Greenpeace & Flughafen Wien

Der Kampf um die Kurzstrecke

Laut einem Greenpeace-Report könnten rund 80 % der österreichischen Kurzstreckenflüge durch Bahnreisen ersetzt werden. Eine aktuelle Eurocontrol-Studie steht laut Flughafen Wien in völligem Gegensatz zu diesem Ergebnis. 

Ein am Mittwoch veröffentlichter Greenpeace-Report stellt Kurzstreckenverbindungen abermals in Kritik. Rund 80 % der österreichischen Kurzstreckenflüge seien demnach durch Bahnreisen ersetzbar. "Ein absoluter Spitzenwert in Europa", hieß es in einer Aussendung. Die NGO forderte deshalb ein Verbot der leicht ersetzbaren Flüge. 

Nicht wenig später widerspricht der Flughafen Wien den im Report präsentierten Zahlen. Eine aktuelle Eurocontrol-Studie stehe im völligen Gegensatz zu den Ergebnissen. 

Greenpeace für Verbot der Kurzstrecke

In dem vom italienischen Institut OBC-Transeuropa erstellten Report wurden die Top-150 Kurzstreckenflüge in der EU sowie die Top-250 Flüge in Europa analysiert. Zusätzlich wurden auch die 30 wichtigsten österreichischen Flüge betrachtet. Ausgeklammert wurden lediglich Flüge zu Inseln, die mit der Bahn nicht erreicht werden können.

Für rund 30 % aller untersuchten Kurzstreckenflüge gibt es demnach Zugverbindungen unter sechs Stunden, für weitere 15 % gibt es direkte Nachtzugverbindungen. In Österreich gibt es für 53 % aller Top-30-Kurzstreckenflüge innerhalb der EU direkte Nachtzugverbindungen – ein absoluter Spitzenwert in Europa. Inklusive einigen schnellen Tagzügen und Nachtzügen mit einmaligem Umsteigen gibt es sogar für 80 % aller österreichischen Kurzstreckenflüge eine gute Bahnalternative.

Von den meistgenutzten Flugstrecken europaweit gibt es bei zehn Prozent einen Zug unter vier Stunden und bei weiteren 19 % einen unter sechs Stunden. "Zusammen mit den direkten Nachtzügen könnte in Europa also bereits jetzt bei fast der Hälfte aller Kurzstrecken gemütlich auf die Bahn umgestiegen werden", analysierte Greenpeace-Verkehrssprecher Herwig Schuster.

Greenpeace fordert weiters ein europaweites Verbot von Kurzstreckenflügen, wenn es eine Zugverbindung unter sechs Stunden gibt. Dem entsprechen alle Inlandsflüge sowie die Verbindungen von Wien nach Prag, Budapest und München aufgrund der schnellen Tagzüge. Darüber hinaus fordert Greenpeace die Einstellung von Verbindungen mit sehr guten Nachtzugverbindungen, darunter Wien nach Warschau, Berlin, Düsseldorf, Zürich, Venedig, Hamburg und Frankfurt. Flüge nach Frankfurt sollten auch ab Linz und Salzburg der Vergangenheit angehören.

"Ein Ersatz aller Top-250-Kurzstreckenflüge in Europa durch Züge würde eine jährliche CO2-Einsparung von rund 23,5 Mio. Tonnen pro Jahr bringen. Das entspricht den jährlichen CO2-Emissionen von ganz Kroatien", sagte Schuster. Für einen Komplettausstieg aus Kurzstreckenflügen in Europa forderte Greenpeace allerdings Verbesserungen bei der Bahn. "Die Bahn muss im Vergleich zum Flugzeug deutlich billiger gemacht werden", sagte Schuster. Vor allem in Ost- und Südosteuropa müssten die Züge deutlich schneller und öfter fahren.

Flughafen Wien betont Wichtigkeit der Kurzstrecke

Der Flughafen Wien reagierte schnell und bezeichnete die Aussendung der NGO als "plumpe Propaganda". Vielfach würde es noch an einem leistungsfähigen Bahnanschluss fehlen, wodurch die Kurzstrecke nicht zu ersetzen sei. Der "dafür notwendige Bahnausbau wird nicht nur Jahrzehnte dauern, sondern auch gewaltige Milliardenbeträge verschlingen", heißt es in der Aussendung. 

Den Großteil der Kurzstreckenflüge würden zudem Zubringerflüge für Mittel- und Langstreckenverbindungen ausmachen. Passagiere auf Flügen von Wien nach München, Frankfurt, Zürich oder anderen Drehkreuzen steigen dort auf Weiterflüge, meistens interkontinentale Langstreckenflüge, um. Auf der Flugverbindung Wien-München liegt der Transferanteil bei 80 %. Laut Flughafen Wien bestehe keine akzeptable Bahnverbindung nach München, der Flughafen München sei zudem nur mittels Schnellbahn über den Münchner Hauptbahnhof erreichbar. Der Großteil der Nachtzüge würde bei den meisten Destinationen zu ungünstigen Zeiten ankommen, was eine Weiterreise mit möglicherweise abermaligem Hotelaufenthalt nur weiter verlängern würde. 

Zudem sieht der Flughafen Wien einen massiven wirtschaftlichen Schaden für Ostösterreich in der Forderung eines Verbotes der Kurzstrecke. Für Austrian Airlines und Lufthansa ist Wien ein wichtiges Drehkreuz. Mehr als 70 % der Passagiere eines AUA-Kurzstreckenfluges (bis zu 400 km) steigen in Wien um, die Langstrecke wird zu 55 % von Umsteigepassagieren genutzt, bei Osteuropa-Verbindungen zu 65 %. 

Laut den Vorhersagen des Flughafen Wien würden Reisende auf der Mittel- oder Langstrecke bei einem Verbot der Kurzstrecke "entweder ins Auto oder in ein anderes Flugzeug nach Frankfurt oder München" steigen, "aber mit Sicherheit nicht in die Bahn". 

Die Forderung von Greenpeace, die Züge in Ost- und Südosteuropa deutlich schneller und öfter zu bedienen, sieht der Flughafen Wien als "realitätsfern". "Ein Ausbau der Bahninfrastruktur läuft hier, wie auch in die östlichen Nachbarländer Österreichs, bereits seit Jahrzehnten, eine Fertigstellung liegt in weiter Ferne." 

Einer generellen Ergänzung der Flugangebote durch die Bahn stehe man allerdings nicht im Wege. Bestes Beispiel dafür sei die Bahnanbindung Linz-Wien (1h 41 min zum Flughafen). Einen ähnlichen Bahnausbau in Richtung Osten fordere man bereits seit vielen Jahren, wie es in der Aussendung heißt. Zudem sehe man die Zukunft klimafreundlichen Fliegens in der Förderung und großflächigen Markteinführung bzw. Beimengungspflichten von CO2-neutralen alternativen Treibstoffen. 

Ministerium gegen Verbote

Der zuständige Staatssekretär im Verkehrsministerium, Magnus Brunner (ÖVP), sprach sich laut orf.at umgehend gegen ein Verbot aus. „Der Klimaziele sollen nicht mit Verboten erreicht werden. Wir setzen auf Anreize und Innovation. Daher bin ich gegen das Verbot von Kurzstreckenflügen“, so Brunner.

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