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Im Gespräch

David Ruetz, Head of ITB Berlin – Wir tasten uns langsam wieder heran!

Ein winzig kleines Virus war heuer dafür verantwortlich, dass die weltgrößte Tourismus-Leitmesse nicht stattfinden konnte. Die von der zuständigen Gesundheitsbehörde Charlottenburg-Wilmersdorf auferlegten hohen Auflagen waren für die Messe Berlin knapp vor Eröffnung nicht umsetzbar – erstmals seit Bestehen musste daher die ITB Berlin abgesagt werden. Ein Gespräch mit dem Head of ITB Berlin, David Ruetz, über ein Wechselbad der Gefühle, die Unterstützung durch die hohe Politik und die Zukunft von touristischen Messen.

Unverändert dominiert COVID-19 weltweit das Leben und führt gerade im Tourismus zu massiven Einbrüchen und Beschränkungen, von der gewohnten Reisefreiheit ist die ganze Welt noch immer meilenweit entfernt. Dennoch muss der Blick schon jetzt klar nach vorne gerichtet sein und gerade der ITB Berlin kommt im touristischen Recovery Prozess große Bedeutung zu. Mit dem hybriden Pop-Up Event „We Love Travel!“ startet man im Oktober einen ersten „Testballon“ und fokussiert bereits klar auf die ITB Berlin 2021.

traveller: Beginnen wir mit einem Rückblick auf Anfang März und die schwierige Entscheidung, die weltgrößte Tourismus-Leitmesse knapp vor der Eröffnung absagen zu müssen. Wie haben Sie dieses Wechselbad der Gefühle, den ganzen damit verbundenen Leidensweg der Reisebranche und die Machtlosigkeit erlebt?

David Ruetz: Insbesondere die Zeit unmittelbar vor der Absage der ITB Berlin 2020 war für uns wie ein Krimi. Wir standen täglich in Kontakt mit den Behörden – die Entscheidung fiel uns wahnsinnig schwer. Wir waren uns ja auch bewusst, was für unsere Besucher und Aussteller daran hing.

Mit dem heutigen Wissen, was Corona (etwa in Italien) anrichten kann und wenn man bedenkt, dass rd. 160.000 Menschen während der fünf Tage die Messe besuchen, wäre die Gefahr, dass die Messe Berlin zum wohl größten Cluster Deutschlands geworden wäre und das Image der ITB Berlin damit wohl nachhaltig beschädigt hätte, die einzig richtige, oder?

Absolut, das Risiko hätten wir nicht eingehen können. Heute sind wir alle deutlich weiter mit unserem Wissen. Damals rollte etwas völlig Unbekanntes auf uns zu.

Wie haben sich die Tage und Wochen ab dem offiziellen Aus gestaltet? Wie haben die Aussteller reagiert, die ja in vollem Umfang entschädigt wurden?

Die meisten Aussteller haben sehr verständnisvoll reagiert. Und ja – die Gebühren wurden in vollem Umfang zurückerstattet. Natürlich gab es auch Aussteller, die bereits angereist waren. Für diese tat es uns besonders leid. Wir konnten aber leider nicht anders und auch nicht früher handeln. Wir haben im Vorfeld immer darauf hingewiesen, dass die Entscheidung über die Durchführung oder Absage von Großveranstaltungen nur auf der Grundlage der Empfehlung bzw. Anweisung der zuständigen Fachbehörden erfolgen kann. Nur diese verfügten über alle notwendigen Informationen und Fachkenntnisse, um am Ende die richtige Schlussfolgerung zu ziehen.

Die pandemiebedingte Absage bescherte der Messe Berlin selbst und der gesamten damit verbundenen Leistungskette (Stand- und Messebauer, Messetechnik, Cateringunternehmen, lokaler und internationaler Tourismus, Hotellerie, Gastronomie, Verkehrsbetriebe, Taxis, Handel usw.) einen Milliardenverlust. Ist dieser überhaupt gesamt zu beziffern?

Der Verlust ist und war in der Tat immens und so unglaublich vielschichtig, weil so viele Unternehmen an der gesamten Wertschöpfung beteiligt sind. Wir beziffern die Gesamtsumme für unser Unternehmen auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Die ITB Berlin ist für die Stadt Berlin, für das Land Brandenburg – eigentlich für ganz Deutschland – ein enormer Wirtschafts- und Imagefaktor. Gibt/gab es seitens Stadt/Bund/Land – seitens der Regierungsverantwortlichen – Unterstützung?

Ja, die soll es natürlich geben und unsere Geschäftsführer sind dazu in engem Austausch. Die Politik lässt uns zum Glück nicht alleine. Über genauere Zahlen und Umfang können wir aber zurzeit keine Angaben machen.

Wie geht es dem Unternehmen Messe Berlin aktuell?

Die Messe Berlin ist ein solides Landesunternehmen, daher können wir Durststrecken bis zu einem gewissen Maß kompensieren. Die aktuelle Lage ist aber selbstverständlich sehr, sehr herausfordernd und ich bin froh, dass es nun auch wieder positive Perspektiven gibt.

Wie geht es Ihnen, dem Chef der weltgrößten Tourismus-Leitmesse, heute?

Ich bin von Natur aus ein gelassener Mensch, aber die letzten Monate sind natürlich auch nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Jetzt möchte ich aber nach vorne schauen und da steht mit dem „We love Travel“ Event im Oktober ein überaus spannendes Projekt an. Es wird gut tun, sich nach Monaten der Beschränkung auf Digitales auch wieder physisch zu treffen und sich als Branche zu dringenden Themen auszutauschen.

Man geht zwar mit Jahresbeginn 2021 von den ersten Impfungen aus, aktuell ist dennoch völlig offen, welche Bestimmungen im Frühling 2021 gelten werden – es fehlt also Sicherheit und Planbarkeit. Wie ist unter diesen fragilen Voraussetzungen die weltgrößte Tourismusmesse für 2021 planbar?

Wir richten uns auf unterschiedlichste Szenarien ein. Eine Messe ist auch unter den schwierigen Bedingungen planbar, denn es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen, um den Messebetrieb in Zeiten von Corona an die Gegebenheiten anzupassen. Mit dem richtigen Hygiene-Konzept, Online-Registrierung, limitierter Besucheranzahl etc.

Was können Sie zum jetzigen Zeitpunkt, da nahezu die ganze Welt noch „zugesperrt“ ist, bereits zur ITB Berlin 20201 sagen?

Rund 30 % der Aussteller haben bereits ihr Interesse bekundet, genauer kann ich aber in der Tat noch nicht auf die Highlights etc. eingehen. Das wird sich noch in den nächsten Monaten herauskristallisieren müssen. Bei den Ausstellern haben wir es mit einem bunten Mix aus verschiedenen Segmenten zu tun. Stark vertreten sind schon jetzt Anbieter aus Hotellerie und Technologie.

Wird die ITB Berlin 2021 (10.-14.03.21) dem traditionellen Muster folgen (können), oder ist mit dem jetzt im Oktober stattfindenden „We Love Travel!“ Event die Basis für eine Neuausrichtung gelegt?

“We Love Travel” sehen wir ganz klar „on top“. Das Event ist eine Art Testmesse für die ITB Berlin 2021. Sie soll als hybrides Pop-up-Event Fachbesucher und Endkunden anziehen. Mit diesem Event tasten wir uns auch langsam wieder an das Konzept Messe heran. Ein wichtiger Schritt hin zur gewohnten bzw. neuen Normalität. Gerade weil die Branche in der Krise ist, ist ein Format dieser Art so wertvoll. Die eigentliche ITB im März wird sich da schon deutlich stärker an dem bisherigen Messekonzept orientieren. Beide Formate werden sich aber zunehmend hybrid präsentieren. Unsere neue globale Plattform itb.com wird dahingehend auch weiter ausgebaut.

Liegt die Zukunft nicht überhaupt im hybriden Messemodell – teils mit physischer Teilnahme und teils im virtuellen Bereich?

Wir bauen ja seit Jahren die digitalen Angebote und die Globalisierung der ITB-Marke aus und widmen uns den digitalen Prozessen, die das Reisen entlang der gesamten Customer Journey erst möglich machen. Das erhält nun natürlich einen weiteren, deutlichen Schub. Der reale Kontakt ist durch nichts zu ersetzen. Es wird aber in der Tat künftig eine Mischung aus analogen und digitalen Komponenten geben.

Dieses neue Messeformat eröffnet auf der einen Seite dem Messeorganisator wie der Branche viele neue Möglichkeiten, auf der anderen Seite geht es zulasten der Wirtschaftsleistung (weniger Teilnehmer bedeutet weniger Flüge, weniger Hotelbuchungen, weniger Ausgaben in der Messedestination usw.). Wollen wir wirklich alle künftig aus dem Homeoffice in virtuellen Showrooms den Austausch pflegen, uns über Neuheiten informieren und Geschäfte abschließen? Lebt nicht gerade das Produkt Reisen – auch im Fachbereich – von Emotionen und der persönlichen Begegnung?

Absolut. Das ist auch unsere Überzeugung. Digitale Angebote können den menschlichen Kontakt ergänzen, aber niemals ersetzen. Daran glauben wir fest.

Damit verbunden die Frage: Welche Zukunft haben Messen vor diesem Hintergrund?

Sie sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Geschäftskontakt-Pflege. Messen wird es auch weiterhin geben – sie sind entscheidende und unverzichtbare Wirtschaftsfaktoren für viele Industriezweige. In vielen Kulturen hat der sprichwörtliche Handschlag noch ein sehr hohes Gewicht. Und wir sind bekanntlich eine sehr international ausgerichtete Messe. Prinzipiell muss sich aber unsere gesamte Branche natürlich hybrider aufstellen als in der Vergangenheit.

Wie muss man sich die Teilnahme und das Get-together als Fachbesucher – etwa am „We love Travel“ Event – vorstellen?

Gerade nach dieser langen, „analogen“ Pause haben Fachbesucher bei uns die Möglichkeit, Kontakte endlich wieder real zu pflegen und auch neue zu knüpfen, die im Idealfall zu Geschäftsabschlüssen führen. Unter dem nötigen Abstand und mit den neuen Maßnahmen ist ein Networking absolut möglich. Darüber hinaus sorgen Aussteller für neue Kontakte und Inspiration. Nicht zuletzt erhalten Fachbesucher durch Fachpanels und -vorträge auch inhaltliche Anregung.

Gibt es Messestände im Muster der „alten“ ITB?

Ja, es wird ganz klassische Stände geben. Ich gehe aber davon aus, dass die Stände 2021 offener gebaut sein werden, um Abstände zu garantieren.

Wie erfolgt der „Besuch“, der Austausch, in der virtuellen Welt?

Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie wertvoll ein starkes Netzwerk ist. Um gezielt neue Geschäftspartner zu finden und miteinander in Kontakt zu bleiben, haben wir das ITB Travel Network ins Leben gerufen. Das neue soziale Netzwerk für die professionelle Reisegemeinschaft weltweit ermöglicht Usern, das ganze Jahr über genau die Partner zu erreichen, die entscheidend zum Geschäftserfolg beitragen können. In der virtuellen Welt werden sich Teilnehmer vernetzen können und in der Lage sein, Vorträge und Diskussion am eigenen Rechner oder einem anderen mobilen Endgerät zu verfolgen und auch mit anderen Teilnehmern zu interagieren und sich zu brennenden Themen auszutauschen..

Die thematischen Schwerpunkte am „We love Travel“ Event sind ... ?

Es wird u.a. auch um die Veränderungen der globalen Reisenachfrage mit und nach der Pandemie gehen. Wie verändern sich Reiseströme, Kundenpräferenzen und wo sehen Experten mögliche Wachstumssegmente? Hier werden wir Inspiration und Best Samples präsentieren, um die Branche mit möglichen Lösungsansätzen zu unterstützen.

Auch in der Reisebranche stellt sich wie im Messebusiness die Frage, ob man nach Corona zu alten Mustern zurückkehren kann/wird/soll, oder ob es eine Zäsur über alle Branchenbereiche geben wird. Was glauben Sie, wohin wird/muss die Reise gehen?

Wir werden uns an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Tests und mehr administrativer Aufwand werden für Reisende dazugehören. Reise-Anbieter müssen deutlich mehr Flexibilität bieten müssen. Das sehen wir zum Beispiel bei der größeren Umbuchbarkeit, die die Airline-Tarife nun aufweisen. Wer jetzt ein Ticket für nächsten Frühling bucht, kann oftmals ein- oder sogar mehrmals umbuchen. Das wäre vor einem Jahr bei den Basistarifen undenkbar gewesen.

Für die Veranstaltung war ein eigenes COVID-19 Hygiene- und Sicherheitskonzept vorgeschrieben – wie sieht dies konkret aus und welche (verpflichtenden) Maßnahmen umfasst es?

Basierend auf unserem allgemeinen Hygiene- und Sicherheitskonzept, das mit dem zuständigen Gesundheitsamt abgestimmt wurde, haben wir für die ITB Berlin umfangreiche Maßnahmen zum Schutz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelt.

Das Konzept beruht auf folgenden Prinzipien: Hygiene, Abstand und Kontaktnachverfolgung. Dazu gehören beispielsweise reduzierte Sitzplätze in abstandsgerechter Anordnung vor Bühnen sowie entsprechend dimensionierte Durchgangsbreiten, separate Ein- und Ausgänge, Handdesinfektionsgeräte an den Eingängen und in den Waschräumen, Einsatz von „People Flow Dispatchern“ zur Kontrolle der Mindestabstände und zur Koordinierung der Besucherführung, Ampelsysteme zur Steuerung der gleichzeitig anwesenden Personen in einem Bereich, sowie Catering außerhalb der Hallen mit Foodtrucks. Zudem werden wir komplett auf digitales Ticketing umgestellt, die Reinigungstaktung wird intensiviert und medizinisches Personal ist vor Ort.

In Österreich gelten aktuell für Messen, Kongresse, Tagungen, Seminare oder Colloqien in geschlossenen Räumen rigide Personenbeschränkungen. Wie sieht die Reglung hierzu in Deutschland aktuell aus?

Derzeit sind bei uns 1.000 Personen pro Halle erlaubt, das ergibt bei 42 Hallen 42.000 Personen. Nach unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit wäre ein Betrieb also ohne weiteres möglich.  

Wie sieht die Kapazitätsbeschränkung für den „We Love Travel!“ Event im „lebendigen“ Bereich aus?

Wir rechnen insgesamt an den drei Tagen mit 5.000 Besuchern. Das ist für uns zum einen wirtschaftlich darstellbar, zum anderen entspricht es den Vorgaben für Höchstgrenzen.

Wenn die ITB Berlin ruft, möchte die ganze Touristik-Welt (gerade jetzt) kommen. In Anbetracht der schwierigen und großteils noch nicht möglichen Anreise reduziert sich die Teilnehmerzahl erheblich, dennoch: Wo liegt die Obergrenze im physischen Bereich, wie viele Menschen können teilnehmen?

Wir kalkulieren bis zu 1.000 Personen pro Halle. Ein Ampel-System wird Besuchern zeigen, wenn eine Halle bereits voll ist. Auf diese Weise haben sie die Möglichkeit, in entsprechenden Bereichen zu warten, bis sie die Halle betreten können.

Die Anmeldung für das dreitägige Event ist ausschließlich online möglich – ist die Online-Registrierung also DAS Frequenz-Steuerungstool?

Absolut, wie oben beschrieben ist die Digitalisierung bei Anmeldung und dem Zutritt zum Gelände der wichtigste Faktor.

Die Fallzahlen steigen wieder, Maßnahmen werden – gerade im Hinblick auf die bevorstehende kühlere Jahreszeit und das damit verbundene Ende der „Freiluftsaison“ verschärft. Haben Sie keine Angst, dass es zu einer kurzfristigen Absage des „We Love Travel! – a Tourism Recovery Pop-Up“ Events kommt?

Wie erwähnt, fiel uns die Absage der ITB Berlin im letzten März sehr schwer. Wir haben die vergangenen Monate genutzt, alternative Konzepte zu entwickeln. Wir sind fest davon überzeugt, dass es weitergehen muss. Die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten steht hierbei für uns immer an erster Stelle. In enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden des Landes Berlin haben wir ein solches Konzept entwickeln können. Und für alle, die aus unterschiedlichen Gründen nicht live vor Ort mit dabei sein können, haben wir das digitale Angebot auf itb.com und welovetravel.berlin erweitert.

„We love Travel“ ist der passende Abschluss unseres digitalen Gesprächs, der die ganze Sehnsucht der großen Touristikfamilie zum Ausdruck bringt …

Wie gesagt, die Magie der persönlichen Begegnung in unserem Peoples‘ Business ist nicht zu ersetzen. Monate geprägt von Homeoffice und Zoom-Calls haben bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach „echten“ Kontakten erhöht. Ich denke, jetzt ist die Zeit, sich der neuen Realität zu stellen. Wir sollten uns von dieser Pandemie – trotz allem Respekt davor – nicht unterkriegen lassen.

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