Freiflug

Frühlingsgefühle

L‘Amour in Zeiten von Corona – das ist kompliziert. Für Pärchen, die plötzlich viel zu viel Zeit füreinander haben, aber vor allem für Singles, die niemanden finden, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Nicht zuletzt deshalb brauchen wir wieder mehr Freiheit. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer. 

Es herrscht die große Schmuseflaute. Zumindest bei einem guten Freund von mir ist die Suche nach zwischenmenschlichen Kontakten nun gerade eine komplizierte mathematische Formel mit einem großen Fragezeichen an ihrem Ende. Nach seiner Scheidung vor einem Jahr – eine der friedlichsten und respektvollsten die ich je beobachten musste – frisch am Markt, hat er mehrere Probleme. Ausgeh-Abende, um der holden Weiblichkeit in freier Wildbahn Auge in Auge zu blicken, fallen nicht nur ins Wasser, sie sind regelrecht ersoffen. Zudem hat sein Arbeitgeber eine strikte Homeoffice-Regelung eingeführt, die ihn zum überwiegenden Teil in die eigenen vier Wände fesselt. Liebestolle Abenteuer im Büro im Kopiererkammerl – über die liest er höchstens in einem Buch. 

Bei knapp einem Viertel aller Beziehungen hat sich das Pärchen mittlerweile über das Internet kennengelernt. Tinder verzeichnete zuletzt 43 Milliarden Matches seiner Mitglieder, also potenzielle Partner mit grundsätzlichen Interesse, mit denen man anschließend in Kontakt treten kann. Für meinen Freund bedeutet tindern aber Stress, weil gerade weniger gematcht wird und das Spiel schon vorbei ist, bevor es so richtig begonnen hat – denn die allermeisten potenziellen Gspusis halten von analogen Treffen gerade wenig. Vielleicht einmal fades Spazierengehen mit Abstand ist drinnen und oft nicht einmal das. Coronaangst als Anstandsdame.

Und damit bin ich schön langsam dort, wo ich hinwill: Die Pandemie – eigentlich der verzweifelte Kampf gegen sie – ist eine zerstörerische Kraft auf vielen Höhenmetern. Zwar nur ein Nebenschauplatz, aber die Liebe hat’s in diesen Zeiten schwer. Zahllose mögliche glückliche Beziehungen ersticken im Ansatz, weil es statt eines Dinners im romantischen Restaurant nur Fertigkost aus dem Tiefkühlfach auf der heimischen Couch gibt. Traurig trennen sich Paare, weil statt harmonischer Tage im Wellnesshotel zur Lust- und Liebesfestigung die triste Eintönigkeit des engen Alltags die Saat der Konflikte aufgehen lässt. Wer vermisst nicht die prickelnde Freiheit während eines Strandurlaubs, wenn das Fremde – und vielleicht der Fremde – ganz viel Abenteuer verspricht? 

Die Funktion unserer Branchen – Gastronomie, Hotellerie und Tourismus – ist weit vielfältiger als nur die des reinen Erfüllens von Grundbedürfnissen. Sie fördern Kommunikation, verbinden Menschen und Kulturen, befeuern den Austausch von Ideen und Philosophien, heben die Stimmung, lassen Sonne in unser Leben. In einer Partnerschaft sei das miteinander Essen auf Dauer sogar wichtiger als Sex, meinen manche. „Gemeinsam kochen oder ins Restaurant gehen sind unverzichtbare und auch intime Begegnungen“, betonte einmal der Ernährungspsychologe Professor Dr. Volker Pudel von der Universität Göttingen. Die australischen Aborigines verwenden angeblich dasselbe Wort für „essen“ und „miteinander schlafen“. Und ich bin mir sicher, viele intensive Liebesgeschichten sind die Folge eines eng getanzten L'Amour-Hatschers (kennen Sie das Wienerlied von Pluhar, D'Almeida und Marinoff gleichen Namens?) zu später Stunde im verrauchten Stammlokal. 

Falls die Pandemie etwas Positives bewirkt, dann ist es die Erkenntnis, was uns wichtig ist. Essengehen, lieben, reisen sind keine Lebensnotwendigkeit, aber ohne sie herrscht Not. Wenn wir dann wieder dürfen, buchen Sie doch eine Reise – zum Beispiel nach Lõve in Estland – oder planen einen Ausflug nach Fugging (ehemals weltbekannt als Fucking) im Bezirk Braunau. Wenn Sie schon einmal in den USA sind, reservieren Sie sich doch einen Tisch im Restaurant Katz's in New York, wo die legendäre Orgasmus-Szene aus der Filmkomödie „Harry & Sally“ (Zitat: „Ich will genau das, was sie hatte“) spielt. Egal wo, die Hauptsache ist, dass wir endlich wieder leben und lieben. Das wünsche ich nicht nur meinem guten Freund.

t.schweighofer@manstein.at
 

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