ÖVT

Offener Brief ...

In einem offenen Brief an Bundeskanzler Kern, das Finanz- und Wirtschaftministerium, an Präsident Leitl von der WKO und den Fachverband macht ein ÖVT-Mitglied seinem Unmut Luft.  Sehr geehrte Damen und Herren,  ich schreibe Ihnen als Mitglied des ÖVT (Berufsverband für mittelständische Reiseunternehmen) und als Geschäftsführer eines kleinen Ein-Mann-Reisebüros mit eingetragener Reiseveranstalternummer, der seit mehr als zehn Jahren qualitativ hochwertige, maßgeschneiderte Reisen seiner Kunden zusammenstellt. Dies geschieht einerseits über kleine, spezialisierte Reiseveranstalter in Österreich, sowie auch zunehmend über lokale Partner in den jeweiligen Ländern. Ich zitiere zunächst einen Artikel auf orf.at: „Mit dem Deregulierungsgesetz 2017 wird für Unternehmen und Bürger weniger Bürokratie versprochen.“ Gleich der §1 Abs. 1 des Deregulierungsgrundsätzegesetz lautet: „Anlässlich der geplanten Erlassung von Bundesgesetzen ist zu prüfen, ob die zu erlassenden Bestimmungen notwendig und zeitgemäß sind und ob die angestrebten Wirkungen nicht auch auf andere Weise erreicht werden könnten.“ Einem Blog von Hans Peter Lehofer habe ich folgende Deutung entnommen: „Der Sache nach §1 Abs. 1 Deregulierungsgrundsätzegesetz ist daher, wenn es beschlossen wird, eher ein skurriler – und unverbindlicher – Appell des Parlaments an sich selbst, keine unnötigen Gesetze zu beschließen.“  So weit, so gut. Jetzt gibt es gleich drei neue Regelungen, die mich als Reisebüro betreffen, die für mich selbst, objektiv betrachtet, unlogischer nicht sein können:  1. Registrierkasse: Schwarz-Geld existiert im Reisebüro-Gewerbe nicht. Wir haben Margen von durchschnittlich zehn Prozent. Ich kann kein Flugticket schwarz ein- und weiterverkaufen, bzw. meine Marge schwarz kassieren. Daher ist schon die Idee der Registrierkasse in der Reisebranche komplett am Thema vorbei. Zusätzlich habe ich keine Bar-Umsätze, schon gar nicht 7.000 oder 15.000 Euro im Jahr. Da aber die Kreditkartenzahlungen unter Barumsätze fallen, bin ich ebenfalls registrierkassenpflichtig. Hier stellt sich mir die Frage, wie ich Hobex (Zahlungssystemanbieter) sagen kann, dass sie den einen Betrag auf mein Firmenkonto und den nächsten Betrag auf mein privates Konto überweisen sollen. Das ist fernab jeglicher Realität. Wenn die Kreditkartenfirmen an der Nase genommen wären, dass sie einem Terminal nur eine Bankverbindung zuschreiben dürfen oder einfach fortlaufende Nummern vergeben müssen, wäre das Problem erst gar nicht aufgekommen. So musste ich mein Rechnungslegungsprogramm teuer aufrüsten, sodass es allen gesetzlichen Voraussetzungen entspricht.  2. Versicherungsgesetz: Reisebüros dürfen keine Polizzen von mehr als 500 Euro verkaufen. Uns wurde gesagt wir müssten dankbar sein, dass wir überhaupt noch Reiseversicherungen verkaufen können, da die (böse) EU eigentlich vorgesehen hätte, dass nur mehr Versicherungsmakler diese verkaufen dürfen. Das hätte zur Folge gehabt, dass kaum ein Kunde mehr eine Reiseversicherung abgeschlossen hätte. Jetzt ist es so, dass ich die Versicherung vorbereite, an meinen Reiseversicherungsanbieter schicke, dieser zwei Tage dafür benötigt ein standardisiertes E-Mail an den Kunden weiterzuleiten, um direkt vom Kunden den Betrag abzubuchen und mir im Nachhinein meine Provision für den "Tipp“ zukommen lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies nur von geprüften Versicherungsmaklern vorgenommen wird, aber selbst wenn, was hat das überhaupt für einen Sinn? Durch diese Regelung findet weniger Beratung statt, als der Kunde bei mir im Büro bisher erhalten hat. Aber immerhin, dem Gesetz ist genüge getan.  3. Pauschalreisen: Reisebüros dürfen in Zukunft Reisebausteine nur mehr auf getrennten Rechnungen und getrennten Zahlungsvorgängen verkaufen. Falls aber ein Kunde zwei Rechnungen auf einmal überweisen sollte, wären wir schon wieder im Grau-Bereich zur Veranstalterleistung. Ich habe mir sagen lassen, dass England treibende Kraft dieser Regulierung gewesen sei, mit der Unterstützung von Deutschland. England ist weg und Deutschland hat sich diverse Zuckerl ausverhandelt und darf auch in Zukunft Reisebausteine auf nur einer Rechnung verkaufen. Die WKO, die als alleiniger Vertreter der Reisebürobranche verhandelt hat, meint nur, dass sie sich gegenüber Konsumentenschützern und der SPÖ nicht durchsetzen konnte, weil sie nichts schriftliches aus Deutschland vorliegen hatte.  Soviel zu den neuen Gesetzen, die allesamt weit am Ziel vorbei beschlossen wurden. Wie verhält es sich aber in der gelebten Praxis. Ein klassisches Reisebüro verkauft hauptsächlich Reiseveranstalterleistungen der großen (hauptsächlich deutschen) Reiseveranstalter. Kleinere Reiseveranstalter haben in Österreich kaum Überlebenschancen, da sie einerseits gegenüber ihren Deutschen Kollegen stark benachteiligt werden und andererseits gar nicht die Möglichkeit haben, ordnungsgemäß zu arbeiten. Es ist schon bezeichnend, wenn der Präsident des ÖRV, des größten Österreichischen Reiseverbandes, gleichzeitig Geschäftsführer eines deutschen Unternehmens – der TUI – ist. Jetzt bin ich der Meinung, dass die klassische Pauschalreise, sowie diverse Einzelleistungen über kurz oder lang immer weiter zurückgedrängt bzw. vermehrt im Internet gebucht werden. Die großen Veranstalter versuchen seit Jahren den Direktkunden zu erreichen und so die Reisebüros auszuhebeln. Das ist auch ihr gutes Recht. Gleichzeitig werden Pakete und Einzelleistungen im Internet immer leichter vergleichbar angeboten (vermehrt auch von den Veranstaltern selbst) und der Endkonsument glaubt, zumindest hierfür keine Beratung von Reisebüros mehr zu benötigen. Das dem nicht so ist, liegt zwar auf der Hand, jedoch sehe ich kaum mehr eine Zukunft für Reisebüros im klassischen Kataloggeschäft. Es werden sicherlich nicht alle Reisebüros zusperren, jedoch die Anzahl der klassischen (Katalog-)Reisebüros wird aller Voraussicht nach stark zurückgehen.  Wie kann man nun entgegensteuern? Durch professionelle Beratung sowie mit Reisen, die das Internet eben nicht zu bieten hat. Hierfür gibt es die Möglichkeit, entweder mit kleinen, spezialisierten Reiseveranstaltern in Österreich oder mit lokalen DMCs (Destination Management Companies) in den jeweiligen Ländern zusammenzuarbeiten. Die Zukunft der österreichischen Reisebüros? Leider nein, da der Gesetzgeber bei Regulierungen und Vorschriften immer nur die klassische Pauschalreise vor Augen hat und nicht sieht, dass er dadurch schon seit Jahrzehnten ein interessantes, innovatives Reisebürogewerbe zunichte macht. Ich nenne mal ein Beispiel um dies zu verdeutlichen: Ich buche für Kunden eine Kanada-Reise über einen meiner lokalen Partner. Ich habe dadurch Zugriff auf Leistungen, die bei keinem Reiseveranstalter, auch nicht im Internet, zu finden sind. Natürlich benötigen die Kunden Flüge und einige (extra) Leistungen vor Ort, weshalb ich als Reiseveranstalter auftreten muss. Um einigermaßen mit Internetraten mithalten zu können, muss ich Flüge sofort bei Buchung bezahlen und mein Partner verlangt 50 % Anzahlung bei Buchung, sowie die restliche Zahlung 60 Tage vor Reiseantritt. Somit habe ich 60 Tage vor Reiseantritt schon die komplette Reise gezahlt, darf aber von meinen Kunden nur zehn Prozent des Reisepreises bis 20 Tage vor Reiseantritt verlangen … Und das, obwohl sie ihre Tickets, Voucher, Programme usw. auch schon zum Buchungszeitpunkt hätten haben können.  Ich bin viel auf internationalen Messen und Veranstaltungen unterwegs. Bei meinen Gesprächen mit Kollegen aus der Schweiz, Schweden, Frankreich, England, Spanien und auch aus Deutschland wurde mir mitgeteilt, dass wir in Österreich scheinbar die einzigen sind, die diese praxisferne Regelung haben. Selbst in Deutschland kann eine höhere Anzahlung verlangt werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Reisebüro selbst schon Zahlungen vornehmen musste. Es gibt keine, wirklich keine, logische Erklärung dafür, denn auch das Insolvenzrisiko besteht nicht, wenn die Leistungen schon beglichen wurden. Hier unterstelle ich einem ÖRV und einer WKO nur im Sinne der großen (vorwiegend deutschen) Reiseveranstalter zu handeln, um eine mögliche Konkurrenz im Keim zu ersticken. Eine TUI hat die Kaufkraft, ihren Partnern den Zahlungszeitpunkt vorzugeben. Selbst auf meine Anfrage beim Ministerium, weshalb ich nicht z. B. einen Linienflug gleich verrechnen darf, wenn ich ihn ebenfalls schon zahlen musste, wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass die Reisebranche eben bessere Zahlungsvereinbarungen mit den Fluglinien treffen müsse. Kleinere Reiseveranstalter oder Reisebüros haben diese Möglichkeit nicht und ein Ein-Mann-Unternehmen kann auch nicht alle Reisen seiner Kunden über Monate hinweg vorzufinanzieren. Hinzu kommen verpflichtende Insolvenz- und Haftpflichtversicherungen, um unsere Kunden bestmöglich gegen uns selbst abzusichern. Einerseits wollen scheinbar unsere Konsumentenschützer, dass Reisebüros vermehrt (rechtlich) als Reiseveranstalter auftreten sollen, damit man sie verklagen kann, wenn einem z. B. ein Sonnenschirm am Strand in Ägypten auf den Kopf fällt oder weil das Reisebüro ihnen gesagt hätte, man kann diverse Sportaktivitäten (wie z. B. Reiten oder Tauchen) vor Ort buchen und man dann genau diese Leistungen einklagt, obwohl man sie gar nicht im Reisebüro gebucht hat. Andererseits verhindern sie genau das, indem sie Reiseveranstaltergesetze beschließen, die von kleinen Veranstaltern bzw. Reisebüros gar nicht umsetzbar sind. Dem gegenüber stehen dann auch noch Internetbuchungen, wie z. B. Expedia oder Hotels.com mit Sitz in den USA, oder andere OTAs (Online Travel Agencies), die von dem Ganzen nicht betroffen sind. Ein Internetkunde hinterfragt nicht, wenn er für jede einzelne Leistung eine eigene Rechnung erhält und diese auch sogleich zu zahlen hat, oder dass er eine Firma in den USA bzw. auf einer Karibischen Insel verklagen kann, wenn etwas nicht funktionieren sollte.  Zusammenfassend möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es unter den gegebenen Umständen unmöglich ist, neue Reisebürokonzepte aufzubauen sowie auch nur ansatzweise im internationalen Tourismus anzukommen. Der weltweite Trend zur Buchung bei kleinen Spezialisten und/oder lokalen Agenturen, wird durch die marktbeherrschenden Big-Player hierzulande verhindert. Diese haben nicht nur die österreichischen Reisebüros unter ihrer Kontrolle, sondern auch den Gesetzgeber, sowie unsere Standesvertretung. Ich werde also weiterhin die Reisen meiner Kunden vorfinanzieren müssen, unnötigerweise für eine Insolvenzversicherung zahlen (da die Reisen sowieso schon Monate davor von mir bezahlt wurden), eine weit überteuerte Haftpflichtversicherung aufgrund des extrem hohen Haftungsrisikos abschließen bzw. verlängern, eine Reiseveranstaltersicherungsverordungsfolgemeldung jedes Jahr ausfüllen, wo ich angeben muss an welchem Tag, welcher Kunde im darauffolgenden Jahr bei mir buchen wird, die Reiseversicherung an die Versicherungsgesellschaft weiterschicken, sodass diese eine standardisierte Beratung für mich übernimmt, sowie noch extra Kreditkartenbelege über meine Registrierkasse ausdrucken, zusätzlich zu den sowieso schon vorhandenen Belegen aus dem Terminal.  Deregulierung? Entbürokratisierung? Entfesselung der Wirtschaft? Leider nicht im Reisebürogewerbe!  Mit freundlichen Grüßen,  ein leid-geplagtes Reisebüro
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