Homeofficebook III

Zäsur für Europas Städtetourismus

Städtereisen, stark von den Low Cost Carrieren beflügelt, zählen zu den beliebtesten Reiseformaten. Daran kann und wird auch die Pandemie nichts ändern. Jedoch: Aus allen Nähten platzende Metropolen, die den Städter immer mehr zum Fremden in seiner Stadt werden lassen, darf es nach Corona – auch dem Klima und der Umwelt zuliebe – nicht mehr geben. 

Ich weiß schon, jetzt, da der Tourismus – der Städte- und Geschäftsreisetourismus besonders – kein Selbstläufer ist und man in jedem touristischen Segment ums Überleben kämpft, von weniger ist mehr zu reden, ist provokant. Aber wenn nicht jetzt auf die Bremse steigen und sich für die Zeit nach Corona ein paar schlaue Gedanken – quasi als Investment in eine wieder ertragreiche wie gesunde Reisezukunft – zu machen, wann dann? Denn mit Verlaub, auch wenn wir uns alle nichts sehnlicher wünschen, als endlich aus diesem Albtraum aufzuwachen, um unser altes Leben dort fortzusetzen, wo ein kleines listiges Virus von jetzt auf gleich einfach auf die Stopptaste drückte, wollen wir alles wieder genauso haben?

Ein Blick zurück

Vor lauter Menschen sieht man das Kolosseum und den Trevi Brunnen nicht. Menschenmassen aller Kulturen und Hautfarben schieben sich vom Quirinal über die Spanische Treppe bis zur Piazza del Popolo, über die Via del Corso und Via Condotti bis zur Piazza Navona und auch der Schiefe Turm von Pisa lässt seine volle Schräglage in Anbetracht der touristischen Völkerwanderung, die sich Handystick schwingend über die Piazza dei Miracoli schiebt, nur erahnen.  Diese „Weltenbummler“ nennen das Sightseeing, wovon ein Selfie so schräg wie der berühmte Turm zeugt, die antiken Bauwerke und historischen Sehenswürdigkeiten sind dabei nur perfekt ins Bild passende Statisten. Geraten zu bildgerechten Nebensächlichkeiten, die man im Dauerlauf durch Rom, Barcelona, Venedig und vielen weiteren Metropolen mitnimmt, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Mehr als sieben Millionen Besucher (Stand 2018) zählte alleine das größte je im antiken Raum erbaute Amphitheater jährlich, eine Nebensaison gibt’s für das imposante Bauwerk dabei keine. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie es hier in der Hochsaison zugeht, wenn in Civitaveccia täglich bis zu 17 Kreuzfahrtschiffe anlegen und sich Tausende von Gästen Richtung Rom zum „Selfie-Sightseeing“ aufmachten. Da möchte man kein Römer sein, aber auch kein Venezianer oder Barceloner, denn Rom und das Kolosseum stehen nur als Beispiel vieler Extreme, die der Tourismus vor Corona vollzog. 

Nimmt diese Entwicklung - auch „Dank“ der Billigairlines - in dieser Dynamik wieder Fahrt auf, kollabiert das touristische System.  Der Schaden an Natur und Umwelt wird irreparabel und Menschen beginnen sich in ihrer Heimat, in ihren Städten, immer fremder zu fühlen. Da braucht man über nachhaltigen und gesunden Tourismus dann gar nicht weiter nachzudenken.  Eine gesunde Balance zu finden, ist also DIE Herausforderung, der sich Städte jetzt, im Restartprozess, stellen sollten.

Seit Billigfluglinien fast im Stundentakt um ein „Butterbrot“ in Europas Metropolen aber längst auch in Sekundärstädte fliegen und passend zum „Billigwahn“ Unterkünfte Raten um dreimal Nichts anbieten, haben Städtereisen einen Hype erfahren, der beim Blick in manches Stadtzentrum – Rom, Barcelona, Venedig aber auch Wien - fast schon völkerwanderungsähnliche Ausmaße annimmt. Gut, wir reden jetzt von unserem „anderen“ Leben, von der Zeit vor Corona, aber diese Zeit wird wieder kommen und damit auch die Reisekarawane. Die wurde ja nur abrupt gestoppt und wartet scharrend in den Startlöchern darauf, Europa und die Welt wieder unbeschwert und grenzenlos bereisen zu können. Zu Schnäppchenpreis, denn dass die Coronakrise und so manche große Versprechung aus Politikermund nach sozial verträglicheren Flugtarifen und Mindestpreisen an der mehr als ungesunden Preispolitik der Lowcoster etwas ändert, fällt wohl in die Rubrik viel warme Luft.

Und so wetzen die Ryanairs, Wizz Airs und EasyJets dieser Welt im Kampf um den Passagier längst wieder die Messer – die traditionellen Netzwerkcarrier wetzen mit stumpfer Klinge mit – geschleudert wird, als gäb’s kein Morgen. Denkt man dann noch den Nachhaltigkeitsgedanken mit, müssten Ticketpreise, die sich nicht mehr weit vom Tarif eines Bim-Tickets rund um den Wiener Ring unterscheiden, längst per Gesetz verboten sein. Dass da Städte aus allen Nähten platzen und Cityhopping zum fröhlichen Familien-Freizeitvergnügen wird, wundert demnach wenig. 
Städtereisen liegen also weiter im Trend, das belegt auch eine GlobalData Verbraucherumfrage im Q3/21, bei der 38 % der Befragten diese Reiseform als bevorzugte angaben. Damit gelten Städtereisen weltweit als drittbeliebteste Reiseart. Mit allen Schön- und Schattenseiten, denn so lukrativ und wertvoll der Städtetourismus fürs Staatssäckel und Incoming auch ist – was passiert, wenn dieses Segment einknickt, zeigt sich gerade jetzt in voller Härte für Hotellerie, Gastronomie, Handel und viele eng mit dem Städtereisesegment verbundenen Leistungsträger.  

„Wenn die beliebten europäischen Städte wieder vollständig für internationale Touristen geöffnet werden, müssen die Tourismusverantwortlichen jedoch die Zeit des erneuten Wachstums nutzen, um das richtige Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Rentabilität und der Gewährleistung einer guten Lebensqualität für die lokalen Bewohner zu finden,“ sagt auch Ralph Hollister, Travel and Tourism Analyst bei GlobalData und nennt Prag – die Stadt platzte vor der Pandemie buchstäblich aus allen touristischen Nähten - als mahnendes Beispiel. Dieser Overtourism ist wohl auch den Prager Tourismusverantwortlichen bewusst, man möchte den coronabedingten Stillstand jetzt zur Entwicklung nachhaltigerer und zukunftsweisender Formen des Städtetourismus in Sinne der lokalen Bevölkerung nutzen. Damit jene Probleme, mit denen Prag vor der Krise konfrontiert war, nicht im Billigflieger retour kommen. Prags neuer Schwerpunkt soll demnach auf hochwertigerem Tourismus mit längere Aufenthaltsdauer und auf verantwortungsvolleren Gästen liegen.

Und damit wohl auch auf einem höheren Preis, ein Hebel, den Hans Joachim Schellnhuber bereits im Rahmen des 22. Tourismusgipfels der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) erörterte: Der renommierte Klimaforscher betonte, dass der Tourismus Teil der klimaneutralen Mobilität werden muss und sieht einen Lösungsansatz darin, den Ansturm auf völlig überlaufene Reiseziele - auch über Preiserhöhungen - zu begrenzen. „Der Billigtourismus, wie wir ihn heute kennen, wird in dieser Form keine Zukunft haben, denn sonst sägt man an dem Ast, auf dem man sitzt“, sagte er im November 2019 und löste damit Hoffnung auf Einsicht aus. Sei es durch Kontingentierungen, wie etwa Dubrovnik, wo die tägliche Passagieranzahl der Kreuzfahrtschiffe bereits beschränkt ist. Ein Gegensteuern ist dringend notwendig „will man nicht zerstören, was man liebt“, so Schellnhuber, der auch die Frage stellte, ob nachhaltiger Tourismus massenfähig sein kann? Nach seiner Theorie ist Nachhaltigkeit Luxus und Luxus ist exklusiv. 

Nun, die Lösung kann NICHT darin liegen, Reisen zu einem Luxusgut für eine betuchtere Klientel zu machen. Das sieht auch der ehemalige TUI-Vorstand und nunmehrige Präsident des BTW, Dr. Michael Frenzel, so: „Die Demokratisierung des Reisens sei eine der größten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, statt Verzicht, Verbote und Verteuerung sollten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Forschung und Innovation setzen. Es müssen CO2-sparende und letztlich CO2-neutrale Produkte entwickelt werden“.  Ob die Welt allerdings noch so lange warten kann …

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