Corona an Bord

Warum Kreuzfahrten trotzdem sicher sind

Derzeit gibt es kaum ein Kreuzfahrtschiff, das nicht mit Covid-19-Infizierten an Bord Schlagzeilen macht. Obwohl die Gäste in der Regel symptomfrei sind, müssen Reisen abgebrochen oder abgesagt werden – ein Riesenverlust für Reedereien und Reisebüros.

Ende einer Traumreise: Wegen Corona-Fällen an Bord hat die Amadea ihre Reise in die Karibik abgebrochen und fährt jetzt zurück nach Las Palmas. Ob den Gästen des "ZDF-Traumschiffs" eine Kanaren-Alternative angeboten werden kann, steht noch nicht fest. Auch die Mein Schiff 2 muss eine Karibik-Reise kurzfristig absagen. ADIA, MSC, Hurtigruten, Hapag-Lloyd – es gibt kaum ein Kreuzfahrtschiff, das bei den Routinetestungen an Bord keine prositiven Fälle entdeckt.

Das hat weitreichende und teure Konsequenzen für die Anbieter: Infizierte müssen in Quarantäne und/oder ausgeschifft, die Passagiere mit Charterflügen nach Hause befördert, die Schiffe desinfiziert und in einigen Fällen weitere Reisen abgesagt werden.

Dazu kommen Umroutungen und die Anpassung ganzer Fahrpläne. Für den Vertrieb heißt das: erhöhter Beratungsaufwand, Umbuchungen, Stornierungen – Mehrarbeit ohne Vergütung – wieder einmal.

Durch die damit verbundene Medienberichterstattung stellt sich jetzt auch wieder die Frage, wie sicher eine Kreuzfahrt eigentlich ist. Dazu hat die Branche eine klare Antwort: Sie ist sicher – sicherer als die meisten Aktivitäten an Land. Dafür gibt es gute Gründe. Zunächst einmal steigt die Inzidenz landesweit in allen Lebensbereichen – also auch die Wahrscheinlichkeit, dass Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff positiv getestet werden.

Strengere Hygienekonzepte als an Land

Hinzu kommt: Es gibt keinen Reisesektor mit so strikten Hygiene- und Sicherheitsprotokollen wie die Kreuzfahrt. Anders ausgedrückt: Wer viel testet, findet auch viel. Tatsächlich liegt der Anteil der Corona-Fälle an Bord gemessen an der Gesamtzahl von Passagieren und Crew im homöopathischen Bereich oder zumindest unter ein Prozent.

Die aktuelle Berichterstattung über "böse Reedereien" und Kunden, die um ihren Urlaub gebracht werden, hält der Vertrieb für nicht gerechtfertigt. "An Land führt niemand so strenge, funktionierende und begleitete Hygienemaßnahmen durch wie die Kreuzfahrt-Reedereien", sagt Bettina Zwickler, Inhaberin des Kreuzfahrt-Reisebüros Passage-Kontor und Vorstand im Vertriebsverbund Kreuzfahrt-Initiative.

Auch Alexis Papathanassis, Professor an der Hochschule Bremerhaven und Kreuzfahrtexperte, sieht die Vorgehensweise der Reedereien grundsätzlich positiv. "Die Hygieneprotokolle an Bord scheinen zu funktionieren", sagt er im Interview mit der "Berliner Zeitung". "Sonst würde man die Fälle ja gar nicht entdecken." Dass die Reisen frühzeitig abgebrochen werden, sei "verantwortungsvolles Handeln".

Aber klar ist auch: Für die Reisebüros hat sich die Arbeit wieder einmal erschwert. "Wir verzeichnen viele Rückfragen der Kunden und auch einige Umbuchungen und Storni", sagt Luisa Vierheller, Key-Account-Managerin beim Kreuzfahrtenportal E-hoi. "Die Verunsicherung ist groß." Der übliche und erhoffte Buchungsanstieg durch die Wave Season der Reedereien im Jänner bleibe momentan aus. "Er wird sich verlagern", glaubt Luisa Vierheller. "Wir konzentrieren uns jetzt auf den Sommer."

Die Jännerflaute bedeutet aber nicht, dass wenig gebucht wird. E-hoi verzeichnet etwa ein starkes Interesse an langfristigen Luxusreisen und hochpreisigen Trips. Auch im Passage Kontor von Bettina Zwickler läuft der Jänner zwar ruhiger als sonst. "Aber fast alle Kundenanfragen münden auch in eine Buchung", sagt sie. Die Kunden, die sich melden, wollten auch verreisen.

Bubble-Ausflüge bremsen kurzfristige Nachfrage

Allerdings: Durch die steigenden Corona-Inzidenzen gehen immer mehr Reedereien dazu über, Landausflüge wieder nur in der geführten "Bubble" zuzulassen. "Das bremst die kurzfristige Nachfrage, weil die Kunden die momentan angebotenen Zielgebiete meist schon gut kennen", ist Zwicklers Erfahrung. Auf jeden Fall erhöht es den Beratungsaufwand. "Wir müssen die gut funktionierenden Sicherheitsmaßnahmen, aber auch die Restrisiken klar ansprechen", sagt sie. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht."

Durch die neuen Reiseabsagen erhält aber auch ein weiteres Problem im Vertrieb wieder neue Nahrung: die ausbleibenden Provisionen bei zusätzlichem Beratungs- und Umbuchungsaufwand. Denn sagt eine Reederei aus Pandemiegründen eine Reise ab, muss sie keine Vergütung zahlen. Liegt der Grund etwa in betriebswirtschaftlichen Erwägungen, sieht die Sache anders aus.

Doch genau diese Gründe auseinanderzuhalten – und vor allem zu beweisen – ist schwierig. Liegt es an der Reederei oder an der allgemeinen Corona-Lage, wenn die Crew infiziert ist und Reisen abgesagt werden müssen? Werden Kreuzfahrten gestrichen, weil die rechtliche Lage in den Destinationen unklar ist oder weil die Auslastung nicht stimmt? Schwer zu beweisen und rechtlich strittig.

Für Bettina Zwickler ist eine Sache jedoch klar: "Wenn eine bereits begonnene Reise – und dazu gehören auch Anreise und Check-in – abgebrochen wird, muss Provision gezahlt werden." Das sei in einigen Fällen ein Streitpunkt zwischen Reisebüro und Reederei gewesen. Für die Reisebüro-Inhaberin und Verbandsvorsitzende ist das ein weiteres Argument dafür, die Konstruktion der Vergütungsmodelle zu überdenken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf fvw.de

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