Freiflug

Sorgenfasten

Gleich nach den Silvestervorsätzen stehen die Fastenpläne auf dem Programm, unterbrochen nur vom Faschingswahnsinn, dem heuer von der irren Normalität der Rang abgelaufen wurde. Ich plädiere jedenfalls für eine Entschlackung des Geistes – zumindest bis Ostern. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Sind Sie müde? Ich bin müde. Vielleicht ist es nur der nahende Frühling, der uns als Warnung vor Pollenflug und viel zu kurzen Röcken und Hosen nochmals eine Durchschnaufpause nahelegt. Möglicherweise hat der anhaltende Erschöpfungszustand mit falscher Ernährung zu tun, denn nicht jedem wohlbekommt ein saftiges Biberragout, wie vom Kollegen Zwerger in seinem Kommentar für die Fastenzeit vorgeschlagen. 

Oder war es der Leberkäse-Krapfen vom Billa (Mit Krapfen! Mit Staubzucker! Mit Leberkäse!), der am Aschermittwoch um wohlfeile 2,50 erwerbbar war? Ebenso wie ein Schnitzel-Krapfen. Den Hinweis „Gültig solange der Vorrat reicht“ scheint unnötig, denn wer bitte kauft sich so was? Paul Bocuse dreht sich im Grab bis zur Lichtgeschwindigkeit. Zumindest die Angabe „Nur für kurze Zeit“ bot Trost in dieser traurigen Angelegenheit. Der Mensch ist ein Allesesser, aber das ist eine Option und keine Pflicht; oder gar eine Herausforderung nach dem Motto „halt mal mein Bier“. Das sei allen Fledermausfleischconnoisseuren der Welt ins Stammbuch geschrieben. Gegen schlechten Geschmack hat die EU keine einzige Impfdosis bestellt, nicht einmal zu wenige. 

Schlechter Geschmack macht müde. Eine entscheidende Rolle spielen außerdem die Hormone Melatonin und Serotonin, genauer gesagt deren Ungleichgewicht. Ganz kurz zusammengefasst: Der eine Botenstoff verhilft unter anderem zu gutem Schlaf, der andere steigert die Stimmung – beides zusammen zur glücklichen Schnarchreise. Glück und sorgenfreien Schlaf gibt es seit einem Jahr nur mehr selten. Der körperlichen Bedrohung durch Corona ist sich jeder bewusst, die psychischen Folgen unterschätzt man leicht. Sorgen über das Wohlbefinden seiner Lieben und von einem selbst, graue Gedanken über die wirtschaftliche Zukunft, der eigenen oder die seiner Mitarbeiter, Mutlosigkeit und Perspektivmangel machen etwas mit einem. Psychische Folgen treffen alle, auch die Gesunden. Der Mensch wächst an Herausforderungen: Stimmt, aber nur zum Teil und nicht immer und nicht jeder. Wir züchten uns als Gesellschaft ein Unkrautfeld an Angstzuständen, deren Wurzeln nur schwer wieder auszurupfen sind. 

Sie kennen sicher Internet-Herausforderungen, von der Fire Challenge (ein Körperteil mit einer brennbaren Flüssigkeit einreiben und diese dann entzünden) über die Cinnamon Challenge (einen Löffel voll Zimtpulver ohne Huster verschlucken) bis zur Ice Cream Challenge (im Supermarkt einen Speiseeiskübel öffnen, das Eis abschlecken und das dann wieder zurück ins Tiefkühlfach). Viele davon lassen am gesunden Menschenverstand zweifeln, manche jedoch haben einen Sinn. Wenn etwa zum Müllsammeln aufgerufen wird oder die Bewusstseinsbildung für Krankheiten wie ALS im Mittelpunkt steht. Ich plädiere für eine neue Challenge, vielleicht sogar ohne die öffentliche Zurschaustellung. Die Aufgabe lautet, sich selbst etwas Gutes zu tun und einmal täglich die Sorgen eine Zigarettenpause machen lassen.

Was könnte das sein? Ein langaufgeschobener Spaziergang mit einer selten gesehenen Freundin, den man schon so lange geplant hatte. Ein schmackhaftes Menü bestellen von diesem einen spannenden Restaurant, das man schon vor Corona längst besuchen wollte. Mit einem neuen Hobby beginnen, vielleicht ein Tischdeckchen häkeln. Das Musikinstrument, das man als Kind lernen musste, wieder hervorholen und überraschend neue Freude daran entwickeln. Eine sonnige Reise für den Sommerurlaub planen. Etwas an einer Ernährungsgewohnheit ändern, von der man weiß, dass sie einem nicht guttut. Für das erholsame Vollbad sich feine Öle und eine lustige Quietscheente kaufen ... Was auch immer es ist, eine tägliche kurze Auszeit lässt die Sorgen nicht verschwinden, aber für einen Moment vergessen. 

Wir sitzen nicht alle im gleichen Boot, aber wir stecken alle im selben Sturm. Manche haben Kanus, andere besitzen Jachten und viele halten sich an Treibgut fest und strampeln, um nicht zu ertrinken. Seien Sie gut zu anderen und – nicht vergessen – auch zu sich selbst.

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