Freiflug

Super-nackt

Nun ist es also passiert, alle Hemmungen sind gefallen, also eigentlich nur die Haare. Mein Bart ist ab, jetzt kann ich mehr Gesicht unter der FFP2-Maske verstecken. Das wird der Gesichtserkennungs-Software großes Kopfzerbrechen bereiten. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Einmal mehr, einmal weniger. Damit meine ich jetzt nicht die Hoffnung, wann wir denn nun die Pandemie hinter uns gelassen haben werden – wir sollten besser der Realität ins Auge blicken und uns darauf einstellen, mit Corona zu leben – sondern die Länge meiner Gesichtsbehaarung. Der Vollbart ist mir in den letzten Jahren ein treuer Begleiter gewesen, der mich im Winter vor Gesichtserfrierungen unbestimmten Grades schützte und im Sommer vor sonnengeröteten Backerln bewahrte.

Da nun der Halbzwang zur Bartrasur von Experten und solchen, die schon immer welche sein wollten, aber bisher nie gefragt wurden, ausgesprochen wurde, trat auch bei mir das Beste im Mann zum Vorschein. Denn Maskenpflicht, Bart und FFP2-Masken vertragen sich nicht. Wenn die optische Maulsperre so richtig sitzen und damit gegen die derzeit bekannten Virusmutationen einen selbst und andere schützen soll, braucht es Babypopohaut statt zähes Männerleder. Ja, sogar Stoppeln sind gefährlich. Wer hätte das je gedacht? Dagegen hilft keine schäumende Wut, sondern nur Schaum vorm Mund. Waxing ist übrigens kein Thema, zumindest und schon gar nicht im Gesicht. Ebenso wenig wie für mich persönlich abenteuerliche Bartmoden wie Kaiser-Wilhelm-Bart und Co.

Und tatsächlich. Die Maske passt, beim Einatmen zieht sie sich zusammen und beim Ausatmen dehnt sie sich wieder aus. Die Brille beschlägt weniger stark und ich kann endlich ganz deutlich erkennen, ob ich eh genau zwei Meter Abstand zu allen anderen halte. Und irgendwie fühlt man sich gleich wohler, weil man etwas für die eigene Gesundheit tut. Schließlich sterben wir Männer statistisch früher als Frauen, gehen weniger gesund in Pension, erkranken öfter an Krebs, sind selbstmordgefährdeter und nicht zuletzt ist die Covid-Sterberate höher. Zumal Bärten ja generell der Vorwurf anhaftet, wahre Schmutzfänger zu sein. Vielleicht, aber nur, wenn die Pflegemoral schludrig ist. Der wohl berühmteste Bartträger und Langhaarliebhaber der Geschichte, zumindest in der katholischen Erzählweise, braucht sich keine Sorgen machen. Der „Oberammergauer Jesus darf seinen Bart behalten“, schrieb die Kronen Zeitung über die Passionsspiele vor Ort und setzte in roter Schrift nach: „keine Option“. Beim Barterlass gibt man sich in dieser so wichtigen Frage also kulant. In Bayern hat man keinen Humor in religiösen Fragen, nicht einmal während Corona.

„What would Jesus do?“ – oder W. W. J. D. – fragt man sich oftmals in Amerika. Das ist ein Slogan einer konservativen Bewegung, bei der sich jene, die mitmachen, bei allem was sie so tun, fragen, wie Gottes Sohn in dieser Situation handeln oder denken würde. Für viele lautet die Antwort leider zu oft ja zur halbautomatischen Waffe und nein zur Hilfe gegenüber jenen, die sie brauchen. Dabei wäre es so einfach: Wenn mehr über den eigenen, engen Tellerrand blicken, geht’s mit der Rückkehr zur zumindest halben Normalität schneller. Und die braucht’s, damit das Reisefieber das Coronavirus ablöst.

Wer sich dann seinen Bart noch nicht nachwachsen hat lassen, diesen aber schmerzlich vermisst, dem seien folgende Reisetipps ans Herz gelegt: Barth zum Beispiel, eine Kleinstadt und ein Erholungsort in Mecklenburg-Vorpommern und Veranstaltungsort des Barther Metal Open Air (BMOA). Oder wie wär’s mit Bart in der Region Bourgogne-Franche-Comté? Zugegeben, die Sehenswürdigkeiten sind mit dem kombinierten Bau aus lutherischer Kirche und Schule eher mager, aber Basel als Ausflugsziel ist nicht weit. Wer lange Flugreisen liebt, wird sich auf Beard freuen, einen Vorort von Canberra. Der ist benannt nach dem ehemaligen Sträfling Timothy Beard, dem ersten aufgezeichneten europäischen Siedler in der Region. Sonne und australische Geschichte, was will man mehr! Für einen Kurztrip bietet sich hingegen Sankt BARTholomä westlich von Graz an. Die Steiermark geht schließlich immer – und man entgeht den Diskussionen mit den Zollwächtern, weil die Gesichtserkennungssoftware am Airport einen glattrasiert nicht erkennt. Wobei, solche Probleme will man haben.

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