Mitarbeiter, vom Lehrling bis zum Manager, vom Koch bis zum Sales-Mitarbeiter, einbringen kann.

Matthias Winkler: Was Andreas Keese gerade geschildert hat, hat eine große Überschrift und die lautet Wertschätzung. Da hat die Branche nicht immer und in jedem Betrieb als Vorzeigemodell funktioniert, aber das Thema Wertschätzung ist eine der zentralen Antworten darauf, wie ich die besten Mitarbeiter bekomme. Daran anschließend die Entfaltungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Die Projekte – wir stehen gerade bei Nummer 68 – sind auch dazu da, neben der fachlichen Qualifikation die weiteren Talente der Mitarbeiter zu fördern.

Langweilig wird also niemanden, auch in dieser Phase nicht?

Matthias Winkler: Mit Sicherheit nicht. Wenn Sie durchfragen, habt ihr durchgeschnauft, wird jeder sagen nein, wir sind immer noch atemlos. Nicht in Bewegung zu sein, ist für mich persönlich und für jedes Unternehmen nicht gut. Wir arbeiten gerade an einer Mitarbeitercharta unter dem Titel „Unsere Arbeit macht Spaß und Sinn“. Beides ist wichtig. Nicht alles wird immer Freude machen und nicht alles wird immer auf den ersten Blick Sinn ergeben, aber wir reden über die Grundstruktur. In der Charta legen wir fest, gemeinsam mit unseren Mitarbeitern, was geben wir und was bekommen wir dafür. Das geht weit darüber hinaus von ich gebe acht Stunden und bekomme den Kollektivvertrag. Das funktioniert inzwischen nirgendwo. Wir geben darüber hinaus das Versprechen, dass die Gehälter pünktlich ausbezahlt werden, jede Überstunde wird aufgeschrieben und bezahlt, das Anrecht auf Bildung und Ausbildung, das Recht auf Mitarbeitergespräche und noch viel mehr.

Zu Beginn wusste man nicht, geht es weiter oder wie geht es weiter, dann mussten Sie an den Standorten Mitarbeiter entlassen. Wie ist die Stimmung im Haus: Voller Sorge oder doch optimistisch?

Andreas Keese: Wir haben in der Krise, und das erfüllt mich mit Stolz, sehr transparent agiert. Von Anfang an war die Entscheidung klar, wir machen Kurzarbeit. Der Schritt der Kündigungen am 15. September 2020 war dann ein sehr schwieriger. Es gab davor sehr viele persönliche Gespräche. In dieser Zeit ist wichtig, den Mitarbeitern zuzuhören, wir stehen mit den Entlassenen auch weiterhin in Kontakt. Gemeinsam mit Matthias Winkler haben wir etwas Wichtiges versucht: Führe nicht mit dem Mund, sondern führe mit dem Ohr.

Sie mussten im September einige Mitarbeiter kündigen …

Matthias Winkler: Wir sind ein großes Unternehmen. Wir hatten vor Corona 800, jetzt sind wir bei zirka 500 Mitarbeitern. Wir sind eine große Struktur, da brauchten wir in der Krise auch eine strukturelle systemische Antwort. Die Antwort auf, wie kriegst du die besten Mitarbeiter: Du musst glaubhaft wertschätzend agieren, das Geben und Nehmen muss klar definiert und fair sein und du musst Erfolg haben, denn Erfolg macht attraktiv. Eine zentrale Frage haben wir noch nicht gelöst, nämlich wie wir mit der Kinderbetreuung tun? Da kämpfen wir noch um eine Lösung, vor allem eine räumliche. Bis dahin wollen wir arbeitenden Eltern, Müttern und Vätern mit angepassten Dienstzeiten entgegenkommen.

Wird das Sacher bei den Gäste als kinderfreundliches Hotel wahrgenommen? Ist das wichtig?

Matthias Winkler: Es gibt den Spruch, früher haben die Männer entschieden, wohin die Reise geht, dann gab es eine Zeit, in der die Frauen entschieden haben und jetzt sind es die Kinder. Ich schließe mich dem an. Wir sind kein Kinderhotel, aber wir sind ein besonders kinderfreundliches Hotel. Natürlich bekommen die Kinder ihr eigenes Bettzeug, einen passenden Bademantel usw. Letztlich landen Sie auch hier ganz schnell beim Thema Wertschätzung. Kinder wollen auf Augenhöhe angesprochen werden. Bei uns sind Kinder mehr als herzlich willkommen und ernstzunehmende Gäste.

Die Regierung hat einige Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft gesetzt, einiges hilft, die Deckelung ist für große Betriebe allerdings ein Problem. Wie stehen Sie zu den Hilfen?

Matthias Winkler: Dazu eine dreiteilige Antwort: Die Krise hätte uns eigentlich nicht überraschen dürfen, da wir Anfang des Jahres schon in Asien beobachten konnten, was da passiert. Im internationalen Vergleich, was haben andere Regierungen gemacht, sind wir in Österreich in einer privilegierten Situation. Die Politik hat sich aktiv für die Bewältigung der Krise eingesetzt. In diesem Lichte muss man sämtliche staatliche Förderungen sehen. Ich weiß, für einzelne ist es durchaus schwierig, aber im Großen und Ganzen hat es bei uns herausragend positiv funktioniert.

Zweitens, ist es ausreichend? Es wird mit Steuergeld agiert: Als Branche wünsche ich mir immer mehr, für den steuerzahlenden Bürger muss es in einem Verhältnis stehen. Ich glaube, das tut es. Der Tourismus macht zirka 15 % unseres BIP aus und viele andere Branchen sind daran geknüpft. Ein funktionierender Tourismus ist nicht nur das Anliegen von ein paar Hoteliers, sondern es ist volkswirtschaftlich relevant.

Drittens, hilft es den Unternehmen? Je kleiner der Betrieb, desto mehr hilft es. Durch die Deckelung des Umsatzersatzes mit 800.000 Euro erreichen wir im Sacher Wien nicht die versprochenen 80 %, sondern nicht einmal ein Viertel. Aber bin ich unzufrieden damit? Nein, auf gar keinen Fall. In Summe ist es der richtige Gedanke und es geht in die richtige Richtung. Ja, es hilft den Kleinen deutlich mehr, gleichzeitig tun sich die Großen im Normalfall leichter, eine so schwere Krise länger auszuhalten. Wir werden 2020 und 2021 Verluste bilanzieren, das halten wir aus. Ich gehe davon aus, dass wir 2023 wieder – kleine – Gewinne haben werden.

Der gesamte Tourismus ist sehr divers, nicht zuletzt die Hotellerie selbst. Sie sind Teil der Taskforce Stadthotellerie in der WKÖ, wie lautet dort die Meinung?

Matthias Winkler: Diese eine Meinung gibt es nicht, weil es diesen einen Tourismus auch nicht gibt. Es hat jeder ein anderes Problem, jeder eine andere Betroffenheit. Der große Tenor aber ist, dass mit dem Umsatzersatz im November und teilweise im Dezember ein brenzliges Feuer gut in Griff bekommen worden ist. Es hat kein Problem gelöst, aber es hat uns gut Zeit gekauft bei der Problemlösung. Die Herausforderung jetzt lautet, ob wir mit einer Teststrategie und später einer Impfstrategie wieder Vertrauen und damit wieder Bewegung in die Reisenden bekommen. Auf Dauer kann und soll der Staat nicht Umsatz ersetzen. Wir denken aber auch schon vorwärts: Wenn wir gut testen und gut impfen, kann das für Österreich sogar ein Standortvorteil sein.

Womit machen Sie gerade Umsatz?

Matthias Winkler: Wir machen Umsatz mit wenigen Geschäftsreisenden, mit unserer Original Sacher-Torte – da hat sich der Versand de facto verdoppelt - der Drive-In ist eine kleine Erfolgsstory mit 50 bis 100 Kunden täglich.

Produkte werden ja auch international versendet, sind die Transportwege aktuelle nicht eine Herausforderung?

Matthias Winkler: Ja, die Transporte brauchen vielleicht ein paar Tage mehr, aber die kriegen das hin. So wie unser Unternehmen mit der Torte begonnen hat, beginnt der Restart ebenfalls wieder mit der Torte.

Haben Sie keine Angst davor, dass das irgendwann die Klimadebatte befeuert, wenn Sie die Original Sacher-Torten an die ganze Welt verschicken?

Matthias Winkler: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir versuchen, vor nichts Angst zu haben. Wir versuchen schon gar nicht vor dem Scheitern Angst zu haben, weil das beinhaltet meistens, dass man damit gar nicht erst anfängt.

Wie kommt es im Familienbetrieb Sacher zur Entscheidungsfindung? Wie groß ist die Runde, in der Entscheidungen getroffen werden?

Matthias Winkler: Zwei (lacht und schaut zu Keese). Grundsätzliches, wie das Eröffnen und Schließen eines Geschäftslokals, oder eine große Investition, besprechen wir in der Familie, mindestens achtmals pro Jahr und manchmal auch am Mittagstisch. Das geht, wenn es sein muss, sogar innerhalb von wenigen Stunden. Wir brauchen kein Headquartier in Brüssel, Frankfurt oder London, sondern machen notfalls eine Telefonkonferenz. Ansonsten haben wir ein Sacher-Managementteam, in dem Andreas Keese, Angélique Weinberger vom Sacher Salzburg, dazu die jeweiligen Stellvertreter, mein kaufmännischer Kollege, meine Kollegin im Marketing und ich vertreten sind. Wir treffen einander einmal in der Woche, virtuell, teilvirtuell oder physisch. Wir diskutieren über die wichtigsten Eckpunkte und die Fragen der Zukunft. Mal große, mal kleine, mal kürzer, mal länger.

Wie groß ist die Frage nach der Preisgestaltung? Muss man nach unten justieren?

Matthias Winkler: Es sagen alle, dass sie das nicht tun, viele machen’s dennoch. Sehr zum Ärger von jenen, die es nicht tun. Wir versuchen, den Preis zu halten und bieten für den Preis auch ein großartiges Erlebnis. Den Preis nach unten justieren dauert sechs Minuten, den Preis hinauf zu bringen, sechs Jahre. Mit einem günstigen Preis können sie schnell eine hohe Belegung schaffen, aber es ist keine Strategie – für uns jedenfalls nicht.

Wenn der Marktdruck steigt, werden Sie trotzdem Ihre Strategie konsequent beibehalten?

Matthias Winkler: Das ist eisern. Wir diskutieren über Vieles, aber darüber nicht (lacht).

Die Welt ist noch zugesperrt, deshalb ebenfalls Spekulation: Glauben Sie, dass die Quellmärkte sich für das Sacher ändern werden?

Matthias Winkler: Ihre Frage ist schon die Antwort. Wir wissen es nicht, derzeit sehen wir diese Entwicklung und darauf reagieren wir natürlich sofort.

Der schwierigste Mitbewerber ist die internationale Kettenhotellerie. Da passiert gerade international sehr viel mit Zukäufen, neuen Marken etc. Welche Entwicklung erwarten Sie für Wien und Ihr Geschäft?

Matthias Winkler: Der Druck wird sicher steigen, er wird uns hoffentlich besser machen.

Andreas Keese: Das ist auch eine Chance für Wien und gibt uns die Möglichkeit, wieder andere Gäste anzusprechen. Es gibt genügend Sacher-Fans, die die Original Sacher-Torte vor Ort probieren möchten.

Der Platzhirsch Sacher steht stolz und fest?

Andreas Keese: Dafür kämpfen wir jeden Tag mit viel Leidenschaft und Excellence.

Matthias Winkler: Ich habe ein Problem mit der Bezeichnung Platzhirsch, denn der ist ein bisschen gefährdet, weil er ganz alleine auf der Lichtung steht und der Jäger auf ihn zielt. Auch ein Platzhirsch muss aufpassen, an ihm messen sich alle. Wir arbeiten für unsere Gäste, egal woher sie kommen. Jeder hat eine andere Erwartungshaltung. Ich erwähne in meinen Vorträgen immer ein Beispiel: Über 60 Jahre alt, aus England, mindestens zweimal verheiratet, mindestens zwei Kinder – Prinz Charles und Ozzy Osbourne sind in der gleichen Zielgruppe. Beide waren im Sacher, unterschiedlicher könnte der Aufenthalt nicht sein. Alle unsere Gäste sollen begeistert nach Hause fahren. Sie sind dann begeistert, wenn ihre Interessen erkannt und übererfüllt wurden. Das ist unser Maßstab. Die Kettenhotellerie hat ihre Berechtigung, sie macht vieles gut und richtig, in den Standards sind sie wahrscheinlich Vorreiter.

Unser Ziel ist, Standards hinter uns zu lassen, auf einem anderen Level die Gäste abzuholen. Wir arbeiten nicht nach Schema F.

Erhalten Sie Angebote zu verkaufen?

Matthias Winkler: In den letzten Wochen hatte ich vier Anrufe, ob das Bristol zu verkaufen sei. Das Sacher eigentlich nicht, da traut sich keiner, zu Recht.

Sehen auch Sie Chance in der Krise?

Matthias Winkler: Wie immer ist es nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Wir dürfen die Krise nicht schönreden: Sie ist gesundheitsgefährlich, wirtschaftsgefährlich, sie hat viel Leid über die Welt gebracht und über sehr viele Menschen. Die Krise lässt uns aber nachdenklicher werden, lässt uns Selbstverständliches nicht als selbstverständlich nehmen. Der Drive-In wäre uns wahrscheinlich nicht eingefallen oder die Sacher Séparées. Insofern sind das Chancen. Könnte ich’s mir aussuchen, hätte ich die Krise aber lieber nicht.

Ist es mit den Séparées und Co gelungen, die Wiener selbst zu überzeugen, einen genaueren Blick ins Sacher zu werfen?

Matthias Winkler: Ja, und es ist vor allem gelungen, ein bisschen bewusster zu machen, vielleicht auch uns selbst, dass wir ein Teil von Wien und ein Teil von Salzburg sind. Diese Wechselwirkung ist jetzt stärker vorhanden, weil sie Platz und Zeit hat. Wir haben bei den Séparées Menschen begrüßt, die wir noch nie zuvor im Sacher gesehen hatten.

Andreas Keese: Toll war zu beobachten, dass damit für viele Wiener ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist. Wir arbeiten gerade an einem neuen Projekt: Viele haben noch Hemmungen ins Hotel zu gehen und trauen sich, wenn, dann nicht weiter als bis zur Engelsfigur. Die Hemmschwellen, das Sacher zu besuchen, wollen wir abbauen. Wir wollen zeigen, dass wir nicht das steife Fünf-Sterne-Hotel sind, sondern ein Haus mit Geschichte, das innovativ vorangeht.

Wie oft haben Sie selbst eine Original Sacher-Torte am Teller?

Andreas Keese: Einmal in der Woche gibt es eine Original Sacher-Torte. Noch lieber esse ich aber den Original Sacher Würfel. Wenn man das Produkt von der Herstellung kennt, ist man noch mehr fasziniert.

Matthias Winkler: Mindestens einmal in der Woche, wenn ich in der Manufaktur bin, da muss ich von Berufs wegen testen, manchmal auch öfter.

Die Kulinarik ist ein wichtiger Teil der Identität des Hauses. Herr Keese, Ihre beruflichen Wurzeln liegen in der Küche und im Service. Welche Rolle wird in Zukunft die Kulinarik spielen?

Andreas Keese: Wir haben mit Dominik Stolzer in Wien und Michael Gahleitner in Salzburg zwei junge, innovative Küchenchefs, die das Sacher präsentieren. Das Team arbeitet eng mit Bauern aus der Region zusammen. Der internationale Gast, der zu uns nach Österreich kommt, kriegt auch sein Club Sandwich oder Caesar Salad, aber immer mehr suchen Authentizität und versuchen, das Land kulinarisch kennenzulernen. Man geht im Sacher mit der Zeit.

Wie wichtig sind Hauben oder Sterne für die Außendarstellung des Hauses?

Andreas Keese: Wir haben das Glück, dass wir mit mehreren Restaurants und Cafés in Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck von Gault&Millau ausgezeichnet sind. Vom Guide Michelin leider nicht. Natürlich ist das ein Ziel und wir haben einen sehr ambitionierten Küchenchef. Wichtig ist, dass das Grundprodukt passt.

Matthias Winkler: Wir kochen für unsere Gäste, nicht für Bewertungen. Diese können gerne ein Ergebnis von herausragender Küche und herausragendem Service sein.

Sie sind international sehr gut vernetzt und viel unterwegs. Welches Haus beeindruckt Sie persönlich?

Matthias Winkler: Das Baur au Lac in Zürich ist ein tolles Haus und unser Kollege Andrea Kracht ist ein Vorbildunternehmer, Vorbildhotelier, Vorbild-Employer. Das Peninsula in Hong Kong trägt seinen Ruf seit Jahrzehnten zu Recht, auch das Acqualina in Miami Beach. Es gibt viele tolle Häuser und wenn sie analysieren, was sie ausmacht, ob Lage, Baustil oder Einrichtung, kommen sie immer zum selben Schluss: Letztendlich faszinieren die Gast-Mitarbeitererlebnisse.

Andreas Keese: Zu Beginn meiner Karriere war ich Koch und habe bei meinen Reisen viele Sternerestaurants besucht, immer gut gegessen und günstig geschlafen. Ich finde Hotels mit Charakter sehr spannend und da muss es nicht immer Fünf-Sterne-Superior sein, aber es muss authentisch sein.

Matthias Winkler: Das schönste Grand Hotel der Welt, ohne Mitarbeiter und ohne Gäste, bleibt eine Geisterburg. Die tollsten Häuser sind die, mit den coolsten Gästen und den besten Mitarbeitern.

Sie haben erwähnt, dass Sie mehr arbeiten als im Jahr davor. Wie können Sie abschalten?

Matthias Winkler: Ich nehme, je nach körperlicher Verfassung, mein Mountainbike oder E-Mountainbike und verschwinde in den Wienerwald bzw. in das Tiroler Karwendel. Dann bin ich auch einmal ein paar Tage weg.

Herr Keese, wie entspannen Sie am Ende eines Tages, nachdem Herr Winkler von einer Reise oder vom Sport mit ganz vielen Ideen zurückgekommen ist?

Andreas Keese: Auch bei mir ist es der Sport, Laufen oder Skifahren. Vor Corona war mein Ausgleich viel zu reisen, viele Mitbewerber anzuschauen, Essen zu gehen -  das ist einfach meine Welt.

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