Europa

Gemeinsam stark für einen nachhaltigen Tourismus

Konstruktive Antworten auf die derzeitige Krise im Tourismus und Visionen für umwelt- und sozialverträgliches Reisen – darum ging es auf der ersten internationalen Online-Konferenz des noch jungen "European Network for Sustainable Tourism". Gemeinsam mit 40 Tourismusexperten diskutierte man mit europapolitischen Akteuren aus Brüssel und Portugal über Perspektiven und Veränderungen für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus der Zukunft. 

Austragungsort der internationalen Tourismus-Konferenz war die portugiesische Stadt Faro – nicht zuletzt, weil Portugal eine der fortschrittlichsten strategischen Ansätze im Bereich nachhaltiger Tourismus vorzuweisen hat. Im Mittelpunkt der Online-Konferenz stand nun ein erster Erfahrungsaustausch zwischen europäischen Tourismus-Akteuren, um zukünftig Kräfte bündeln und gemeinsam mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus lenken zu können.

In den einleitenden Worten der Organisatoren wurde noch einmal betont, dass es nicht darum gehe, den Massentourismus als solchen oder das Flugzeug als Verkehrsmittel generell zu verteufeln. „Wir wollen gemeinsam intelligente Lösungen finden und neue Ideen aufzeigen, damit sich das Reisen am Ende nicht zu einem Privileg wohlhabender Menschen entwickelt“, betont Prosper Wanner von der Reiseplattform „Les oiseaux de passage“. Petra Thomas vom Verband „forum anders reisen“ möchte deshalb klare Richtlinien sowohl für die Branche als auch für die Reisenden schaffen und setzt sich außerdem für ein allgemein gültiges Label ein, das nachhaltige Angebote erkennbar macht.

Zukunftsfähiger nachhaltiger Tourismus

Teresa Ferreira, Leiterin des portugiesischen Tourismus-Büros stellte den strategischen Ansatz ihres Landes vor, der auch die kleinen lokalen Anbieter mit ins Boot holt. Sie sprach sich eindeutig für ein neues Mindset im Tourismus aus: „Nachhaltigkeit muss das neue Normal werden. Im Mittelpunkt sollten dabei neben der Natur die Menschen stehen: auf der einen Seite die Reisenden selbst, vor allem aber die Menschen, die im Tourismus arbeiten und in den Destinationen leben.“

Im Anschluss wies Cláudia Monteiro de Aguiar, im EU-Parlament für nachhaltige Tourismusstrategien zuständig, jedoch noch einmal auf die Notwendigkeit hin, den Übergang mit ausgewogenen Hilfsprogrammen und Neukonzepten begleitend zu unterstützen, um der Tourismusbranche insgesamt aus der misslichen wirtschaftlichen Lage nach der Pandemie zu helfen.
Auch Blanca Miedes von der Universität Huelva in Spanien sieht die Menschen vor Ort im Zentrum der Erneuerungsbewegung und hinterfragt kritisch: „Wer diskutiert und entscheidet im Moment tatsächlich über wichtige Maßnahmen und die Verteilung der Hilfsleistungen?“. Sie plädiert eindrücklich für eine „local innovation“, damit soziale Standpunkte, aber auch nachhaltige Initiativen der kleinen, oft engagierten Akteure an der Basis mit in den Prozess einbezogen werden.

Bedeutung von Kultur

Wie ein roter Faden zog sich durch viele Rede- und Diskussionsbeiträge nicht nur der Kulturbegriff, sondern auch der Wunsch, ein neues Bild des Tourismus zu entwerfen, indem eine Trennung von „Industrie“ und „Tourismus“ vorgenommen und zukünftig wieder mehr in Richtung „Reise- und Tourismuskultur“ gedacht wird. “Ein solch neues Verständnis würde wieder mehr auf Menschen, Orten, Geschichten, Verbindungen, Authentizität, Identität, Gemeinschaften und Werten basieren“, führt Julia Balatka, Reiseveranstalterin aus Österreich, diese Überlegung weiter aus.

Prägnant formuliert dies auch Joao Ministro von der portugiesischen Reiseagentur „Proactivetur“, der Kultur als zwingend wichtigen Teil in allen strategischen Überlegungen zur Überwindung der Tourismuskrise sieht: „Kultur ist die DNA der Tourismusmotivation für Besucher. Dabei geht es nicht nur um Besucherattraktionen oder um Museen oder Schlösser. Es geht hier auch um die Lebensweise der Einheimischen und deren Ausdruck in der Natur. Und es geht um das Wohlbefinden der Bewohner und die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort“, so Joao Ministro. Denn „local culture is local tourism!“. 

Grüne Mobilität

In ihrem brillant entworfenem Vortrag einer visionären Bahnreise im Nachtzug von Deutschland nach Portugal brachte die Europaabgeordnete der Grünen Anna Deparnay-Grunenberg das im März 2021 europaweit an den Start gegangene „Jahr der Schiene“ in die Diskussion ein. Das ambitionierte Projekt möchte wieder mehr Bewusstsein für den europäischen Zugverkehr schaffen. Gleichzeitig geht es darum, bessere Wettbewerbsbedingungen der Schiene, einen grenzübergreifenden Service und mehr Verbindungen anzuregen. „Die nachhaltige Anreise mit dem Zug unterstützt in Folge auch die lokalen Anbieter vor Ort, zum Beispiel durch den Verleih von umweltfreundlichen E-Bikes am Urlaubsziel, und führt so zu einer Regeneration von Menschen, Natur und Wirtschaft in der Region“, zeigt sich Deparnay-Grunenberg überzeugt.

Genau auf diese Idee eines zukunftsfähigen nachhaltigen Tourismus in den Destinationen setzen die französischen Veranstalter „Les oiseaux de passage“ und „Ekitour“ mit ihrem Katalog für Bahnreisen in Europa. Und auch die italienische Reiseagentur „Sardinia Fair Travel - Ökotourismus Sardinien“ arbeitet bereits nach diesem Konzept und bietet – gemeinsam mit verschiedenen deutschen Veranstaltern – die Anreise nach Sardinien per Zug und Schiff an. 

So geht es nun weiter

Im Dialog mit Vertretern des Europaparlaments wird das Netzwerk die Umsetzung der zuvor in den EU-Bericht eingebrachten Vorschläge zur Schaffung einer EU-Strategie für nachhaltigen Tourismus verfolgen und den Prozess nach Möglichkeit weiter mitgestalten. Ziel ist es, die Verbindungen zwischen Gesetzgebung, Forschung und Unternehmen weiter zu vertiefen. Um noch zielgerichteter arbeiten zu können, strebt das Netzwerk außerdem die Entwicklung von der bisher rein informellen Zusammenarbeit hin zu einer professionellen und formellen Organisationsform an. So wird es  möglich sein, künftig gemeinsam mit Forschungseinrichtungen eine flächendeckende  Datenerhebung und entsprechende Studien voranzutreiben, um Auswirkungen und Erfolge von mehr Nachhaltigkeit im Reiseverkehr messbar zu machen.

Dieser ersten Online-Konferenz des Netzwerks werden weitere Veranstaltungen folgen, um den kontinuierlichen Austausch für einen nachhaltigen Tourismus auf europäischer Ebene zu fördern und gemeinsam auftreten zu können. Bereits geplant ist ein Netzwerk-Treffen Ende September 2021 in Sardinien. Während des italienweit organisierten IT.A.CA-Festivals für einen nachhaltigen Tourismus wird dort ein Tag ganz dem europäischen Netzwerk-Gedanken gewidmet sein. Aktuelle Infos zum Festival und zum Programm in Sardinien: www.itacafestival.net.   

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