Évora-Forum - A World for Travel

Veränderung

Der Wechsel von einem (alten) Zustand in einen anderen (neuen) – Nicht weniger passend trifft der Begriff Veränderung auf das Hier und Jetzt zu, in dem sich Minute für Minute, Woche für Woche so vieles stetig verändert. Wird man auf der einen Seite gezwungen, sich aufgrund einer weltweiten Pandemie an neue Umstände anzupassen, ist auf der anderen Seite ein Wandel und ein Ausbrechen aus alten Mustern dringend notwendig geworden.

Veränderung ist ein fester Bestandteil dieser Welt und die Fähigkeit, sich an neue Verhältnisse anzupassen, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Mensch heute wohlhabender, fortschrittlicher und einflussreicher ist, als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Und doch fühlen wir uns angesichts des raschen Klimawandels überfordert.

Zu einfach scheinen die Lösungsansätze – elektrische Energie statt fossiler Brennstoffe, weniger Fleisch essen und weniger Reisen – und doch ist das Problem, und damit auch die Lösung, um vielfaches komplexer. Denn vielfach werden Bereiche vergessen, die höhere CO2-Emissionen produzieren, und stattdessen Geschäftszweige an den Pranger gestellt, deren Ausstoß gleich oder geringer ausfällt. So wird vielfach übersehen, dass Mülldeponien weltweit so viel CO2 ausschütten, wie der gesamte Flugverkehr (940 Mio. Tonnen CO2) und Heizen einen größeren Emissions-Ausstoß hat, als der fossile Straßenverkehr zusammen (5,4 Mrd. Tonnen CO2 vs. 3,5 Mrd. Tonnen CO2). [Quelle: ourworldindata.org] Führen wir jedoch keine Änderungen herbei und verbleiben in alten Mustern, lässt sich eine globale Erwärmung um 2,7-3,1 °C bis 2050 nicht mehr aufhalten.

Soll heißen: Die Lösung eines Problems führt nicht direkt zu einer Veränderung der gesamten Problematik Klimawandel. Jeder Bereich benötigt seine eigenen Lösungen und nicht jede Lösung ist einfach und unkompliziert, weshalb sich mehr als 350 Delegierte, darunter Minister und Regierungsbeamte, Professoren und Branchenführer sowie 3.000 virtuelle Teilnehmer aus 80 Ländern auf dem Évora Forum - A World for Travel trafen, um genau diese Ansätze für den Tourismus zu diskutieren und die Reisebranche in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen – eine Bewegung, die schon lange auf sich warten lässt. Denn, die Dinge beim Namen zu nennen, aufzuzeigen, wo etwas getan werden kann und mit dem Finger die Schuldigen zu bestimmen, reicht nicht. Die Zeit des Redens ist vorbei, Taten müssen und werden auch folgen, so das Ergebnis des Forums. Demnach wurden fünf konkrete Maßnahmen entwickelt, um die Branche neu zu orientieren und zum Besseren zu verändern.

„Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

„Seinen Beitrag leisten“

Die Last auf die Schultern des Einzelnen abzuladen, ist bereits seit den 2000er Jahren ein beliebtes und gebräuchliches Narrativ, um von den Emissionen der großen Industrien abzulenken. So wurde die mittlerweile fest etablierte Berechnung des persönlichen CO2-Fußabdrucks gerade von BP entwickelt, einer jener Öl- und Gaskonzerne, der für zahlreiche Umweltkatastrophen verantwortlich ist. Denn: Schuld am Klimawandel sind nicht die Konzerne, sondern der einfache Bürger – Stichwort Klima-Shaming – so will man der Bevölkerung weismachen. Die Folge ist nicht selten ein schlechtes Gewissen, wenn das Auto statt des Fahrrads verwendet wird und das Gefühl, machtlos angesichts eines weltweiten Problems zu sein.

Das soll jedoch nicht heißen, dass es nicht sinnvoll ist, sich die eigene Klimawirkung vor Augen zu führen, um dort anzusetzen, wo die Minderung des individuellen CO2-Ausstoßes möglich ist. Er darf aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Klimaschutz auch und in erster Linie – und das zu einem beachtlichen Teil – eine politisch-gesellschaftliche Aufgabe ist. Steuerliche Anreize und öffentliche Investitionen in umweltfreundlichere Pläne müssen langfristig einen freiwilligen Kohlenstoffausgleich ersetzen.

Make sustainability sexy

Zwischen 2005 und 2015 sind die tourismusbedingten CO2-Emissionen um 60 % gestiegen, die Dekarbonisierung schreitet hingegen zu langsam voran, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Die Verantwortung liegt demnach primär bei der Industrie und den Regierungen und nicht beim Gast. Viele Unternehmen und Reiseveranstalter haben sich bereits zu Netto-Null-Zielen bekannt. Die Politik muss nachziehen und ernsthafte Pläne zu einer Reduzierung der Emissionen vorlegen. Weiters ist eine Überarbeitung des gesamten Angebots erforderlich, um etwas zu bewegen. Neben Regulierungen ist es wichtig, das Positive eines nachhaltigen Urlaubs herauszustreichen, damit der Gast die richtige Wahl trifft. Weg von Massentourismus, Jetsetlife und bucketlists, hin zu einem erlebnisreichen Urlaub mit Sinn. Zurück zu den Wurzeln und weg von den bekannten Pfaden soll Tourismus wieder Mehrwert bieten, Gemeinschaften zusammenbringen und es erlauben, sich wieder mit sich selbst und der Natur zu verbinden. Von entscheidender Bedeutung ist, sich auf positive Auswirkungen zu konzentrieren und nicht nur darauf, dem Planeten und der Bevölkerung weniger Schaden zuzufügen.

Lokal denken, global handeln

Dementsprechend sind Investitionen zur Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus entscheidend. Der durchschnittliche Anteil der Investitionen in den Reise- und Tourismussektor am BIP liegt bei 17 % und reicht dabei nicht aus, um den Wandel hin zur Nachhaltigkeit vollziehen zu können. Der Erhalt und Schutz natürlicher Ressourcen und Landschaften sollte dabei oberste Priorität und einen wachsenden, positiven Einfluss auf lokale Gemeinden haben. Kleinen und mittelgroßen Reiseunternehmen sollte bei Investitionen der Vorrang gegeben sowie die Bemühungen erhöht werden, lokale Touristenströme besser zu lenken und die Nebensaisonen vermehrt zu bewerben. Anreize und Best-Practice-Pläne sollen zeigen, wie sich der Tourismus und die Gemeinschaft gegenseitig unterstützen können.

Change of mindset

Aber auch das Image nachhaltiger Reisen muss vermehrt in den Fokus genommen werden. Gerade einmal 17 % der Verbraucher weltweit sehen Nachhaltigkeit als eine der drei wichtigsten Prioritäten bei ihren Reiseentscheidungen an. Hingegen entwickelte sich durch die COVID-19 Pandemie ein Trend, der Inlandsreisen sowie längere Aufenthaltsreisen favorisiert (+ zehn Prozent geg. 2019) und aufzeigt, dass aufgrund der schnelleren Erholung der wohlhabenderen Segmente des Tourismus, auch aktuell mehr ausgegeben wird. Dennoch können viele Destinationen ohne ausländische Gäste nicht überleben – zum Massentourismus vor Corona zurückzukehren ist jedoch keine Alternative. Als neue Art des Reisens werden die Trends bei der jüngeren Generation gesehen. So reisen Millennials langsamer, länger und intensiver und bevorzugen das Rad und den Zug vor dem Auto und Flugzeug. Es wird als umso wichtiger angesehen, etwas zu bewirken und den Urlaub mit einem guten Gefühl in Erinnerung zu behalten.

Keine Zeit mehr

Die Reisebranche kann in ihrer jetzigen Form nicht fortbestehen. Neben sofortigen Änderungen sind Veränderungen unseres Verhaltens notwendig. Wirtschaftsmodelle, die mehr und mehr produzieren, um niedrigere Preise anbieten zu können, dürfen sich nicht mehr durchsetzen. Regierungen müssen aufhören, Industrien mit umweltschädlichem Verhalten wie Öl- und Gaskonzerne zu subventionieren, um Kraftstoffpreise künstlich niedrig zu halten, anstatt Zeit mit der Verbannung von Kleinigkeiten wie Plastikstrohalmen zu verschwenden. Jede Destination ist ein einzigartiger Ort und muss auch dementsprechend behandelt werden. Die Aufgabe besteht darin, die menschlichen Aktivitäten mit denen der Natur in Einklang zu bringen und das Leben in den Mittelpunkt des Tourismus zu stellen. Und auch wenn einzelne Entscheidungen das Problem nicht sofort beseitigen, führen sie doch nach und nach und mit jedem Schritt zu einem systemischen Wandel in unserer Gesellschaft. Die Bewältigung des Klimawandels darf nicht unsere letzte Priorität sein.

Während des Évora-Forums - A World for Travel fanden mehr als 30 Präsentationen, Podiumsdiskussionen und Diskussionsrunden statt. Einen Überblick über die einzelnen Sitzungen finden Interessierte unter www.aworldfortravel.org.

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