Branchentalk

Im Gespräch Norbert Draskovits – Seiltanz mit festem Cargo-Netz

In Zeiten wie diesen einen Flughafen zu „dirigieren“, wenn das Orchester – die Fluglinien – nicht richtig spielen können, weil ein kleines Virus den Taktstock schwingt, ist schon für Hubs eine große Herausforderung. Für kleinere Flughäfen hingegen geht es – wie man so schön sagt – ans Eingemachte, denn von einer Handvoll Passagiere, die von den Regionalairports abheben, kann man nicht wirklich leben. Hat man, wie der Flughafen Linz, mit dem Frachtbereich aber ein zweites stabiles Standbein, geht’s einigermaßen, dennoch gleicht das Airportgeschäft, wie es Norbert Draskovits, Managing Director des Airport Linz im Gespräch mit dem traveller beschreibt, gerade einem Seiltanz mit festem Cargo-Netz.

traveller: Braucht man bei einem Passagierrückgang von fast 100 % (lt. Statistik Austria 97,6 %) am Flughafen Linz überhaupt noch fragen, wie es dem Flughafen Linz und den Mitarbeitern geht?

Norbert Draskovits: Es ist und bleibt ein ziemlich breiter Spagat zwischen Schichtplan-Administrierung und Kurzarbeitszeitmodus, um den operativen Betrieb weiter zu bewerkstelligen. Aber unsere Mitarbeiter, die gesamte Linzer Flughafen-Familie zeigt, was Zusammenhalt und Flexibilität alles möglich machen und auch das Zusammenspiel mit den Behörden funktioniert gut. Das macht bei aller Sorge um Wirtschaftlichkeit doch sehr stolz. Dabei hat das Jahr sehr gut begonnen, wir standen vor einer sehr guten Saison!

Werfen wir einen kurzen Blick zurück auf das „hätte werden können“?

Der heurige Charter-Sommer kündigte sich wirklich erfreulich an, wir haben von 23 auf 28 Kettencharter erhöht. Der Schwerpunkt lag auf Griechenland und Bulgarien, dieses Zielgebiet war super vorausgebucht. Was aus all diesen schönen Planungen wurde, ist bekannt. Anfangs war’s noch die Salamitaktik, wir haben step by step nach hinten geschoben, dann fiel Griechenland weg und am 02. Juli kam die totale Absage. Letztlich sind drei Flüge übriggeblieben: Brac mit GRUBER-reisen – dieser Flug fiel mit der Kroatien-Sperre dann auch weg – sowie mit Corendon Airlines nach Kreta und Rhodos, Corendon flog ab Mitte Juli bis Ende September durch. Und Bulgarien Air Charter (BUC) – im letzten Sommer war eine Maschine in Linz stationiert, mit der auch über Graz geflogen wurde – hätte heuer je ein Aircraft in Graz und Linz stationiert. So schade es ist, wir müssen nach vorne schauen und haben bereits den Sommer 2021 auf der Agenda.

Davor gibt’s aber noch den Winter 20/21 mit einer weiter anhaltenden Pandemie und gerade europaweit wieder stark steigenden Fallzahlen?

Dementsprechend ist auch die Winterplanung schwierig bzw. haben sich geplante Verbindungen bereits wieder in Luft aufgelöst. So hat Corendon den geplanten Las Palmas Flug mit der Reisewarnung Deutschlands für die Kanaren gecancelt. Die Maschine wäre aus Deutschland via Las Palmas nach Linz geführt worden. Dennoch haben wir mit Corendon und Sena Uzgören als Repräsentant der türkischen Ferienfluggesellschaft versierte Partner an der Seite, die unverändert an den österreichischen Markt glauben.

Im Liniensegment sieht es wohl auch nicht besser aus, oder?

Nein, das kann man nicht sagen. Die Linz-Frankfurt Verbindung hätte mit 01. September wiederaufgenommen werden sollen –  vor Corona flog Lufthansa mit einem Airbus viermal täglich diese Strecke, die stets einen sehr großen Transferanteil für Langstreckenverbindungen aufwies. Die Pläne für den Restart wurden jedoch wieder abgesagt und es ist unklar, ob diese Verbindung in diesem Winter überhaupt wieder geflogen wird. Denn das Geschäftsreisesegment ist total eingebrochen und wird in gewohnter Dichte wohl auch so rasch nicht zurückkommen. Mit einem Neustart der Strecke rechne ich erst im Sommerflugplan.

Anders sieht es bei unserer Düsseldorf-Verbindung aus – diese wurde von Austrian dreimal täglich mit einer Dash bedient. Auf dieser Strecke gibt es kaum Transfer-Passagiere, es ist nahezu reiner Lokalverkehr. Ich glaube, dass diese Strecke auch wieder schneller funktionieren wird, daher startet diese Verbindung bereits im November mit werktäglichen Flügen.

Wie groß ist die Gefahr, dass Linz aufgrund seiner „Sandwich-Position“ zwischen Wien und München im Liniensegment jetzt überhaupt „unter die Räder“ kommt?

Diese Gefahr sehe ich nicht, aber natürlich steigert das permanente Verschieben und Stornieren von Flugverbindungen die bereits coronabedingt vorhandene Verunsicherung weiter. Der Passagier, der vor der Krise ab Linz geflogen ist, wechselt jetzt nach München, weil ab dort innerdeutsch verlässlich geflogen wird. Die politischen Auf- und Ab Entscheidungen sowie die uneinheitlichen Reiserichtlinien in Europa führen zudem zu einem immer späteren Buchungsverhalten – und genau diese Kurzfristigkeit macht eine Planung für Airlines und Reiseveranstalter nahezu unmöglich. Gerade Airlines brauchen aber für ihre Flug- und Flottenplanung eine längere Vorlaufzeit. Werfen wir nur einen Blick auf die aktuelle Reiselandkarte, wohin wollen bzw. wohin können Urlauber im kommenden Winter fliegen? Kanaren, Karibik, Ägypten und jetzt auch wieder die Malediven – alles zu. Es ist ein gordischer Knoten, durch den wir wohl durchmüssen und hoffentlich auch alle halbwegs gut durchkommen.

Sie sagten eingangs, dass man bereits am nächsten Sommer feilt, was denken Sie wird möglich sein?

Wir haben für den Sommer 2021 auf Basis der vorhandenen Buchungen das 2020er-Flugprogramm in den Systemen gespiegelt. Dem Ersuchen der Veranstalter, nicht zu stornieren, sondern umzubuchen, wurde nämlich seitens der Kunden auch mehrheitlich entsprochen, was die große Loyalität zum Veranstalter und Reisebüro deutlich macht. Sicherlich wird der nächste Sommer volumenseitig noch nicht am Sommer 2019 sein, dennoch planen wir wieder die Stationierung eines Aircrafts. Je früher es eine Impfung gibt, umso leichter wird es, man darf sich aber auch dann noch nicht die große Erholung erwarten. Es wird wohl weiterhin eher später gebucht werden, die Kapazitäten werden geringer sein und auch die Veranstalter werden ein kleineres Risiko eingehen. Ich rechne für 2021 mit rd. 60 % der Charterkapazitäten aus einem normalen Jahr. Womit, so man nicht über ausreichende Substanz verfügt, es weiterhin für alle in der touristischen Leistungskette tätigen Unternehmen finanziell sehr schwierig bleibt.

Verfügt der Linzer Airport über ausreichend Substanz?

Ja, der Flughafen Linz ist Gott sei Dank in einer sehr guten Position. Wir verfügen, dank gutem Wirtschaften der letzten Jahre, über die notwendigen Reserven und eine schlanke Kostenstruktur, die ermöglicht, Gewinne zu erzielen und wir genießen seitens des Aufsichtsrats vollste Unterstützung. Wir werden bis Ende März 2021 die Kurzarbeit verlängern und im nächsten Jahr auch von unserer Substanz leben, haben aber mit der Fracht ein stabiles zweites Standbein. Den Flughafen Linz wird es definitiv auch noch nach der Pandemie geben, denn Oberösterreich befindet sich in einem soliden wirtschaftlichen Umfeld mit starkem Geschäftsreiseaufkommen.

Kaum Passagiere, dafür viel Fracht – hat Cargo den Linzer Flughafen im Lockdown am Leben erhalten?

Das kann man durchaus sagen. Der Flughafen war mit eingeschränkten Betriebszeiten in den Lockdown-Monaten für die Fracht immer geöffnet, aber auch, um als Alternate für Wien zu fungieren. Seit Juni sind wir wieder im vollen Regelbetrieb.

Der Frachtbereich macht wirklich große Freude, nach einem Einbruch im März und April liegen wir hier nahezu wieder auf Vorjahresniveau. Und mit den zwei neuen wöchentlichen reinen Cargo-Großraumflügen von Turkish Airlines – donnerstags mit einem A330 und sonntags mit einer Boeing 777 – verfolgen wir mit der sehr guten geopolitischen Lage des Hubs Istanbul unsere Fokussierung Richtung Asien konsequent weiter.

Die Fracht war für den Linzer Flughafen immer schon eine fixe Größe, jetzt jedoch besonders …

Fünf Frachtterminals plus der neue DHL Terminal (eröffnete im Mai 2019, das Investment betrug 27 Mio. Euro) zu einem Passagierterminal (in normalen Zeiten mit rd. 400.000 abgefertigten Fluggästen) machen den Stellenwert der Fracht für den Linzer Flughafen deutlich. 27 % der österreichischen Exporte kommen aus OÖ, mit jährlich rd. 50.000 Tonnen umgeschlagener Fracht rangieren wir im deutschsprachigen Raum unter den Airports an elfter Stelle und werden auch im Pandemiejahr 2020 diese Tonnagen nur knapp verfehlen. Der Vorteil von Linz ist die Kleinheit, sie macht uns weniger fehleranfällig, gewährleistet dafür aber viel Flexibilität und schnellere Durchlaufzeiten. Wir bieten etwas, das große Hubs nicht können: Wir servicieren alles aus einer Hand.

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