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Glacier Express

90-jähriges Jubiläum gefeiert

„Too big to fail“ – diesen Krisenspruch bezieht Verwaltungsratspräsident Isidor Baumann auf den Glacier Express. Der bekannteste Schweizer Zug sei einfach zu wichtig für den Schweizer Tourismus und überlebte in seiner nun 90-jährigen Geschichte zahlreiche Krisen wie den zweiten Weltkrieg oder die Finanz- und dann die Euroturbulenzen. Der Lockdown verhinderte zunächst eine große Feier im Frühling. Seit Juli verkehren zwei der vier regulären Sommer-Kurspaare und daher war es an der Zeit, das runde Jubiläum in St. Moritz und Zermatt mit einem authentischen Festakt und einer Jubiläumsfahrt in der ersten komplett renovierten Glacier-Komposition nachzuholen.

 

Mit fast 258.000 Passagieren wurde annähernd die Rekordmarke von 2008 erreicht. Das nun wieder anziehende Interesse stimmt Glacier Express-Direktorin Annemarie Meyer zwar vorsichtig optimistisch, doch zwischen steigenden Reservierungen und den zum Zeitpunkt X effektiv realisierten Buchungen bestehe noch ein großes Fragezeichen.

Bis letztes Jahr war der Glacier Express in der neuen Ära als eigenständige Firma sehr gut unterwegs. „So gut, dass sich die Eignerbahnen aufs aktive Elternsein zurückziehen konnten. In der aktuellen Situation braucht es wieder mehr Engagement von der MGBahn und von uns“, wie Renato Fasciati, Direktor der Rhätischen Bahn, anmerkt.

Urgesteine plaudern aus dem Nähkästchen                     

Die beiden langjährigen ehemaligen Kurdirektoren und Schweizer Tourismuspromotoren Hanspeter Daruser von St. Moritz und Amadé Perrig von Zermatt gaben den Gästen eine Kostprobe mit Alphorn und Jodeln und brachten weitgehend unbekannte Geschichten aus ihrem reichen Anekdotenfundus. 

Danuser griff Anfang der Achtziger Jahre einen Anstoß von Helmut Klee, dem langjährigen Leiter der damaligen Schweizer Verkehrszentrale in New York, auf. Er sah bei den Amerikanern noch ein enormes Potenzial, weil sie in die Alpen reisen wollten und die Eröffnung des Furkatunnels 1982 erschien ihm die ideale Gelegenheit. Erstmals wurde in der Schweiz eine Sitzplatzreservierung (per Telex) eingeführt. Es galt aber die skeptischen Direktoren der damals drei Betreiberbahnen zu überzeugen: „Als solide Ingenieure können wir doch nicht einen Glacier Express neu lancieren, bei dem der Passagier den Rhone-Gletscher gar nicht mehr sieht!“ Im Gegensatz zu Eisenbahnern nehmen es Kurdirektoren mit der Geografie nicht so genau - die eindrückliche Passagierzunahme gibt ihnen sowieso Recht.

Wie Danuser gesteht, half der Glacier Express aber auch seiner Kurort-Promotion: „St. Moritz galt überall als extravagant und teuer, die Schweiz als solide, aber langweilig. Mit dem ‚Glacier‘ weckte ich Sympathie und Goodwill. ‚Slow Travel and Slow Food‘ – acht Stunden entschleunigende ‚Panorama Time‘, und erst noch für ein Schnäppchen im Vergleich zu internationalen Eisenbahn-Klassikern.“

Fast unglaublich die Episode, aufgrund der es Amadé Perrig gelang, die schlechter frequentierte West-Ost-Belegung an die umgekehrte Fahrtrichtung anzugleichen. „Bei einem Golfturnier in den Neunziger Jahren trifft mich ein Gewaltsabschlag am Magen. Der besorgte President des Japan Travel Bureau eilt herbei und fragt: ‚What can I do for you?’” Worauf Perrig schlagfertig sagt: „‚Oh, I don‘t need a doctor but your help – you must bring me more tourists travelling in the direction from Zermatt to St. Moritz.’ Und als höflicher Japaner konnte er diese Bitte nicht ausschlagen.“

Buchstäblich ein Knaller war laut Perrig ein paar Jahre später auch der Messeauftritt an der wichtigsten deutschen Busmesse RDA in Köln: „Erstmals wird ein Computer für direkte Buchungen angeschleppt. Leider ist die Verkabelung nicht einwandfrei – der Stand gerät in Brand doch die Reservierungen hatten wir glücklicherweise auch noch auf Papier.“ Der Glacier Express war damit Messegespräch und bekam ungewollte Propaganda.

Wie kam der Glacier Express zu seinen Farben?                           

MGBahn-Direktor Fernando Lehner berichtet aus der Glacier-Neuzeit. „Als es 2004 um die Bestimmung des Rot-Tons der neuen Panoramawagen geht, wird nicht das traditionelle Rhätische Bahn-Rot oder das Rot der kurz zuvor fusionierten und neu livrierten MGBahn gewählt, sondern eine Mischung der beiden Farbtöne als Kompromiss“. Und wie der lichte Blauton zustande kommt? Die Rollmaterial- und Marketingchefs treffen sich im Schweizerhof am Zürcher Bahnhofplatz, stellen fünf große Farbtafeln vors Hotel und entscheiden dann unter Einfluss der Publikumswirkung.

Weitere Informationen unter www.glacierexpress.ch 

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