• Dr. Josef Peterleithner, Mag. Andreas Winkelhofer (GF OÖ Tourismus) und Dr. Walter Säckl (ÖRV) <br> © Florian Albert

    Dr. Josef Peterleithner, Mag. Andreas Winkelhofer (GF OÖ Tourismus) und Dr. Walter Säckl (ÖRV)
    © Florian Albert

ÖRV: Ein etwas „anderer“ Kongress ...

… der von 4. bis 5. Mai 2017, im einstigen Minoritenkloster – das über die Jahrhunderte auch Schwurgerichtssaal und Kaserne war – in Wels stattfand.

Im alten Mittelschiff der Kirche tagte der Österreichische ReiseVerband (ÖRV) und wurde alleine schon mit der Wahl dieser etwas anderen Eventlocation – wohl eine der beeindruckendsten Österreichs – dem Kongressmotto gerecht. „Mut und Veränderung“, so das Leitthema des 57. Frühjahrskongresses, hatte nämlich auf den  ersten Blick eher wenig mit dem touristischen Tagesgeschäft zu tun, und traf dennoch voll ins Schwarze.  

Ein etwas „anderer“ Kongress In etwas anderen Zeiten, eröffnet den Blick über den eigenen Tellerrand und damit auch den Blick auf neue Horizonte. Genau das tat der ÖRV, er spannte mit einem anspruchsvollen Kongressprogramm den Bogen zwischen Gegenwart und Zukunft, in der sich Traditionelles und Neues, Analoges und Digitales, im touristischen Business, im stationären Reisebüro, nicht mehr ausschließen (werden). Denn wer heute noch denkt, am Internet in all seinen Ausprägungen vorbeizukommen, wer glaubt, dass Social Media, Google & Co, Virtual Reality, Chatbots und künstliche Intelligenzen unter Zuhilfenahme von Ignoranz wie ein Schnupfen wieder vergehen, ist schlicht Realitätsverweigerer. Und wird überbleiben. Nimmt man hingegen die digitale Zukunft mit allen Veränderungen – die längst Gegenwart sind – und deren rasantes Voranschreiten man weder vermeiden noch verhindern kann, an – wozu Mut und Veränderungswille gehören – bleibt man im Spiel. 

Raus aus der Komfortzone

Darum auch die Wahl des ÖRV-Vorstandes, sich dieser Thematik mehr aus psychologischer, medizinischer, sozialer und technischer denn aus rein touristischer Sicht zu nähern: „Wir haben dieses Motto gewählt, da Veränderungskompetenz ohne Zweifel eine der Schlüsselqualifikationen für die Zukunft ist. Um diese Kompetenz zu verbessern, bedarf es der Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln, die Initiative für Veränderungen zu ergreifen, an dieser Kompetenz zu arbeiten, um langfristig den Erfolg des Unternehmens zu sichern. Wer verstanden hat, dass man nichts ändern kann, außer sich selbst, wird auch den Mut aufbringen, die Komfortzone zu verlassen und an den Veränderungen zu arbeiten“, ist Dr. Josef Peterleithner, ÖRV Präsident, überzeugt. Und mit ihm wohl jetzt auch viele der mehr als 140 Teilnehmer, die nach Wels kamen und damit den diesjährigen Frühjahrskongress zum bestbesuchten ever machten. Was, unabhängig davon, dass der ÖRV-Frühjahrskongress DIE jährliche Netzwerkveranstaltung der heimischen Touristik ist, auch sehr viel mit dem spannenden Programm zu tun hatte. 

„Sie sind Paradiesvermittler!“

Denn die Themen wurden von ausgewiesenen Rednern – Dr. Felix Frei (AOC Unternehmensberatung Schweiz) sprach über „Das Ende der Hierarchien“, Univ. Prof. Dr. Reinhold Popp (Freie Universität Berlin & Sigmund Freud Privatuni Wien) über „Österreich 2033 – Und die Erde dreht sich weiter“, Dr. h.c. Franz Küberl (Caritas Direktor a. D.) über „Soziale Aspekte bei Veränderungen“, Dr. Wolfgang Jäger (Institut manageHealth) über „Veränderungsprozesse im Spannungsfeld Führung & Mitarbeiter“, Univ. Prof. Dr. Joachim Bauer (Uniklinik Freiburg) über „Menschliche Grundmotivationen aus eurowissenschaftlicher Sicht“, Kerstin Will (Director HR AIDA Cruises) über „Herausforderungen des Human Resort Managements aus der Sicht einer Reederei“, Univ. Prof. Dr. Dr. Peter Fischer (Abteilungsvorstand Psychiatrie SMZ Ost) über „Denken & Fühlen im Alter“, Stefanie Reif (Industry Manager Google Austria) über „Digitale Potenziale bei der Costumer Journey und Rainer Schäfer (Country Manager Sabre) über „Power of Personalization“, aus den unterschiedlichsten Sichtweisen dargelegt. Und zum (Mit)Denken anregten, denn bis auf die Keynote des DER Touristik Group Bosses, Sören Hartmann, hatten nahezu alle Vorträge keinen unmittelbaren Bezug zum touristischen Geschäft und stellten trotzdem oder gerade deshalb wertvolle Impulsgeber am Weg des individuellen Veränderungsprozesses dar. Gaben sie doch viele wertvolle Inputs und lösten Denkprozesse bei den Kongressteilnehmern aus, über die abends, im Schloss Bernau, wo man auf Einladung von OÖ Tourismus fein speiste, und später an der traditionellen Amadeus Bar, eifrigst diskutierte. Apropos Geselligkeit, der ehemalige Caritas-Präsident, Franz Küberl, attestierte gerade dem geselligen Umgang untereinander im sozialen Wandel „heilende“ Wirkung: „Veränderung bedingt, um voranzukommen, Zivilcourage und vor allem qualifizierte Führungskräfte. Sie als Touristiker durchbrechen mit dem, was Sie tun, die Einsamkeit von Menschen und wirken der gesellschaftlichen Deformation entgegen. Denn ein wesentliches Element für Bildung ist Geselligkeit, genau das bieten Sie als Paradiesvermittler tagtäglich an.“ 

Einige Referate sind unter www.oerv.at/de/index.php?page=kongress-2017 nachzulesen, unter www.oerv.at/de/index.php?page=twitter-live-2017 geht es zur twitter Live-Reportage von Günter Exel – mit traditionellem Schluss-Interview des ÖRV-Präsidenten.

Mit Mut für eine globale Welt

„Ich finde es sehr gut und mutig als Verband über Haltung zu sprechen“, sagte Sören Hartmann, der in seiner Rede den Weg der Veränderung der DER Touristik aufzeigte. Alleine das Auswechseln des gesamten IT-Systems sei wie eine Herztransplantation gewesen, aber: „wir haben’s durchgezogen, und es war richtig.“ Große Veränderungen sagt er, sind wie eine Geburt. Sie tun anfangs weh, sind nachhaltig aber sehr gut. Ja, die Lage der Reiseveranstalter ist instabiler als vor zehn Jahren, das sei aber nicht tragisch. Vorausgesetzt, man stelle sich den Veränderungen und nimmt diese an. „Schließlich verhält sich der Kunde längst nicht mehr so, wie wir das alle gewohnt sind.“ Der geht nämlich zuerst ins Netz, um sich allumfassend zu informieren, daher führt am Omni- bzw. Multi-Channel auch kein Weg mehr vorbei. „Unsere DER-Reisebüros in Deutschland sind hierfür beispielgebend. Wir verdienen dort richtig gutes Geld, weil wir die Veränderungen angenommen, investiert und technisch aufgerüstet haben.“ Aber nicht nur der Kunde, auch die Technik hat sich verändert: „Wir erleben längst die dritte technische Revolution, mit allen Risiken und Chancen.“ Daher auch seine Empfehlung, gerade in Österreich, wo der Markt unternehmerisch stark mittelständisch geprägt ist, eine Zusammenarbeit mit jenen Unternehmen einzugehen, die mit Daten jonglieren. Viel Mut wird der Touristik auch künftig abverlangt werden, sei es durch politische Instabilität in kritischen Destinationen, „die aber weiterhin zu unseren Kern-märkten gehören“, durch volatile Finanzmärkte und den Klimawandel. „Reisen, so ehrlich muss man schon sein, stehen ja im Umweltfreundlichkeits-Ranking nicht on top.“ Daher gilt, mit aktivem Engagement, wie das der REWE Konzern tut, vor allem die Bildungssituationen in den armen Ländern verbessern zu helfen. Demographisch gesehen wird die Branche in den nächsten 20 Jahren wohl noch wachsen. Die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, werden als aktive und zahlungskräftige Ältere noch viel reisen, aber: „die Wirklichkeit kommt danach, das Konsum- und Reiseverhalten wird dann gänzlich anders aussehen.“ Daher gilt schon jetzt „die neue Generation sprechen lassen und beginnen, ihnen zu vertrauen“, sagt Hartmann und appelliert an den europäischen Zusammenhalt. Daran, den Austausch mit anderen Kulturen nicht in Frage zu stellen und Grenzen nicht zu schließen. „Ich verstehe die Ängste der Menschen, aber wir müssen mit Mut für ein gemeinsames Europa und eine globale Welt einstehen.“ Der Politik richtet er aus, dass man, Stichwort Pauschalreiserichtlinie, weiter kämpfen wird, um frei und wettbewerbsfähig zu bleiben. „Seien Sie selbst der Treiber der Veränderung und werden Sie Treiber Ihres Change-Prozesses. Agieren sie antizyklisch, mit Mut zum Risiko, und auch mit Mut, manche Dinge in den Sand zu setzen“, gibt Hartmann den Touristiker-Kollegen als Empfehlung mit auf den Weg.

Muss man sich sorgen?

Sieht man sich die touristische Entwicklung des letzten Jahres in Österreich mit 23,4 Mio. abgefertigten Passagieren am Flughafen Wien (+ 2,5 %), 140,9 Mio. Nächtigungen (+ 4,2 %), 41,5 Mio. Ankünften (+ 5,2 %), 14,9 Mio. Übernachtungen in Wien (+ 4,4 %) bei 6,9 Mio. Ankünften (+ 4,5 %) und einer touristischen Wertschöpfung von 45,7 Mrd. Euro – entspricht 13,4 % des BIP – an, muss man die Stirn nicht in Falten legen. Weil auch Urlaubsreisen 2016 gegenüber 2015 um zehn Prozent auf 19,7 Mio. und Geschäftsreisen um 2,6 % auf 3,9 Mio. gestiegen sind. Die Reisebürostruktur mit 2.674 Reisebüros, davon 735 Veranstalter, 11.400 Beschäftigten und in 2016 4,7 Mrd. Euro Umsatz (– 5,5 %) – unterliegt keinem nennenswerten Wandel, Schließungen werden mit Neueröffnungen ausgeglichen. Die Nachfrage nach Individual- und Bausteinreisen steigt, wie auch der durchschnittliche Reisepreis, der elektronische Reisevertrieb gewinnt weiter an Bedeutung. Dass man in der Gäste- und Umsatzentwicklung 2016 unter Vorjahr abschloss, liegt vor allem in den krisenbedingten Ausfällen beliebter Urlaubsländer – vor allem der Türkei. Italien, Deutschland und Kroatien waren die Top-Selbstfahrer-Ziele, im Flugbereich hatten Griechenland und Spanien die Nase vorne und im unverändert boomenden Kreuzfahrtenbereich legte man um 1,3 % (132.100 Gäste) zu. Und hätte, wären die entsprechenden Kapazitäten für den österreichischen Markt vorhanden gewesen, noch weit besser abschneiden können. Das 2017er Jahr – das mit der Türkei weiter ein großes Fragezeichen beinhaltet – lässt hoffen, gesamt liegen die Buchungen bereits deutlich über Vorjahr. „Die Nachfrage nach Qualität ist unverändert eine große“, führt Peterleithner aus. Jedoch hat man flugtechnisch – mit dem Durcheinander in den airberlin/NIKI Flugplänen und den daraus resultierenden Flugstreichungen bzw. Verspätungen massiven Mehraufwand, die Reisebüros werden hier unverschuldet zum Buhmann für den Kunden: „Auswirkungen und Arbeitsaufwand für die Reisebüros sind enorm, diese Situation ist eine sowohl für den Kunden als auch die gesamte Branche untragbare“, sagt Peterleithner und reklamiert eine rasche Lösung im Sinne aller Beteiligten. 

Dem digitalen Entwicklungstrend weiter folgend, hat man im ÖRV die Zukunft des Reisebüros im Zusammenhang mit der modernen Technik und Social Media unverändert im Fokus, weil, so Peterleithner: „Eine Verknüpfung von Off- und Online in den stationären Reisebüros unumgänglich ist.“ Die Beratungsgebühr ist – entsprechendes Fachwissen vorausgesetzt – ebenso ein MUSS – wofür man auch im ÖRV weitere Anreize für Mitarbeiter schaffen möchte. U. a. mit dem Touristik Camp „Young Future“, mehr dazu unter www.oerv.at/de/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=124&cntnt01returnid=142s, oder auch mit der in Kooperation mit dem TTC heuer bereits zum elften Mal stattfindenden ÖRV-Akademie, der „Kaderschmiede“ für Führungskräfte bzw. Nachwuchsführungskräfte. Anmeldungen dazu sind bereits unter E-Mail ttc@europaeische.at möglich.

Unverändert viel zu tun hat man in den Ausschüssen, neben „Standard-Themen“ wie Lobbying und Kommunikation, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Aus- und Weiterbildung vor allem mit der Pauschalreiserichtinie – in Österreich ist im Unterschied zu Deutschland die Wirtschaftskammer gesetzlicher Ansprechpartner, der Versicherungsvermittlerrichtlinie – hier ist bis Sommer mit einem Gesetzesentwurf zu rechnen, der DCC der Lufthansa Group – die eingebrachte Klage ist beim Kartellgericht anhängig – und auch die noch im Entstehen befindliche neue Airline rund um NIKI und TUIfly hat im ÖRV-Arbeitspapier für 2017 einen fixen Platz. Dazu kommt noch das Margensteuerproblem und, und, und. 178 Mitglieder (78 ordentliche, 100 außerordentliche) und darunter mit BigBus, on tour, STR, Z.I.E.L., SMS Flughafentransfer oder Mader Reisen namhafte Neuzugänge, bilden aktuell den Österreichischen Reiseverband, der von 5. bis 8. November 2017 in Andalusien/Cordoba, seinen 57. ÖRV-Herbstkongress abhalten wird. 

Wo in Österreich 2018 der 58. Frühjahrskongress zu Gast sein wird, ist ebenso wie das Leit-Motto noch unbekannt. Die Latte liegt in jedem Fall für den ÖRV und „Mastermind“ Dr. Walter Säckl als Kongressmotto-Denker hoch. Man darf gespannt sein. 

(by bc)

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